Willkommen in meinem Kopf. Trommeln, Blut und Blödsinn (v. Claas Hoffmann)

Trommeln, Blut und Blödsinn

Ach könnte ich nur gute Karten ziehen! Alles wäre so einfach! Die Karten, die ich nicht mochte, suchte ich aus dem Spiel heraus. Etwa ein Drittel des Tarots. Versteckte sie unter einer kleinen Kupferpyramide. Die guten Karten legte ich davor. Ein teuflischer Einfall: „Ich werde nur noch die Karten benutzen, die ich mag.“ Ging mich rasieren. Wollte gleich mit meinen Trinkstraßenbrüdern und Schwestern zu einer Party fahren und gut aussehen. Die Rasierklingen waren in Wachspapier verpackt. Wickelte eine aus, schraubte sie auf den Rasierer und schäumte mich ein. Nahm das verbliebene Papier und zerknüllte es. Dachte ich. Aaaar! Was für ein undenkbar scheußliches Gefühl! Versuchte, eine in Papier eingepackte Rasierklinge zu zerknüllen. Die Verpackung ohne Klinge lag daneben. Bis auf den Knochen drang das Metall ins Fleisch meines linken Mittelfingers. Oh nein! Nicht schon wieder dieser Finger! Genau wie in Port Bou! Soviel Blut! Meine Trinkstraßenschwester Andrea wollte mich dazu bewegen, den Finger nähen zu lassen. Ich wollte nicht. Endlich hörte es auf zu bluten. Setzte mich in mein Zimmer vor die Tarotkarten. Mischte mit meiner heilen Hand die guten Karten. Dachte ich. Zog die Enttäuschung, das Streben, den Turm, den Gehängten!

Meine Hände hatten meinen Plan nicht ausgeführt, sondern das Gegenteil getan:

Die guten Karten lagen unter der Pyramide verborgen. Jener Teil, der davor lag, damit ich ihn benutzen, aus ihm nur fröhliche, freundliche und ermutigende Antworten ziehen konnte, bestand aus den Bösen.

Andrea wickelte einen Verband um meinen Finger. Schnell ein Schluck Whiskey! Los, zur Party. Es gab Live-Musik. Wer spielen konnte und wollte, der durfte auch. Setzte mich ans Schlagzeug. Der Schnitt riß auf. Das Blut durchtränkte den Verband. Ich kleckerte alles voll. Dann entdeckte ich drei Congas. Spielte wie besessen darauf. Saute das schöne Musikinstrument ein mit meinem Blut.

Heute bin ich mit Paddy zusammen. Schon drei Jahre. Die längste Liebe meines Lebens. Das Schlagzeug und die Congas, die ich mit meinem Blut bespritzte, gehörten ihrem Mann, mit dem sie damals noch zusammen war. Er fluchte nach der Party wegen den beschmutzten Instrumenten. Paddy befreite die Trommeln von meinem Blut. Sie kannte mich noch nicht.

Vor einem Vierteljahr besuchten wir zusammen ein Fest, wo ihr Mann mit einer Band spielte. Er zeigte Paddy seinen linken Mittelfinger, in den er sich kurz vorm Konzert geschnitten hatte. Ich konnte nicht erkennen, ob er seine Trommeln blutig spielte.

Die T.S.S. verzieht ihr Gesicht zu einem undeutbaren Grinsen: Na? Was wollen wir dir damit sagen? Wollen wir dir etwas damit sagen? Ist es Wahnsinn, eine Bedeutung hierin zu suchen? Ist das suchen nach einem Sinn hier ein Gedankengang, vor dem du dich hüten solltest?

Ein feines Spinnennetz aus nicht-kausalen Zusammenhängen.

Hüte dich, überall einen Sinn zu suchen.

Letzte Woche lief ich zum Krankenhaus 111. Meine Oma lag dort ein paar Tage. Als sie wieder nach Hause fuhr, vergaß sie ihren Krückstock. Den holte ich ihr nun. Für meinen Spaziergang zum Krankenhaus wählte ich einen Weg, den ich nicht mehr gegangen war, seit man mich wegen der Judenbuche bei Frau Nonnemann zum Psychiater geschleppt hatte. Den Krückstock dann meiner Oma bringend, begegnete ich meiner Mutter. Sagte ihr, daß der Spaziergang Erinnerungen an Frau Nonnemann in mir geweckt hatte. „Komisch“, meinte sie, „als ich gestern Oma besuchte, bevor sie entlassen wurde, da lief eine Frau in einem grellroten Mantel durch die Krankenstation. Graugefärbte Haare. Das Gesicht weiß gepudert. Orangener Lippenstift. Frau Nonnenmann. Die hatte ich ewig nicht gesehen.“

Die T.S.S. rümpft ihre Nase:

Gaähn! Was für eine langweilige Anekdote! Was soll daran aufregend sein? Suchst du einen Sinn darin? Glaubst du, jeder blöde Zufall geht auf unser Konto?

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