Willkommen in meinem Kopf, Die Seekarten des Hamburger Himmels (v. Claas Hoffmann)

Die Seekarten des Hamburger Himmels

Maria hatte sich im Esoterik-Buchladen Wrage das monatlich erscheinende Körper, Geist & Seele-Heftchen besorgt, in dem neben neuen Büchern auch immer eine Liste der spirituellen Veranstaltungen in Hamburg zu finden ist. Sie zeigte mir einen Tarot-Einführungsabend, der in der Buchhandlung stattfinden sollte. Wir gingen zusammen dort hin, obwohl ich glaubte, keine Einführung in den Tarot mehr zu benötigen.

Um einen niedrigen Tisch herum saßen zwischen all den New Age-Büchern 15 Menschen, überwiegend Frauen. Ein etwa 40 Jahre alter Mann, Prof. Gerd Krüger, war der Tarot-Fachmann. Auf dem Tisch lagen mindestens zehn verschiedene Kartenspiele. Herr Krüger erzählte einige allgemeine Dinge über den Aufbau und die Benutzung der Karten. Anschließend bat er uns, jeweils eine Karte, die wir anziehend finden, aus den Trümpfen heraussuchen. Dann erzählte er jedem ein paar Sätze über deren Bedeutung. Ich hatte den Teufel gewählt. „Du mußt zu deinen dunklen Seiten stehen und sie ausleben“, riet mir Gerd, der weise Tarotprofessor. Als die Veranstaltung zu Ende war, kam ein sehr hübsches, rothaariges, blauäugiges Mädchen auf mich zu. „Bist du nicht Claas? Claas Hoffmann?“ „Ja.“ „Oh, du siehst ja richtig fröhlich und gesund aus. Früher sahst du so blaß und traurig aus. Ich habe dich in der Schule, im Athenaeum, immer auf dem Schulhof angeschaut und mochte dich nie ansprechen. Ich bin Diana Krüger, die Tochter von Gerd.“ Als sie mir ihre Adresse gab, packte Maria hysterisch meinen Arm und zog mich nach draußen. Sie begann zu weinen, „Es ist aus! Es ist aus! Das ist deine nächste Freundin! Mit der wirst du schlafen und mit der wirst du zusammen sein! Uhuhu! Das tut so weh! Tut so weh!“ Sie hörte den ganzen Abend nicht auf zu weinen, egal was ich sagte.

Wenige Tage später fuhr ich mit der S-Bahn zur Station Osterstraße und ging von dort aus zum Studentenwohnheim. Diana lebte hier mit ihrem Vater. Nicht in einem Studentenzimmer, sondern in einer schönen drei Zimmer Wohnung. Ich glaube, Gerd arbeitete im Wohnheim als Studentenberater. Was er an der Uni unterrichtete, weiß ich nicht.

Diana öffnete die Tür. „Hallo“, sagte ich schüchtern, „hast du Zeit für mich?“ „Ja, ich habe immer Zeit für dich.“

In der Wohnung roch es nach Duftölen und Weleda-Hautcreme. Auf dem Spiegel im Badezimmer klebte ein Schildchen: Sorge dich nicht, lebe! Im Wohnzimmer standen viele esoterische Bücher. Ich glaube, alleine zwanzig über das Tarot und die Kabbala, sieben über das I Ging und andere über Runen-Orakel. Alle verschiedenen Kartenspiele oder Spielsteinchen die man als Spiegel der Seele benutzen kann.

Im Kühlschrank lagen gesunde Sachen aus dem Bioladen.

An den Wänden hingen Bilder von verschiedenen Buddhas, Hindu-Göttern oder Gottheiten aus anderen Religionen. Ich war ganz verzückt von Diana und der schönen Atmosphäre. Wir redeten über Tarotkarten, Götter und Geister und verstanden uns wunderbar.

Als ich wieder nach Hause kam, war Maria außer sich. Ich liebte sie, aber ich wollte mich nicht von ihr einsperren lassen. „Ich glaube dir nicht, daß ihr euch nur unterhalten habt. Ihr habt doch gefickt! Gefickt! Und beim ficken habt ihr vielleicht geredet! Uhuhuhu! Du bringst mich um! Ich halte das nicht aus!“ Sie konnte sich nicht mehr beruhigen und fuhr für einige Tage zu ihren Eltern nach Dortmund.

Diana besuchte mich. Ich freute mich, nicht allein zu sein und kochte einen Tee. Das Telefon klingelte. Es war Maria: „Ist SIE bei dir?“ „Ja.“ „Oh Gott, du weißt ja nicht, was du mir antust!“

Sie beschloß, wenn sie aus Dortmund zurückkommen würde, nicht zu mir nach Othmarschen zu kommen, sondern wieder in die Trinkstraße nach Stade zu ziehen, weil sie ja wisse, daß ich bald meinen Schwanz in diese schreckliche böse Möse stecken würde, und das könnte sie nicht überleben, wenn sie mich nicht vorher verläßt.

Ich war traurig.

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