Crowleys Kommentar zu Hadit 9

AL II,9: „Denket alle daran, dass Existenz reine Freude ist, dass alle Sorgen nur wie Schatten sind, sie vergehen und sind vorbei, doch da ist das was bleibt.

Der alte Kommentar
So gehen wir natürlich und leicht in den erhabenen Optimismus von Vers 9 über. Die Lüge wird dem Pessimismus nicht durch Sophisterei, sondern durch eine direkte Erkenntnis gegeben.

Der neue Kommentar
Dieser Vers wird in Liber Aleph sehr gründlich erklärt. „Alles in dieser Art sind nur Schatten“, sagt Shakespeare und bezieht sich dabei auf Schauspieler. Das Universum ist ein Puppenspiel zur Belustigung von Nuit und Hadit bei ihrer Hochzeit; ein wahrer Sommernachtstraum. Und dann lachen wir über das spöttische Leid von Pyramus und Thisbe, das ungeschickte herumtanzen eines Untergebenen; denn wir verstehen die Wahrheit der Dinge, dass alles ein Tanz der Ekstase ist. „Wäre die Welt verstanden, würdet Ihr wissen, dass es gut ist, ein Tanz nach lyrischen Maßstäben! Die Natur der Ereignisse muss „reine Freude“ sein; denn offensichtlich ist alles, was geschieht, die Erfüllung des Willens ihres Meisters. Trauer erscheint so als das Ergebnis eines jeden erfolglosen – und deshalb schlecht beurteilten – Kampfes. Die Annahme in der Ordnung der Natur ist die höchste Weisheit.

Man muss das Universum vollkommen verstehen und seinem Druck gegenüber völlig indifferent sein. Dies sind die Tugenden, die einen Meister des Tempels ausmachen. Dennoch muss jeder Mensch handeln, was er will; denn er wird durch seine eigene Natur mit Energie versorgt. Solange er „ohne Gier nach Ergebnissen“ arbeitet und seine Pflicht um ihrer selbst willen tut, wird er wissen, dass „die Sorgen nur wie Schatten sind“. Und er selbst ist „das, was bleibt“; denn er kann ebenso wenig zerstört oder sein wahrer Wille durchkreuzt werden, wie die Materie abnimmt oder die Energie verschwindet. Er ist eine notwendige Einheit des Universums, gleich und entgegengesetzt zur Summe aller anderen; und sein Wille ist in ähnlicher Weise der letzte Faktor, der das Gleichgewicht der dynamischen Gleichung vervollständigt. Er kann nicht scheitern, wenn er es wollte; daher sind seine Sorgen nur Schatten – er könnte sie nicht sehen, wenn er seinen Blick auf sein Ziel, die Sonne, gerichtet halten würde.

Ein Kommentar zu „Crowleys Kommentar zu Hadit 9

  1. „Dies sind die Tugenden, die einen Meister des Tempels ausmachen.“ Fein!

    *Lächel* doch welcher M. d. T. sollte sich etwas aus Tugenden machen? Er macht sich ebenso wenig etwas daraus, wie aus Un-tugenden, er ist jenseits solcher dualen Konzepte und Unterscheidungen, sie sind aufgelöst durch: Liebe unter Willen.

    🙂

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