Crowleys Kommentar zu Ra Hoor Khuit Vers 57

AL III,57: „Verachtet auch alle Feiglinge; Berufssoldaten, die nicht zu kämpfen wagen, sondern spielen, verachtet alle Narren!“

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Zu kämpfen ist das Recht und die Pflicht eines jeden Mannes wie auch einer jeden Frau, sich an seiner Stärke zu erfreuen und diese durch Liebe zu ehren und zu erhalten. Mein primärer Einwand gegen das Christentum ist der „sanfte Jesus, sanftmütig und mild“, der Pazifist, der Kriegsdienstverweigerer, der Tolstoian(1), der „passive Widerstand“. Als der Kaiser floh und die Deutschen ihre Flotte aufgaben, verließen sie Nietzsche für Jesus. Rodjestwenski und Gervera brachten ihre Flotten in die sichere Vernichtung. Die irischen Revolutionäre der Osterwoche 1916 kämpften und starben wie Männer; und sie haben eine Tradition begründet.

„Jesus“ selbst, so die Legende, „setzte sein Gesicht als Feuerstein auf, um nach Jerusalem zu gehen“(2), mit dem Vorwissen um sein Schicksal. Aber die Christen haben diesen Heldenmut nach den Kreuzzügen nicht mehr betont. Der rührselige, sentimentale Jesus von der Sonntagsschule ist der einzige Überlebende; und der Krieg hat ihn getötet, Ares sei Dank!

Als die nonkonformistischen christlichen Kirchen, vor allem in Amerika, die Doktrin der ewigen Strafe nicht mehr haltbar fanden, schlugen sie ihrer Religion den Boden unter den Füßen weg. Es gab nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnte. So degenerierten sie zu zahmen Sozialzentren, so dass die Theosophie mit ihren Schwarzen Brüdern, Mrs. Eddy mit ihren Experten für mentales Arsen, der TK mit seinen Hypnotiseuren und Jesuiten und Billy Sunday mit seinem Höllenfeuer, das das Fleisch der Menschen wieder zum Kriechen brachte und dafür Ruhm, als auch Geld erhielt.

Das Buch des Gesetzes wirft keine theologischen Wutausbrüche hervor; aber wir haben trotzdem genügend Streitigkeiten am Hals. Wir müssen für die Freiheit gegen religiöse, soziale oder industrielle Unterdrücker kämpfen, und wir sind entschieden gegen Kompromisse. Jeder Kampf soll ein Kampf bis zum Ende sein; jeder von uns für sich selbst, um seinen eigenen Willen zu tun; und jeder von uns für alle, um das Gesetz der Freiheit zu etablieren.

Wir wollen keine „Berufssoldaten“, angeheuerte Bravorufer, die schwören, keine eigene Seele zu haben. Sie „wagen nicht zu kämpfen“; denn wie sollte ein Mann es wagen zu kämpfen, wenn seine Sache nicht eine Liebe ist, die mächtiger ist als seine Liebe zum Leben? Deshalb „spielen“ sie; sie haben sich verkauft; ihr Wille ist nicht mehr der ihre; das Leben nehmen sie nicht mehr ernst; deshalb irren sie als Nichtsnutze in Clubs und Boudoirs(3) und Greenrooms(4) umher; Bridge, Billard, Polo, Pettiecoats(5) blasen ihre Leere auf; angekratzt durch das Große Rennen des Lebens, schauen sie sich jetzt lieber das Derby an.

Mutig mögen ein paar sein; man könnte sie (in gewisser Weise) zu den Ratten zählen; aber hirnlos und untätig werden sie sein, die kein Ziel jenseits ihres eigenen Grabes haben, wo bestenfalls der Zufall schnell verwelkende Blumen von falschem und grellem Ruhm abwirft. Sie dienen dazu Dinge zu verteidigen, die für ihr Land lebenswichtig sind; sie sind der Schädel, der das Gehirn vor Schaden bewahrt? Oh törichtes Gehirn! Bist du nicht klug genug, dich zu verteidigen, statt auf brüchige Knochen zu vertrauen, die dich am Wachstum hindern?

Lass jeden Mann Waffen tragen, schnell, um Unterdrückung zu verübeln, großzügig und glühend, um das Schwert in jeder Sache zu ziehen, wenn Gerechtigkeit oder Freiheit ihn dazu auffordert!

„Verachtet alle Narren.“ In diesem letzten Satz ist das Wort „Narren“ offensichtlich nicht in seinem tieferen mystischen Sinn zu verstehen, der Kontext bezieht sich eindeutig auf das gewöhnliche Leben.

Aber der „Narr“ ist immer noch wie im Tarot-Trumpf beschrieben. Er ist ein epizönes(6) Geschöpf, weich und versoffen, mit einem schwachsinnigen Lachen und einem hübschen Geschmack für schicke Westen. Ihm fehlt es an Männlichkeit, wie dem Ochsen, dessen Bedeutung der Buchstaben Aleph ist und die Posaune beschreibt, und sein Zahlenwert ist Null. Er ist Luft, formlos und unfähig Widerstand zu leisten, er ist ein Träger von Tönen, die ihm nichts bedeuten, aus seiner Bewegungslosigkeit in Zerstörungswut sinnloser Gewalt hinaufgefegt, unberechenbar durch jeden Druck oder Zug. Ein Fünftel ist der Brennstoff des Feuers, die Verderbnis des Rostens; der Rest ist träge, die Seele eines Sprengstoffes, mit einer Spur jenes erdrückenden und erstickenden Gases, das noch als Nahrung für Pflanzen dient, aber Gift für das tierische Leben ist.

Wir haben hier ein Bild des Durchschnittsmenschen, eines Dummkopfes; er hat keinen eigenen Willen, ist alles für alle Menschen(7), ist nichtig, ein Wiederholer von Worten, deren Sinn er nicht kennt, ein Herumtreiber, sowohl untätig als auch gewalttätig, gedrungen zum Teil aus heftigen Leidenschaften, die sowohl ihn selbst als auch den anderen verbrennen, aber hauptsächlich aus träger und charakterloser Nichtigkeit, mit ein wenig Schwere, Stumpfheit und Betäubung, welche seine einzigen positiven Eigenschaften sind.

Das sind die „Narren“, die wir verachten. Der Mann von Thelema ist ein Vertebrata (8), organisiert, zielstrebig, beständig, selbstbeherrscht, männlich; er benutzt die Luft als Nahrung für sein Blut; und wäre er solcher Narren beraubt, könnte er nicht leben. Wir brauchen schließlich unsere Umgebung; nur wenn die Narren zu gewalttätigen Verrückten werden, verwenden wir unseren Mantel des Schweigens, der uns einhüllt, und unseren Stab, der uns beim Aufstieg auf unseren Berggipfeln hält; und nur wenn wir in die Dunkelheit eines Bergwerkes hinabsteigen, um uns einen Schatz aus der Erde zu graben, haben wir Angst davor, an ihrem giftigen Atem zu ersticken.

(Quelle:hermetic.com)

 

Anmerkungen:

1) Russischer Schriftsteller, dessen große Romane Krieg und Frieden (1869) und Anna Karenina (1877) außergewöhnliche Details und tiefgreifende psychologische Einsichten bieten. Seine späteren Theorien über Ethik und Moral empfahlen die Nichtteilnahme und den passiven Widerstand gegen das Böse.

2) Er bezieht sich auf Lukas 9,51. Im übertragenen Sinne heißt es, Jesus war trotzdem (er wusste was ihn erwartet) entschlossen nach Jerusalem zu gehen.

3) Ein Boudoir [bu’dwa:R] (frz. boudoir, von bouder „schmollen, schlecht gelaunt sein“) bezeichnete ursprünglich einen kleinen, elegant eingerichteten Raum, in den sich die Dame des Hauses zurückziehen konnte

4) Green Room (auch Greenroom) bezeichnet vor allem in der englischen Sprache den („Warte“-)Raum, Aufenthaltsbereich eines Theaters, eines Studios oder eines vergleichbaren Ortes, in dem sich Darsteller befinden, die noch nicht oder nicht mehr auf der Bühne oder vor der Kamera stehen.

5) Ein Petticoat (Französisch „petit“ = klein und Englisch „coat“ = Umhang, Mantel) ist ein bauschig-weiter Unterrock aus versteiften Perlon- und Nylon-Stoffen

6) Epizoen: zu griechisch: epi – auf, dazu, nach und zõon – Lebewesen, Tier

7) Er ist das Man, der anonyme Mensch der sich nicht hervorhebt und sagt Ich mache das so, sondern sagt man macht das so.

8) Wirbeltier, Invertebrata sind Tiere ohne Wirbelsäule. Vermutlich bezieht er sich auf das Rückgrat.

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