Willkommen in meinem Kopf, Pilles homöopathische Apotheke (v. Claas Hoffmann)

Pilles homöopathische Apotheke

Die universale Medizin zu finden, alle Krankenhäuser überflüssig und alle Ärzte arbeitslos zu machen, scheint ein edles Ziel zu sein. Die Motivation hinter dem Gedanken ist die Furcht vor Krankheiten; gleichzeitig der Wille, die ganze Welt durch eine sensationelle Entdeckung zu erschüttern und zehntausend Ärzte in den Selbstmord zu treiben. Vor allem die Urologen. Bei meiner Suche, die Medizin gegen Aids zu finden, schlug mir die T.S.S. haarsträubende „Zufälle“ um die Ohren. Die Psychologen der Organisation verstehen keinen Spaß, wenn es um die Selbsterkenntnis ihrer Mitglieder geht. Ich wollte die Medizin gegen Aids finden, weil ich fürchtete, selbst infiziert zu sein. Die Medizin gegen Krebs suchte ich, weil allein das Wort Hodenkrebs mein Hirn schon marterte. Zwei HIV-Tests beruhigten mich, nicht infiziert zu sein. Ein Gott im weißen Kittel versicherte mir, daß ich nicht an Hodenkrebs erkrankt war. Dank Gabriela verkündete mir aber ein Säuseln in den Ohren, ich solle die homöopathischen Mittel suchen, die man zusammenmischen muß, um diese Krankheiten zu heilen. Als ich glaubte, erfolgreich das Gesuchte gefunden zu haben, und es euphorisch Gabriela verkündete, hatte sie mich als Medium und Jesus verworfen. Zuviel Haschisch hätte meinen Geist vernebelt, meinte sie. Die von mir zusammengezauberten Mischungen gegen Krebs und Aids unterschieden sich nur in einem einzigen Bestandteil. Rezepte, entstanden aus Besessenheit:

Die Aids Medizin: Eine Mischung in gleichen Mengenanteilen aus:

Capsikum (Mexikanischer roter Pfeffer) LM XVIII

Carboanimalis (Verbranntes Tier) LM XVIII

Glyzaria Glabra (Süßholz) LM XVIII

China (Chinarindenbaum) LM XVIII

Cantaris (Spanische Fliege) C IV

Für eine Heilung muß der Kranke einen Tag die Woche einmal nur fünf Tropfen Sulfur (Schwefel) LM XVIII nehmen, die anderen sechs Tage der Woche die beschriebene Mischung (drei mal täglich fünf Tropfen). Um Krebs zu heilen, nimmt der Kranke genau die gleichen Mittel in genau der gleichen Dosierung, außer, daß anstelle von

Cantaris (Spanische Fliege) C IV, jetzt

Echinacea (Sonnenhutwurzel) C IV genommen wird.

Drei Mal glaubte ich, die Außerirdischen hätten mir diese Zusammenstellung übermittelt. Dreimal war ich sicher, der große, unglaubliche Lebensretter zu sein. Dreimal wurde ich verrückt. Das erste Mal durch Daniel. Ihn quälte ein bösartiges Geschwür im Magen. Er konnte sein Essen nicht richtig verdauen.

Es hieß, er hätte nicht mehr lange zu leben. Ich schrieb ihm mein Rezept auf und mahnte ihn, nicht zu kiffen und keinen Kaffee zu trinken während er die Medikamente nimmt. Daniel besorgte sich alle Mittel in einer Apotheke und mischte sie zusammen. Ich wußte nicht, daß er tatsächlich befolgte, was ich ihm geraten hatte und begegnete ihm drei Wochen lang nicht.. Als er mir dann über den Weg lief, wurde mir bunt vor Augen vor Glück. Er behauptete: „Es geht mir viel besser! Ich kann mein Essen wieder verdauen. Habe kaum noch Schmerzen!“ Fünf Tage später wurde er Vater. Das feierte man ganz groß. Mit allen Drogen, die es auf der Welt gibt. Am folgenden Tag fühlte er sich hundeelend, zog sich weiter Drogen rein und hörte auf, die Medizin zu nehmen. Homöopathische Mittel wirken nicht, wenn man Kaffee trinkt und Drogen nimmt. Es ist so, als würde ich einen Brief schreiben, und alles mit Tintenkiller wieder wegmachen. Aber Daniel lebt. Die ganze Geschichte ist schon vier Jahre her. Damals hieß es, in einem Jahr sei es aus mit ihm. Er läuft immer noch durch die Gegend. Manchmal lacht er sogar, wenn ich ihn sehe.

Mein nächstes Wunder hieß Stefan aus Hannover. Den hab ich auf einer Party in Hamburg kennengelernt. Er saß ganz betrübt in einer Ecke und tanzte nicht. „Was bedrückt dich?“, wollte ich wissen. Er hatte einen HIV-Test gemacht. Das Ergebnis war „positiv“. Nun suchte ich einen Zettel und einen Stift und schrieb ihm die außerirdische Aids-Mischung auf. Weihnachten, zwei Monate später, traf ich ihn wieder, in Stade, in der „Mülltonne“. Zunächst erkannte ich ihn nicht. „Hey, du bist doch Claas! Kennst du mich noch? Du hast mir das Leben gerettet!“ „Wie? Wieso?“ „Ich bin Stefan! Du hast mir auf der Party die Medizin gegen Aids aufgeschrieben!“ Er war, genau wie Daniel, in die Apotheke gelaufen, hatte sich die Mittel gekauft, sie zusammengemischt und eingenommen. Nach einem Monat ließ er sich wieder auf HIV testen. Das Ergebnis war „negativ“. Gottseidank war ich an diesem Heiligabend besoffen, sonst hätte ich für den Rest meines Lebens ein geistesgestörtes Lachen von mir gegeben. Ich war so glücklich. Stefan schrieb mir seine Adresse auf einen kleinen Zettel. Ich feierte Weihnachten. Am nächsten Tag hatte ich seine Adresse verloren. So ein verfluchter Mist! Erst Wochen später begegneten wir uns wieder. Zufällig, in der Stader Fußgängerzone. Endlich! Der lebendige Beweis für mein Telefon zu den Außerirdischen! Ich beschwor ihn, mich in der Trinkstraße 7 zu besuchen. Er kam. Nun zeigte ich ihm die Ausgabe der Zeitschrift „Abrahadabra“, in der ich die Medizinmischungen mittlerweile veröffentlicht hatte, – ohne einen Beweis für die Richtigkeit der Rezeptur. Stefan war mein Beweis. Eindringlich bat ich ihn, detailliert seine Heilungsgeschichte aufzuschreiben und der AHA-Redaktion zu schicken. Ich erklärte, eine Außerirdische namens Lam hätte mir die Medizinmischung übermittelt. Stefan hielt überhaupt nichts von Außerirdischen. Für ihn existierten keine UFOs. „So ein Quatsch!“ Als ich ihm auf der Party die Medizinmischung aufschrieb, war er total verzweifelt. Fragte mich nicht, warum und wieso und woher. Er ging einfach in die Apotheke, kaufte das Zeug und wollte noch lange leben. Jetzt war er gar nicht mehr verzweifelt. Hatte es schwarz auf weiß, daß er HIV-Negativ ist. Konnte sich unmöglich vorstellen, daß ich zusammen mit den Außerirdischen die Welt durch eine Aids-Medizin verändern würde. Es mußte alles Blödsinn sein. Ein alberner Zufall. War doch 100 mal wahrscheinlicher, daß der erste HIV-Test ein falsches Ergebnis geliefert hatte. Aus lauter Verzweiflung konnte er dann nicht mehr klar denken. Darum hatte er sich die Medizinmischung besorgt. Gottseidank war das Ergebnis des zweiten HIV-Tests richtig. Weihnachten kannte er das neue Testergebnis erst kurze Zeit. Weihnachten war er noch ganz verzückt vor Glück. An diesem heiligen Abend war ich noch sein Lebensretter. Jetzt nicht mehr. Er bat mich: „Laß und die ganze Sache vergessen, O.K.? Ich will mich an diesen Alptraum nie wieder erinnern müssen. Bitte laß mich damit in Ruhe! Es kann einfach nicht wahr sein, daß ich als Beweis dienen soll, daß du mit Außerirdischen in Kontakt bist!“

Was organisierte die T.S.S. für ein unbegreifliches Durcheinander? Wieso erst ein phantastisches Wunder, dann doch kein Wunder? Alles soll Zufall gewesen sein? Nein! Er war positiv, nahm die Medizin und war negativ. Erst war ich Lebensretter. Als ich von Außerirdischen erzählte, war ich ein Spinner, der ihn in Ruhe lassen sollte. Zum weinen.

Ich schrieb einen Brief an die DHU (Deutsche Homöopathische Union) und an einen Heilpraktiker in Buxtehude. Niemand wollte meine Mischung weiter untersuchen. Ich hatte einen großen Riß im Kopf. War ich größenwahnsinnig geworden? Waren die Außerirdischen fiese Sadisten, die wollten, daß ich durchdrehe? Wenn ich nüchtern war, fürchtete ich, man könnte mich für verrückt halten, oder ich könnte gar erkennen, daß ich verrückt geworden bin. Ich klammerte mich an die Hoffnung, andere HIV-Infizierte würden den Artikel in der „Abrahadabra“ lesen und das große Experiment machen. Um mich an eine Aids-Selbsthilfegruppe in Hamburg zu wenden und ihnen von den homöopathischen Mitteln zu erzählen , war ich zu unsicher. Hatte kein dickes Fell mehr. Konnte es nicht leiden, für krank im Kopf gehalten zu werden. Wenn ein anderer unglücklicher Kranker die Mischung nehmen würde und nichts passiert?. Das würde ja bedeuten, ich lebe in einer ganz einsamen, verdrehten Realität. Auf Pille hängen geblieben, UFOs halluzinierend. Ich bekam keine Post von AHA-Lesern. Nichts geschah. Hatte keinen Mut.

Eineinhalb Jahre später hörte ich, daß ein Bekannter, Bernhard, HIV-Positiv ist. Ich faßte mir ein Herz, rief ihn an und erzählte ihm von meinem Medizintraum. Vorher hatte ich dem Heilpraktiker Rudolf Korn einen Brief bezüglich der Aids-Medizin geschrieben. Rudolf kannte ich vom Fing-Schun Kung Fu und vertraute ihm. Beim nächsten Training bedankte er sich für den Brief und erzählte, sein Bruder, der auch als Heilpraktiker arbeitete, hätte einen HIV-Patienten. Wir könnten Blut von diesem Menschen besorgen und dann in einem Hochfrequenz-Meßgerät die Wirkung, die die Mittel auf das infizierte Blut haben, feststellen. „Schade“, sagte Rudolf nach einem späteren Fing-Schun Training. Der Patient seines Bruders kam nicht mehr in dessen Praxis. „Da kriegen wir kein Aids-Blut her. Aber wenn du jemanden kennst, dann bringe mir den doch in die Praxis, kaufe die Medikamente und wir untersuchen die Wirkung an dem Hochfrequenz-Meßgerät.“ Ich kaufte die Mittel, telefonierte mit Bernhard und machte einen Termin aus, an dem wir zusammen Rudolf besuchen konnten. An einem Freitagvormittag holte ich Bernhard ab. Nie zuvor war ich bei ihm gewesen. Wir hatten uns immer nur bei Freunden oder auf Partys getroffen. Erst als ich ihn anrief und mit ihm den Termin ausmachte, erfuhr ich seine Adresse, damit ich ihn abholen konnte. Er wohnte direkt gegenüber von Rudolfs Praxis in der Glückstädter Straße. Wenn man aus dem Praxisfenster sah, schaute man in die Fenster von Bernhards Wohnung und umgekehrt. So ein Glück in der Glückstädter Straße! Die Außerirdischen organisierten diese Synchronizität, um mir zu zeigen, daß ich auf dem richtigen Weg bin! War ich aufgeregt!

Hab vergessen, wie das Hochfrequenz-Meßgerät richtig heißt. Ich glaube, „Elektroakkupunkturgerät“. Man hält einen zylinderförmigen Metallgegenstand in einer Hand. Von diesem Gegenstand aus führt ein Kabel zu einem Kasten. Aus diesem Kasten führt ein anderes Kabel zu einem durchsichtigen Behälter. Von diesem Behälter geht ein weiteres Kabel aus, das in einem kleinen Metallstifft endet. Am Kasten befindet sich eine Anzeige mit Zeiger und Zahlenskala. Hält man den zylindrischen Metallgegenstand in der Hand und der Zeiger bewegt sich zur Mitte der Zahlenskala, besitzt man eine normale, gesunde Schwingung. Ist der Ausschlag zu hoch, stimmt etwas nicht. Dann kann man in den durchsichtigen Behälter verschiedene Mittel tun. Nun hält der Arzt jenen mit diesem Behälter verbundenen Metallstift an einen Akkupunkturpunkt des Patienten. Wenn nichts passiert, verursachen die Mittel nichts in der betreffenden Person. Schlägt der Zeiger höher aus, ist das Mittel schlecht für diesen Menschen. Sinkt der Zeiger deutlich herab, ist das richtige Mittel gefunden. Bernhard hielt den kleinen Metallzylinder in der Hand. Rudolf legte die Mittel in den durchsichtigen Behälter und drückte den Metallstifft an einen Finger von Bernhards freier Hand. Gebannt starrten wir auf die Anzeige. Bei den ersten drei Medizinen passierte nichts. Als Rudolf aber Glyzaria Glabra (Süßholz) und Carbo Animalis (Tierkohle) in den Behälter tat, fiel der Zeiger so rapide herab, daß Rudolf dem HIV-Infizierten versicherte: „Die beiden Mittel sind 100% richtig! Die sind gut für dich! „ Wie wundervoll! Viele Jahre sammelte Rudolf Erfahrung als Heilpraktiker. Das hat er nicht gesagt, um Bernhard oder mir einen Gefallen zu tun. Es war, als hätte er mit dem Meßgerät festgestellt, daß ich unter keiner schweren Geisteskrankheit leide.

Bernhard nahm für einen Monat die beiden Mittel. Dann gingen wir wieder zusammen zu Rudolf und testeten erneut ihre Wirkung mit dem Meßgerät. Es gab nur noch einen deutlichen Ausschlag beim Carbo Animalis. Nun verabredeten wir, daß Bernhard dieses Mittel noch einen Monat nehmen sollte, sich dann von Rudolf Blut abnehmen lassen würde, und Rudolf dieses Blut zu einem HIV-Test schickt.

Bernhard überlegte es sich schließlich anders. Er ging nicht wieder zu Rudolf, ließ sich kein Blut für einen neuen HIV-Test abnehmen. Warum? Ich weiß es nicht. Er hat es mir nicht erklärt. Vielleicht will er lieber hoffen, noch lange zu leben, als sich der Gefahr auszusetzen, zu wissen, daß Homöopathie kein HIV besiegen kann.

Ich weiß nicht ob ich nun selbst geheilt bin, von diesem Wahn, der große Heiler zu sein. Kann einfach nicht begreifen, warum die T.S.S. erst dafür sorgt, daß Bernhard gegenüber von Rudolf in der Glückstädterstraße wohnt, dann aber Bernhard telepathisch so beeinflußt, daß er keinen weiteren HIV-Test machen will. Kann nicht begreifen, warum es die T.S.S. organisiert, daß Stefan mir verkündet, meine Medizinmischung habe ihn gerettet, er aber kurz darauf nichts mit Wundern zu tun haben will. Ich begreife es nicht.

Vom „klassischen“ homöopathischen Standpunkt aus können die Mittel nicht allen HIV-Positiven helfen. Homöopathie ist individualistisch. Jeder Mensch braucht ein anderes Mittel. Ein guter Homöopath, der nach der klassischen Methode arbeitet, vermischt nie verschiedene Substanzen, sondern findet die eine, die richtig ist. Wenn in Bernhards Fall Carbo Animalis die richtige Medizin für ihn ist, dann war sie zufällig unter meinen zufällig zusammengemischten Mitteln.

Wieso glaubte ich überhaupt, Außerirdische hätten mir die Aids-Medizin-Mischung übermittelt? Nie hörte ich in einer tiefen Trance eine Stimme im Kopf, die mir das Rezept diktierte. Die Art und Weise, wie ich an die einzelnen Bestandteile kam, war nicht außerirdisch, außer beim Capsikum, wie im Kapitel „Außerirdische Ärzte“ beschrieben. Die anderen Bestandteile fand ich so:

Sulfur: Die Homöopathin Christa Tezner-Sünder verschrieb mir das einmal und erzählte von der reinigenden, feurigen Wirkung.

Chinarindenbaum: Gabriela Pimienta sagte mir, daß die Fieberschübe, gegen die Chinarindenbaum gegeben wird, auch bei Aidskranken auftreten.

Carboanimalis: Hat, wie schon beschrieben, laut Gabrielas homöopathischem Buch u. a. Krebs als Symptom. Der HI-Virus wurde oft als eine neue Krebsart beschrieben.

Cantaris: Pimienta erzählte mir, sie glaube, „Spanische Fliege“ könne einigen Aidskranken helfen. Ein Symptom von Cantaris sind z.B. Hautausschläge.

Echinachea: Habe in einer Zeitung gelesen, daß das Mittel stark imunsystemstärkend sei, und man es Krebskranken nach der Chemotherapie geben würde.

Glyzaria Glabra: Hörte im Radio, daß einige Aidskranke angeblich mit Süßholz geheilt wurden, las auch in der Zeitung von der Behandlung Krebskranker damit.

Wie konnte ich dann behaupten, Außerirdische hätten etwas damit zu tun?

Weil ich in den acht Wochen, in denen ich die Mischung zusammenstellte, IMMER ALLES als Synchronizität empfand. Glaubte, eine außerirdische Macht würde ALLES, was um mich herum geschieht, ALLES, was ich sehe oder höre, JEDE Information die ich bekomme, beeinflussen. Wäre ich nie zu Gabriela Pimienta gegangen, wenn sie nicht in mir den großen Wunderretter erblickt hätte und mir, während ich weggetreten vor Angst und Schmerz um mein Leben fürchtete, von meinen mir unbekannten Fähigkeiten erzählt hätte: Ich wäre nie auf diesen Film gekommen.

Wie konnte ich aber nach etwa achtwöchiger, verwirrter Suche nach der Wundermedizin plötzlich glauben, ich hätte sie auch gefunden?

Ich entdeckte das Wort ABRACADABRA auf dem blauen Dach des Tarottrumpfes „Der Wagen“ geschrieben.

Die Tarotkarten benutzte ich seit zwei Jahren. Nie hatte ich das Wort auf diesem Trumpf erblickt. Als ich es entdeckte, war mir, als sei es von der T.S.S. soeben dort hingezaubert worden. Jetzt besuchte ich Michael D. Eschner in Bergen an der Dumme, der sich, nicht wie ich, erst zwei Jahre mit Crowley beschäftigte, sondern bereits seit 20 Jahren. Ich zeigte ihm die Tarotkarte und das daraufgeschriebene Wort. Er gestand mir ehrlich, er hätte es noch nie gesehen. Auch alle anderen „Thelemiten“ (das heißt, Menschen, die die Lehren Crowleys verstehen wollen), in Bergen an der Dumme, die sich teilweise schon 10 oder 15 Jahre mit Magick, Tarot usw. beschäftigten, hatten dieses Wort auf der Tarotkarte noch nie entdeckt. Es war verwunderlich, daß dort ABRACADABRA, und nicht ABRAHADABRA stand, denn Crowley hatte verkündet, das wahre Wort der Macht würde ABRAHADABRA lauten. Ich glaubte nun, ABRACADABRA sei so lange verborgen gewesen, damit ich es finden konnte. Damit ich begreife, daß meine Medizinmischung richtig ist.

Nun muß ich noch erzählen, wie ich die Universale Medizin getestet habe, die Blinde wieder sehen läßt. Die Medizin, durch die amputierte Gliedmaßen wieder nachwachsen. Nein. Wie es kam, daß ich es für möglich hielt, diese Medizin entdeckt zu haben:

Mußte ganz ätzende Antibiotika schlucken, gegen irgendeine langweilige Geschlechtskrankheit. Mein Hals war von dem Medikament zugeschwollen. Pikste bei jedem Schlucken. Kann einfach keine Antibiotika vertragen. Ging zur Homöopathin Christa Tetzner-Sünder. Sie gab mir drei winzige Kügelchen mit dem homöopathisch bearbeiteten Gift einer australischen Schlange, Lachesis. Mit „homöopathisch bearbeitet“ meine ich, daß das Schlangengift so winzig klein in den Kügelchen enthalten ist, daß es vielleicht in einem teuren Labor nicht möglich wäre, dieses Gift in den Kügelchen nachzuweisen. Hokuspokus – nach einem Tag war mein Hals wunderbar gesund. Schwer beeindruckend. Ich fragte Christa, ob Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie, auch nach der universalen Medizin suchte. Nein, davon wußte sie nichts. Aber sie erzählte, daß er von den drei Grundsäulen der Homöopathie gesprochen hätte: Schwefel, Quecksilber und Thuja.

In der Homöopathie gilt der Grundsatz: „Gleiches wird mit gleichem geheilt.“ Die Substanz, von der ein gesunder Mensch Kopfschmerzen bekommt, heilt einen Menschen, der unter Kopfschmerzen leidet. Oft wird die Wirkung eines homöopathischen Mittels um so stärker, desto höher sie potenziert, das heißt verdünnt ist.

Aleister Crowley schreibt im „Buch Thoth“, die universale Medizin bestehe aus Quecksilber, Schwefel und Salz. Menschen, die sich länger mit den Lehren Crowleys beschäftigen, wissen, daß das symbolisch gemeint ist. Seine universale Medizin besteht ganz real aus dem Verzehr einer Mischung von Vaginalsäften und Sperma.

Was mir Christa erzählte, inspirierte mich höchstgradig. Konnte es nicht sein, daß Crowley wissentlich oder unwissentlich ins „Buch Thoth“ eine homöopathische Universalmedizin geschrieben hatte? Hahnemanns drei Grundsäulen der Homöopathie und Crowleys universale Medizin unterscheiden sich nur in einem Bestandteil: Hahnemann sagte Thuja, das heißt Lebensbaum, und Crowley sagte Salz, das heißt Natrium Chloratum. Nach Hahnemann repräsentieren Schwefel, Quecksilber und Thuja die drei Grundtypen von Krankheit:

Eine aufbrausende, aggressive, nach außen gehende; Nervosität, Ruhelosigkeit und Beulen.

Eine, die zerstörerisch nach Innen wirkt, sozusagen ein Magen, der sich selber auffrißt; und

eine, die totaler Stillstand, Trägheit und Steifheit ist.

Nach Crowley repräsentieren Schwefel, Quecksilber und Salz die drei hinduistischen „Gunas“: Sattwas, Rajas und Tamas. Crowley schreibt, das Wort „Guna“ sei unübersetzbar. Es ist nicht ganz ein Element, eine Qualität, eine Energieform oder ein Potential.

Tamas ist Dunkelheit, Trägheit, Faulheit, Dummheit, Tod und Verwandtes;

Rajas ist Energie, Aufregung, Antrieb, Feuer, Strahlkraft, Ruhelosigkeit;

Sattwas ist Ruhe, Intelligenz, Klarheit, Durchsichtigkeit und Gleichgewicht.

Ich erzählte Christa von Crowleys universaler Medizin. Sie erklärte mir, daß viele Krankheiten, gegen die Thuja hilft, auch mit Salz behandelt werden können, oder umgekehrt.

Es gibt auch einen symbolischen Zusammenhang zwischen Salz und Lebensbaum: Das Element Salz ist im Tarot der Karte „die Kaiserin“ zugeordnet. Zur Kaiserin wiederum gehört auch der Planet Venus. Wenn man ein Venus-Symbol, so groß, wie ein kabbalistischer Lebensbaum, auf die 10 Zahlen des Baumes legt, sieht man, daß das Symbol alle zehn Zahlen berührt. Der Kreis des Frauen-Symbols liegt auf den Zahlen 1 – 6, das Kreuz unter dem Kreis auf den Zahlen 6 – 10.

Thuja = Lebensbaum = kabbalistischer Lebensbaum = Das Venus-Symbol = Die Kaiserin = Salz.

Das sind typische Gedankengänge für Beziehungswahnsinnige und Magier.

In der klassischen Homöopathie werden nie verschiedene Mittel zusammen gemischt. Hahnemann hat sich ausdrücklich gegen das Mischen von verschiedenen Medizinen ausgesprochen. Christa nennt das Verschreiben mehrerer Mittel gleichzeitig eine Schrotflinten-Methode, nach dem Motto: „Einer wird schon treffen.“ Gabriela Pimienta behauptete, daß sich verschiedene Mittel gegenseitig verändern und beeinflussen, zwei zusammengemischte Mittel eine neue Medizin ergeben. Hier liegt der Vergleich mit Farben nicht fern: Mischt man zwei Farben, entsteht eine neue. Alles, was wir sehen, kann aus den drei Grundfarben Blau, Gelb und Rot zusammengemischt werden. Ein roter, ein gelber, und ein blauer Lichtstrahl ergeben, wenn sich alle drei an einer Stelle treffen, weißes Licht. Dort, wo kein Blau, Gelb oder Rot, oder eine Farbmischung ist, sehen wir schwarz. Läßt sich die Farbenlehre auf die Gesetze der homöopathischen Medizin übertragen (in Hesses „Glasperlenspiel“ wäre dies ohne weiteres Realität), ist es möglich, aus drei verschiedenen Mitteln die richtige Medizin gegen jede denkbare Krankheit zu erhalten. Jede Krankheit hat ihre eigene Farbe. Um diese Farbe zu bekommen, brauche ich entweder Blau, Rot und Gelb, oder Blau und Rot, oder Blau und Gelb, oder Rot und Gelb, oder nur Blau, oder nur Rot, oder nur Gelb. Nun hoffte ich, daß unser Körper selbst schlau genug ist, sich die Farbe, die er benötigt, zusammenzumischen. Ich nehme von jeder Farbe gleichviel zu mir. Mein Körper nimmt sich dann jeweils soviel Rot, Gelb oder Blau, wie er gerade braucht. Der Rest wird ausgeschieden. Ich besorgte mir Quecksilber, Schwefel und Salz in der höchsten Potenz, die man kaufen kann, LM XXX.

Kriegte Herzklopfen, Atemnot und Angstzustände. Alles für die Wissenschaft. Mein kurzsichtiges Auge wurde nicht scharf. Kein Wunder geschah.

Immerhin war ich in der Lage, ein Wunder für möglich zu halten. Wenn man ein Wunder für möglich hält, freut man sich. Wenn das Wunder nicht eintritt, hat man sich trotzdem vorher gefreut.

Kein Wunder! Wie traurig!

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