Willkommen in meinem Kopf, Ein Osterfeuer, oder die Hütte des Grauens (v. Claas Hoffmann)

Ein Osterfeuer, oder die Hütte des Grauens

Sigrun war zur Osterzeit 92 bei mir. Wir wohnten bei meinen Eltern. Um ihr Horneburger Kultur zu zeigen, ging ich mit ihr zum Osterfeuer. Das brannte im Wald vor der Hütte, in die ich mich in meinem Werwolftraum gerettet hatte. Da waren nun Onkel Otfried, Theo, Heinrich, Walther, all die alten Freunde meines Opas, und ließen sich vollaufen. Fand ich lustig. War schon seit über 10 Jahren nicht mehr dort gewesen. Erinnerte mich an meine Kindheit. Wie meine Cousins und ich ums Feuer getobt sind. Wie wir uns über die besoffenen Erwachsenen lustig gemacht haben. Einmal erschufen wir zusammen „Geister“. Dazu holten wir mit einer Schaufel ein Stück Glut aus dem Feuer, das wir dann in einen Graben warfen, zehn Meter von den Flammen entfernt. Es zischte. Der aufsteigende Dampf wurde vom Feuerschein erleuchtet. Das war ein echtes, weißes Gespenst, das durch die Wiesen flog. Sah so aus wie meine Cousins und ich uns Gespenster vorstellten. In der Hütte war ich das erste mal in meinem Leben betrunken, etwa sieben Jahre alt. Die Leute, die ums Feuer standen, gaben mir Schnaps und lachten, ich werde meinem Opa immer ähnlicher. Dann trank ich eine Flasche Bier und lag unterm Tisch. Als ich mit Sigrun am Feuer stand, es langsam zusammenfiel und abkühlte, gingen wir rein in die Hütte, tranken Schnaps und aßen belegte Brote mit Ei. Den Raum schmückten alte Fotos und ein Adolf Hitler-Holzschnitt. Auf einem Schränkchen thronte eine Kaiser Wilhelm-Büste. Die fröhlichen Männer und ihre Frauen waren ganz verzückt von meiner Isländerin. „Das is ne ganz ne seute Deern die du da hast, Mensch Claas du.“ Heinrich saß in einem Sessel, schaute in Sigruns Augen und lallte: „Du denkst doch, daß ich ne alte Nazisau bin, denkst du doch, kannst du ruhig zugeben!“ „Heinrich, sie versteht kein Deutsch, du mußt Englisch mit ihr reden.“ Nun schaute Heinrich mir tief in die Augen: „Du hast doch Hasch gehabt, nicht? Kannst du ruhig zugeben! Du hast Hasch gehabt! Aber jetzt bist du ja wieder ganz normal,. Ich weiß das, was du alles geschrieben hast an die Bundeswehr. Mensch Junge, wieso machst du sowas? Dein Opa mochte dich immer am liebsten von all seinen Enkelkindern. Der mochte dich viel lieber als deinen intellektuellen, großen Bruder. Du, sach ma weißt du wer ich bin, weißt du gar nicht richtig, nich? Du has bei mir aufm Schoß gesessn, als dein Opa dich mal mit zu mir gebracht hat.“ Ich erinnerte mich. Aber nicht daran, daß ich bei Heinrich auf dem Schoß gesessen hatte, sondern, daß Heinrich neben der Psychiaterin im Kreiswehrersatzamt saß. Heinrich hatte meinen Arsch gerettet. Er hatte dafür gesorgt, daß ich nicht mit den Feldjägern abgeholt wurde. Heinrich arbeitete beim Kreiswehrersatzamt. Meine ersten Worte, als ich in feuerroten Klamotten mit feuerroten Augen das Dienstgebäude betrat, waren: „Ich glaube, ich bin schwul. Hat auch ein Arzt festgestellt.“ Zu Heinrich und einigen anderen Beamten hatte ich das gesagt, ihn aber nicht erkannt. Begriff erst beim Osterfeuer, daß er es war, wie er da unter dem Hitlerholzschnitt saß und mich fragte, ob ich „Hasch gehabt hätte“. Alte Nazis im Kreiswehrersatzamt. Ich war doch gar nicht total paranoid. Aber Heinrich mochte mich ja leiden. Ich ging mit Sigrun nach draußen. Über eine Holzbrücke gelangten wir auf die kleine Insel im Karpfenteich. Wir rauchten einen Joint und bumsten im Stehen. Wundervoll.

Jetzt erinnere ich mich auch, daß Heinrich einmal eine Tarotkarte aus meiner Hand gezogen hatte. Das war auf Omas 75sten Geburtstag. Die Party ein echter Knaller! Erst eine Woche zuvor, nach einem Jahr Pause, hatte ich wieder das Rauchen und Trinken angefangen. Ein ganzes Jahr vegetarisch gelebt, ein Vierteljahr davon sogar ohne Milch und Käse, zwei Jahre lang kein Schweinefleisch gegessen. Bei Oma gab es Kassler und Schnaps und ne Zigarre. Junge, junge. Das zog mir echt die Schuhe aus. Breit wie zwei Nilpferde stand ich vom Tisch auf, holte die Tarotkarten und sang, jeder müsse eine Karte ziehen. Ich würde dann wissen, was für ein Mensch er ist. Omas Partygäste spielten gerne mit. Die am häufigsten gezogenen Karten waren der „Ritter der Kelche“ und die „Ausschweifung“. Das wunderte mich. Mein Unterbewußtsein sprach: „Erkenne es jetzt: Alle Menschen sind gleich.“ Als ich anfing, mir Karten zu legen, hatte ich selbst diese Karten am häufigsten gezogen.

Zeitsprung. Deutschland war wiedervereinigt. Als ich behauptet hatte, mein außerirdisches Doppel sei in die Zukunft geflogen und hätte das gesehen, gab es noch keine Massenflucht und keinen bekannten Politiker, der eine Wiedervereinigung in den nächsten Jahren für möglich hielt. Ich hatte SS und SA und Hakenkreuzrunen in meine Briefe gemalt. Hatte die brutalsten und aggressivsten Verse aus dem Liber AL zitiert. Nun brannten die Asylbewerberheime und immer mehr Rechtsradikale verbreiteten Furcht und Schrecken. Zur Zeit meiner „Verweigerung“ habe ich etwas gefühlt, das ich nicht verstand. Die Antennen aus meinem Bauch erspürten all diese deutschen, nationalsozialistischen Gruselgespenster. Das, was ich ahnte und nicht begriff, mußte ich ausdrücken. Egal wie. Tat es durch meine Briefe an das Kreiswehrersatzamt. Was die Hütte betrifft: Mit der sollte es noch spukiger werden, als ich die Wahrheit über ihre Herkunft erfuhr.

Ich glaubte, die Hütte bei den Karpfenteichen wäre von meinem Opa zusammen mit seinen Freunden gebaut worden. Das war nur die halbe Wahrheit. Die Hütte hatte zuvor an einem anderen Ort gestanden und einem anderen Zweck gedient. Sie war in einige Teile zerlegt und an ihren jetzigen Platz gebracht worden. Ich finde diese Geschichte schrecklich. „Onkel Otfried“ hat sie mir erzählt. Er ist Polsterer und Sattelmacher:

Als mein Vater das Feuerschiff in ein Restaurantschiff umbauen ließ, machte gerade das Restaurant „Deutsches Haus“ in Stade dicht. Erich kaufte billig die Kücheneinrichtung und die Sitzbänke. Ich sollte dann drei Tage nicht auf der Werft arbeiten, sondern Otfried beim polstern helfen. Wir rissen die alten Bezüge von den „Deutsches Haus“ Bänken ab und zogen roten Stoff darauf. Otfrieds Auto schmückt ein Aufkleber mit so einem komischen Adler, der aussieht, als hätte ihm jemand die Flügel ausgefranst. Darunter steht in außerordentlich deutscher Schrift „Preußen“. Otfried wußte, daß auch Polen für meinen Vater arbeiteten und behauptete, während er neuen Stoff auf eine Sitzbank zog: „In den polnisch besetzten Gebieten sieht es ganz ordentlich aus. Aber in den russisch besetzten Gebieten, da ist es schlimm.“ Mir blieb die Spucke weg. Otfried mochte es nicht, daß Ausländer in Deutschland leben. Ich überlegte mir etwas, das ihn dazu bringen könnte, über seine Ansichten nachzudenken. Er ist nicht der Schlankeste. Ißt, trinkt und raucht gerne. „Otfried, wenn bei uns keine Ausländer wären, dann könntest du bei uns nie chinesisch essen gehen, oder italienisch, oder griechisch, das wäre doch schade, oder?“ „Na und, dann sollen die Leute eben deutsch essen gehen.“ Was sollte ich dazu noch sagen? Ich wollte auf ein anderes Thema kommen. „Otfried, erzähl doch mal was von der Hütte. Wie ihr die gebaut habt und so.“ „Die haben wir nicht gebaut. Die stand vorher in dem Arbeitslager für jüdische Mädchen. Da unten in Horneburg in der Nähe von der Auebrücke. Früher war das die Adolf Hitler-Brücke.“ Die jüdischen Mädchen vom KZ Horneburg, einem „Übergangslager“, mußten in einer Leuchstoffröhrenfabrik arbeiten. Wenn sie nicht mehr konnten, kamen sie nach Ausschwitz. Sie übernachteten in Holzhütten. Heute hängt in einer dieser Hütten ein Adolf Hitler-Holzschnitt. Ich wurde ganz blaß. Otfried erzählte weiter, wie Theo das Land, auf der die Hütte heute steht, bekommen hatte, weil eine gefräßige Frau den Kuchen, den sie sich immer aus seiner Bäckerei holte, nicht mehr zahlen konnte. Sie beglich die Sahnetorten-Schuld mit diesem schönen Stückchen Erde.

Im dritten Reich hätte ich keine Minute überlebt. Konnte Otfried das nicht sehen? Konnte Heinrich das nicht sehen? Was war das nur für eine absurde Folge von schrecklichen Synchronizitäten!

Das dritte Reich war so furchtbar, daß es mir immer schwer fiel, es als etwas zu begreifen, das es tatsächlich gegeben hat. 16-jährig klaute ich eine Ausgabe von „Mein Kampf“ aus dem Bücherschrank meines älteren Bruders. Entschuldigung. Ein Punk-Freund aus Buxtehude hatte mir erzählt, für alte Nazibücher könne man von Antiquitätenhändlern ganz gut Geld bekommen. Mein Bruder war aktiv in einer Amnestie International-Gruppe. Ganz und gar kein Verehrer dieses Buches. Hatte es nur in seinem Schrank stehen, weil er es kurios fand. Ich lief in den nächsten Antiquitätenladen. Der gehörte einer Zigeunerin. „Kaufen sie auch Bücher?“ „Nein.“ „O.K., danke schön, auf Wiedersehen.“ Der nächste Antiquitätenladen gehörte einem Deutschen. Der verkaufte auch Bücher. Gab mir 60,- DM dafür. Ich besorgte mir Haschisch von dem Geld. Was wäre geschehen, wenn die Zigeunerin auch Bücher verkauft hätte? Mit Recht hätte sie mir eine antike Vase an den Kopf geworfen, weil ihre Eltern und Großeltern im KZ umgekommen sind.

Lange habe ich geglaubt, das „Böse“ wäre nur ein Traum. Im Liber AL heißt es:

Weil ich der unendliche Raum und die unendlichen Sterne darin bin, tuet ihr desgleichen. Bindet nichts! Machet keinen Unterschied unter euch zwischen irgendeiner Sache und irgendeiner anderen Sache, denn dadurch kommt Schmerz.“

Als Mitglied der T.S.S. konnte ich mit den Leistungen dieser Organisation wirklich zufrieden sein, was die offensichtliche Tatsache einer intensiven Betreuung betraf. Darüber, daß mir keine Synchronizitäten passierten, konnte ich mich wirklich nicht beschweren. Aber ich interpretierte die Synchronizitäten genauso oft falsch wie richtig. War genauso oft beziehungswahnsinnig wie aufmerksam und intelligent.

Zu Jeder Synchronizität gehört außer einem Gedanken und einem Ereignis auch eine Motivation. Ein innerer Motor, der diese Gedanken vorantreibt. Wenn ich aufgrund einer Synchronizität eine bestimmte Handlung begehe, steht mein geheimer oder den anderen bekannter Wille hinter der Tat. Niemals sollte man eine Synchronizität für eine Handlung verantwortlich machen, die man auf Grund des erlebten „Zufalls“ tut. Ohne den Willen zu einer Tat wird selbst der tollste „Zufall“ niemanden dazu veranlassen, seinen Lebensweg zu verändern.

Was wollten die Außerirdischen von mir? Waren das Psychologen, die mir bei einem großangelegten Selbsterfahrungsseminar die Anleitung zur Selbsterkenntnis gaben? Wollte ich wirklich große Macht? Wollte ich wirklich, daß sich alle vor mir fürchten? Sollte ich das erkennen? Mir selbst eingestehen, daß mein Bild von mir „Ich bin lieb“ unvollständig ist?

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