Willkommen in meinem Kopf, Teufelsbrück, die Schule der Gestaltung (v. Claas Hoffmann)

Teufelsbrück, die Schule der Gestaltung

In Othmarschen begann ich, jeden morgen eine Dreiviertelstunde durch den nahegelegenen Jenischpark zu joggen. Ich lief von der Haustür aus bis zur Skulptur eines menschengroßen Holzteufels am Elbufer. Man nennt das Elbufer dort, wo der Fluß an den Jenischpark grenzt, Teufelsbrück. Jeden Tag sagte ich dem Teufel „Guten Morgen“ und lief zurück. Auch übte ich täglich den Sonnengruß, dynamisches Yoga. Meine Stimmung im Kampf gegen mich selbst verwandelte sich in Triumph und Hochgefühl. Das Kartenspiel half mir nicht nur fit und drogenfrei zu leben, sondern auch, gut in der Schule zu sein. Wenn ich die Hausaufgaben nicht machen wollte, nahm ich das Tarotspiel, zog die Niederlage oder die Vergeblichkeit und wurde wütend. Dann mischte ich noch einmal, fest entschlossen, für die Schule zu arbeiten, zog den Sieg oder die Stärke und machte meine Hausaufgaben.

Obwohl drogenfrei, fühlte ich mich trippig. Überall sah ich Synchronizitäten. Wenn in der S-Bahn vor mir jemand die Zeitung aufschlug, drehten sich die Zeitungsüberschriften um meine Gedanken. Nicht meine Gedanken um die Zeitungsüberschriften. Alles, ALLES empfand ich als den Spiegel meiner inneren Stimmen. Nicht meine Gedanken als Reflektionen auf Dinge, die ich sah.

Maria und ich hörten kein Radio oder lasen Zeitung, hatten keinen Fernseher. Wir lebten in unserer Welt aus Kräutertee, Früchten, Gemüse, Zwiebeln, Knoblauch und Tarotkarten. Ich aß so viel Zwiebeln und Knoblauch, daß in der Schule niemand neben mir sitzen wollte. Ansonsten mochten mich meine Mitschüler. Sie wählten mich zum Klassensprecher.

Ich weiß nicht, ob Maria von Kind auf krankhaft, neurotisch eifersüchtig war. Immer, wenn ich mit einer Frau oder einem Mädchen allein war, glaubte sie, ich würde mit ihnen schlafen. Dabei war ich Maria so treu wie Gold. Seit unserer ersten Nacht hatte ich mit niemand anderem geschlafen. An Sex dachte ich allerdings von morgens bis abends. Manchmal überkam mich die Wahnvorstellung, JEDER Mann und JEDE Frau, egal wie alt, egal wie schön oder wie häßlich, wollten mit mir schlafen. Gleichgültig, welches Mädchen ich in der Schule ansah, ich mußte an Sex denken.

Eines Tages mußten sich alle Schüler in der Pausenhalle versammeln. Wir bekamen die Nachricht, daß wir nicht mehr zur Schule gehen sollten. Das Gebäude war renoviert worden. Man hatte dummerweise giftige PVC-Platten verwendet. Jetzt plagten Schüler Kopfschmerzen oder sie waren an etwas Anderem erkrankt. Eine Ironie des Schicksals. Ich lebte so gesund wie der vorbildlichste Mensch der Erde und wurde hier vergiftet. Kriegte einen riesen, dicken Eiterfurunkel am Arsch, den mir ein Chirurg aufschnitt.

Unsere Klasse wurde in das Gebäude einer Grundschule versetzt. Ich lief trippig und geil zwischen den Kindern auf dem Schulhof umher. An einer Tür hing ein Plakat: „Das Leben ist ein Traum“. Ich weiß nicht warum, aber es hing dort nur für mich. Vier kleine Kinder liefen hinter mir her und riefen: „Duuu, weißt du was GEIL ist? HII hihi, Prrf, SEXBESESSEN. Hahaha.“

Im Englischunterricht fragte unser Lehrer, Herr Kolleg, ob wohl jemand vom Hausmeister ein Stück Kreide holen könne. „O.K., ich gehe.“ Während ich weg war, erzählte er der Klasse, daß ich Koks nehmen würde und sie doch versuchen sollten, mir zu helfen. Ich ging zum Hausmeister und sagte, ich möchte ein Stück Kreide. Der drückte mir einen ganzen Karton in die Hand. Als ich Herrn Kolleg den Karton brachte, mußten alle lachen. Er hatte nun schon wieder einen Beweis dafür, daß ich kokssüchtig sein mußte. Er nahm sich ein Stück Kreide und schickte mich mit dem Karton zurück zum Hausmeister. Nach dem Unterricht kam er zu mir und sagte, ich könne ihm wirklich vertrauen und mit ihm über alles reden. Ich hatte auch Vertrauen zu ihm, aber in meinem ganzen Leben noch kein Koks genommen.

Wenn meine Mitschüler in den Pausen Kaffe tranken oder Zigaretten rauchten, aß ich Pampelmusen. Meine Gedanken an Zigaretten und Kaffee, Alkohol, Fleisch und Drogen waren aus meinem Kopf verschwunden. Ich wollte nur noch ein großer Yogi und Tarotkartenmeister werden.

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