Willkommen in meinem Kopf, Liebesflammen (v. Claas Hoffmann)

Liebesflammen

Von meiner Spanienreise ohne die Gräfin zurückgekehrt, fühlte ich mich wochenlang wie auf LSD. Zwei Monate vor meinem 18. Geburtstag. Ich wollte in Hamburg eine Fachhochschule für Grafik und Design besuchen. In den ersten Monaten absolvierte man ein Praktikum in einem Betrieb, den man sich selber aussuchen durfte. Später gab es zusätzlich Unterricht in der Schule, drei Tage die Woche.

Wie schlecht kannte ich mich selbst! Hatte mir nicht eine Minute vorgestellt, wie es sein würde, in einem Kaufhaus als Dekorateur zu arbeiten. Im Kaufhaus Mohr. Morgens ging es im geschäftseigenen Bus mit sieben Verkäuferinnen zusammen ins 10 Kilometer entfernte Dollern. Dort zog ich Schaufensterpuppen an und aus, bastelte verschiedene Dinge aus Styropor und stellte fest, daß es für ausnahmslos alles auf der Welt Attrappen gibt. Für Brötchen, Bücher und Stereoanlagen. Brötchen aus Gummi, Bücher ohne Seiten, Stereoanlagen, die nur aus einer dünnen Plastikscheibe bestehen.

Eine gewaltige Wandlung der Lebensumstände nach meiner Reise zur dunklen Seite des Mondes, wo mich die Hitze weckte, ich unter Sternen einschlief, vom Schnorren lebte, nicht duschte, nur ab und an ins Meer sprang. Jetzt atmeten meine Lungen in einer Welt aus Plastikpuppen. Kein Wunder, daß ich mich fühlte wie auf Pille. Nichts schien wirklich zu sein.

Vier verwirrende Tage vergingen so. Nach der Arbeit kehrte ich ermüdet in die Kiffer-WG zurück. Maria und Jolli lagen in meinem Bett. Sie waren von Port Bou aus nach Stade getrampt! Supersüß! Jolli war in mich verliebt, Maria nur mitgekommen. Ich war verliebt in Maria. Von dem Moment an, als ich sie das erstemal sah. Es verschlug mir den Atem, so schön fand ich sie. Nie küßten wir uns in Spanien, nie fummelten wir oder schliefen zusammen.. Jetzt, in meinem Zimmer in der Trinkstraße, küßten wir uns. Licht. Helles licht. Ein Kuß wie ein Strudel. Jolli schaute traurig zu. Zwei Tage später trampte sie zurück in die Schweiz. Maria blieb bei mir.

Judith liebte ich immer noch. Maria bekam einen derart heftigen, vibrierenden, dem Wahnsinn und dem Tode zuzwinkernden Eifersuchtsanfall, daß ich Judith in die Arme nahm und ihr sagte, ich hätte sie lieb, sei aber jetzt mit Maria zusammen. Das tat mir so leid. Ohne Eifersucht bräuchte man keine universale Medizin.

Bald darauf hatte Judith Geburtstag. Ich suchte etwas für sie im Contor, einem Buch- und Weinladen. Das erste Buch, das ich aufklappte, füllten Abbildungen von Theater- und Filmplakaten. Aus jener Seite, die ich aufschlug, leuchtete mir das „Verlorene Zeit“-Plakat entgegen. Jenes, das in riesengroß das Schauspielhaus schmückte, als Judith und ich uns fanden.

Immer, wenn man Sex haben könnte, und es nicht tut, ist das verlorene Zeit.

In diesem Moment erfaßte ich, daß Synchronizität eine Realität und keine Theorie ist. Der Contor verwandelte sich in einen Buchladen aus der Unendlichen Geschichte. Zwei Jahre später arbeitete Judith dort als Verkäuferin.

Mit Maria teilte ich mein Zimmer, alles was ich hatte. Das war Liebe, doch etwas trübte mein Glück: Egal, was ich die Tarotkarten fragte, als Antwort erhielt ich den Ritter der Kelche, die Ausschweifung oder den Mond. Zum Ritter der Kelche schreibt Crowley im Buch Thoth: „Er neigt zu einer schlechten Handhabung all seiner Angelegenheiten; und seine Karriere wird – außer es stehen ihm wundersame Glücksfälle zur Seite – eine ununterbrochene Aufzeichnung von Fehlschlägen und Unglücksfällen sein. Sein mentaler „Bürgerkrieg“ endet oft in Schizophrenie und melancholischem Wahnsinn. Der Mißbrauch von Stimulation und Narkotika kann seine Katastrophe beschleunigen.

Zur Ausschweifung schreibt er „Äußerer Glanz und innere Fäulnis“ und zum Mond: „Dies ist die Schwelle des Lebens und die Schwelle des Todes. Alles ist zweifelhaft, alles ist geheimnisvoll, alles ist Gift und Betörung. Nicht die wohltätige, sonnenhafte Berauschung des Dionysos, sondern der schreckliche Wahnsinn von schädlichen Drogen.“ Ich hatte Angst. Angst um meinen Verstand. Mußte unbedingt aufhören zu saufen und zu kiffen. Wollte mich reinigen. Von innen.

Maria war überaus offen für alles was nach Grünkernen, Bioanbau und Ökosocken klingt. Wir rissen uns furchtbar zusammen und fasteten gemeinsam eine Woche. Ohne Rauch und Alk. Nur Wasser und Tee trinken und Glaubersalz essen. Eine großartige Leistung für zwei kleine Kiffer, die nichts lieber tun, als zu träumen und sich treiben lassen. Wir brachen am Ende der Woche das Fasten auf einem Hippifestival mit Bier, Pizza und einem Joint.

Wieder zu Hause überfiel uns eine mystische Vision. Glücklich und verliebt krabbelten wir ins Bett. Es gab nichts Trauriges, worüber wir gesprochen hätten, nicht über das Mittelalter oder Scheiterhaufen. Wir küßten und bumsten und schmusten.

Ohne irgendeine Vorankündigung warf uns die T.S.S. in eine andere Welt. Wir weinten, daß es uns schüttelte. Heulend und schluchzend kamen wir zurück. Beruhigten uns nur langsam. Klammerten uns aneinander und erzählten stockend, was wir gesehen hatten. Atemlos erkannten wir, daß sich unsere Erlebnisse nicht voneinander unterschieden:

Wir waren auf einem mittelalterlichen Markplatz in Südfrankreich. Zum Tode Verurteilte werden verbrannt.

Vom Scheiterhaufen aus schaue ich auf die Flammen und das gaffende Volk. Plötzlich sehe ich alles aus der Sicht eines Zuschauers. Zwei festgebundene, schreiende Menschen. Das Feuer. Die Flamen fressen sich an sie heran. Da erkenne ich Maria. Sie steht auf dem Scheiterhaufen. Dann ich. Jetzt befinden wir uns beide unter der aufgebrachten Menge. Sehen die zwei verbrennen. Wir weinen. Maria trägt ein weißes Gewand. Sie ist ein hübscher, südländischer Mann mit langen, schwarzen Haaren und einem kleinen Schnurrbart. Da sind noch mehr Menschen in weißen Gewändern.

Nun erscheinen alte Gemälde, auf denen das Geschehen festgehalten ist. Soldaten in blauen Uniformen stehen auf dem Marktplatz um den Scheiterhaufen herum.

Als ich dieses sah, hörte und fühlte, befand ich mich nicht in meinem Bett. Nicht in meinem Bewußtsein. Ich war in der Vision. In einem anderen Land. In einer anderen Zeit. In einem anderen Körper.

Wer wurde verbrannt? Wirklich Maria? Ich? Freunde? Etwas unendlich Trauriges war geschehen. Ein tiefes, nicht faßbares Erlebnis.

Maria ist es nicht anders ergangen als mir.

Warum durchlebten wir etwas Grausames, während wir glücklich zusammen schliefen? Der sexuelle Rausch stieß eine Tür in unsere Vergangenheit auf, in ein vorheriges Leben als Tempelritter. Der Ketzerei angeklagt wurden wir in Frankreich verbrannt.

So versuche ich, das Erlebte zu verstehen.

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