Willkommen in meinem Kopf, Wie schreibt man „Schreiben“? (v. Claas Hoffmann)

Wie schreibt man „Schreiben“?

Nach dem Erstickungsanfall im Kaufhaus lief ich zu einem Psychiater und bat ihn, mich krank zu schreiben. Kurz darauf besuchte mich meine Mutter, der ich erzählte, daß ich einen neuen Praktikumsplatz suchte. Bald gab sie mir einen Zeitungsartikel über eine Grafikdesignerin, die ein Atelier in Horneburg eröffnet hatte. Eines meiner verbrannten Gedichte begann mit den Worten „Seine Mutter war für ihn geboren, keine Einkaufsmöglichkeiten gab es in der Stadt … „ Ich zog die Karte Umsicht und besuchte Frau Susanne Dorendorff in ihrem Atelier. „Ich suche einen Praktikumsplatz für eine Grafik-Design-Schule.“ „Schön, ich suche einen Praktikanten.“ Frau Dorendorff arbeitete als Illustratorin. Wenn sie Geld brauchte, und es sich nicht vermeiden ließ, entwarf sie Werbekonzepte. Wir verstanden uns prima. So sagte ich bald Susanne und nicht Frau Dorendorff. Sie träumte davon mit Interpretativem Schreiben berühmt zu werden und liebte es, mit verschiedenen Federn zu zeichnen. Schrieb sie „Liebe“, verlangte sie, daß die Form der Buchstaben auch nach „Liebe“ aussah. Schrieb sie „Haß“, sollte der „Haß“ auch zu erkennen sein. Die unterschiedliche Gestalt der Buchstaben war ihr Werkzeug, Gedanken und Gefühle auszudrücken. Las sie einen Text, dessen Schriftart ihr nicht gefiel, glaubte ich zu sehen, wie ihr übel wurde. Daß ihr Buchstabenformen so heilig waren, erinnerte mich an Crowleys Liber AL. Darin heißt es:

Ändere nicht einmal die Form eines Buchstabens, denn siehe, du o Prophet sollst nicht alle Geheimnisse schauen, die darin verborgen sind.“ Und: „Dieses Buch soll in alle Sprachen übersetzt werden: aber immer mit dem Original in der Schrift des Biestes; denn in der Zufallsgestalt der Buchstaben und ihrer Position zueinander: Darin sind Geheimnisse, die kein Biest weissagen soll: Laß ihn nicht suchen, zu versuchen: Aber einer kommt nach ihm, woher sage ich nicht, der den Schlüssel zu allem entdecken soll: Dann ist diese gezogene Linie ein Schlüssel: dann ist dieser quadrierte Kreis in seinem Mißlingen ein Schlüssel ebenso. Und Abrahadabra. Es wird sein Kind sein und dies seltsam. Laß ihn nicht danach suchen, denn allein dadurch kann er davon abfallen.“

Das Liber AL wurde Crowley vom Gesandten des falkenköpfigen Gottes geschickt. Als ich das erste Mal Susannes Atelier betrat, lag auf ihrem Kopiergerät ein Buch über Falken. Ihr Bruder und sie selbst interessierten sich für diese Vögel. Ich zeigte ihr das Buch des Gesetzes. „Interessant“, fand sie, war aber nicht hypnotisiert wie ich. Auf meine Frage, ob sie einige Verse daraus „interpretativ“ schreiben wolle, entgegnete sie geheimnisvoll: „Es ist noch nicht so weit.“

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