Willkommen in meinem Kopf, X-mal Deutschland (v. Claas Hoffmann)

X-mal Deutschland

Die ganze Geschichte mit den Hakenkreuzen in meiner „Verweigerung“ besteht aus vielen kleinen merkwürdigen Ereignissen vor und nach dem Besuch beim Psychiater im Krankenhaus 111.

Der Vater meines Vaters hieß Adolf Hoffmann, ein Oberstleutnant bei den Nazis. Als der Krieg verloren war, und er nach mehreren Jahren russischer Kriegsgefangenschaft abgemagert und ohne Zähne zurückkehrte, hatte seine Frau, die ihn tot glaubte, eine Beziehung mit einem Engländer hinter sich. Das traf Adolf unendlich tief in Mark und Bein. Sein Herz und sein Lebenssinn waren gebrochen. Nun fristete er bis die Bundeswehr gegründet wurde ein trauriges Leben als Vertreter von „Klosterfrau Melissengeist“. Als dann aber die Bundeswehr ins Leben und Sterben gerufen wurde, setzte man ihn – Hokuspokus – wieder als Oberstleutnant ein. Adolf H. war Feuerwerker, Bombenbauer und Entschärfer, genannt „Der eiserne Gustav“. In Meppen ist eine Militärschule nach ihm benannt, die „Adolf Hoffmann Schule“. Mein Opa war übrigens sehr musikalisch. Er hat ein Buch mit Volks- und Soldatenliedern veröffentlicht, „Die Fanfare“, gedacht als Gesangsbuch für die Soldaten der Bundeswehr. Die tapferen Krieger sollten mit einem Lied auf den Lippen marschieren. „Die Fanfare“ kann man heute noch kaufen. Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, brachte mir Opa das Spielen auf der Melodika bei. Er selbst beherrschte unzählige andere Instrumente. Leider konnte er mich nicht lange unterrichten, denn Opa rauchte 80 Zigaretten am Tag, dazu Pfeifen und Zigarren, konnte ohne Jägermeister und Amselfelder nicht leben und hat sich damals totgetrunken. In meiner „Verweigerung“ betonte ich, stolz auf Opa zu sein, der so hart für sein Vaterland gekämpft hatte. Im Freundeskreis meiner Oma (nicht der Frau von Adolf, die hat sich umgebracht, sondern der Mutter meiner Mutter), gibt es einige Leute, die immer noch traurig sind, den Krieg verloren zu haben. Das sind keine Skinheads. Dafür sind sie zu alt. Skurrilerweise haben sie scheinbar ihre Gedanken von Blut und deutscher Abstammung so verinnerlicht, daß sie immer nett zu mir waren, weil ich der Enkel von Bodo Roffmann bin. (Meine Mutter mußte nach ihrer Heirat nur einen Buchstaben ändern, das „R“ gegen ein „H“ vertauschen.) Denkt man das Nazigedankengut konsequent zu Ende, löst es sich in seine Einzelteile auf und verschwindet. Z.B. wenn ein schwuler, drogensüchtiger Verrückter darum in Ordnung ist, weil in seinen Adern deutsches Blut fließt. Oder, wenn ein Deutscher einen Schwarzafrikaner oder eine Jüdin liebt. Wie könnte das für einen konsequenten, geistesgestörten Faschisten ein Makel sein? Ein reines arisches Herz ist ja gar nicht in der Lage, etwas zu lieben, was seiner Liebe nicht würdig ist. Du liebst einen Juden, und du bist deutsch? Dann kann da nichts Falsches dran sein. Die Herrenrasse macht keine Fehler. Das ganze Nazigedankengut ist absurd. Es gibt nun einmal unzählige „reinrassige arische Deutsche“, die mit Pudeln oder Hühnern ficken, Anarchisten oder Kommunisten sind oder hundert andere Eigenschaften besitzen, die „undeutsch“ sind. Es gibt tausend Punks, die ihren Entschluß, sich einen grünen Irokesenschnitt zu verpassen, nicht einem langen Gespräch mit einem Juden oder Eskimo verdanken, sondern diesen Entschluß frei aus ihren deutschen Herzen getroffen haben. Nun, die besagten alten Horneburger, scheinen derart konsequente Nazis zu sein, daß sie gar keine mehr sind, weil sie alles, was Horneburger Blut hat, in Ordnung finden. Sogar so etwas wie mich.

14-jährig, ging ich Silvester um ein Uhr morgens zusammen mit meinem Cousin „Onkel Otfried“ besuchen, wo Oma mit ihren Freunden feierte. Man drückte uns sofort eine Zigarre und ein Glas Sekt in die Hand, im Hintergrund tönte Marschmusik. „Onkel Walther“, „Onkel Theo“ und „Onkel Heinrich“ klopften uns auf die Schulter. Heinrich fragte mich, „Wie alt bist du denn jetzt?“ „Vierzehn.“ „Oh, Mensch du, mit vierzehn wollten wir auch schon den Krieg gewinnen, was Theo? Aber da wolln wir nich drüber reden, nich, ha ha.“

In Tossa hatte Diana von einem Spanier einen Trip geschenkt bekommen, den haben wir uns geteilt und sind nachts auf der alten Burg rumgelaufen, wo oben eine Kirche steht, deren Dach eingefallen ist. Genau wie bei der Irischen Kirche, zu der ich laut Robert Rubin pilgern mußte, um erleuchtet zu werden. Als ich an den Burgmauern langspazierte, überkam mich ich eine seltsame Vision. Erst fühlte ich mich wie ein alter Ritter, dann sah ich eine große Demonstration. Einige hundert Menschen gingen schweigend nebeneinander. Einige hielten sich an den Händen, andere trugen große Flaggen. Diese waren entweder rot, mit einem weißen Kreis und einem schwarzen Hakenkreuz darin, oder schwarz, mit einem weißen „A“ in einem Kreis. Anarchie und Faschismus gingen Hand in Hand, friedlich und schweigend. Obwohl die Menschen alle traurig zu sein schienen, strahlten sie doch so etwas wie Glück und Zufriedenheit aus. Sie waren dankbar, daß sie gemeinsam und ohne Feindschaft demonstrieren konnten. Alle trugen schwarze Kleidung. Diese Vision war keine Halluzination. Ich sah das alles nicht wirklich auf der Burg. Aber das innere Bild leuchtete klarer als ein „normaler“ Gedanke. In der Nacht träumte ich noch einmal ganz deutlich von dieser Demonstration.

Als es aus mit Diana war, und ich todunglücklich in Holland und Belgien herumirrte, passierten mir ganz merkwürdige Begegnungen mit jungen Nazis. In Eindhoven gab mir ein Holländer ein Bier aus, als er hörte, wie ich deutsch sprach. Er tönte: „Prost! Wir brauchen endlich wieder ein großes deutsches Reich! Das wäre das beste für Europa!“ Warum war so jemand freundlich zu mir, obwohl mich klebrige lange Haare und zerrissene Hosen schmückten, ein Pentagramm meine Jacke zierte? Weil ich deutsch bin. Ich bin überhaupt nicht deutsch. Der Vater meiner Oma mütterlicherseits war ein uneheliches Kind. Seine Mutter Pferdehändlerin. Sie hatte viel mit Zigeunern zu tun. Niemals verriet sie, wer der Vater ihres Kindes war. Die Hautfarbe ihres Sohnes schien ein winziges bißchen dunkler zu sein als die anderer deutscher Kinder. Aus der Familie meiner Mutter kommt auch englisches Blut in unsere Familie. Mein Opa Adolf stammt aus dem deutschsprachigen Polen, meine Oma war seine Cousine zweiten Grades. Bei solch einem Nationalitätengemisch – Wie konnten meine beiden Großväter trotzdem begeisterte Nazis werden?

Auf meiner Tramptour aus Liebeskummer hielt ich, Eindhoven verlassend, meinen Daumen Richtung Belgien in die Luft. In Gent angekommen, schnorrte ich in einer gewaltigen Kathedrale von den christlichen Touristen mit den großen Herzen. Als ich dann mit dem Kleingeld in der Tasche eine Kneipe aufsuchte, nahmen mich mehrere junge, belgische Skinheads begeistert in ihre Runde auf, als sie erfuhren, daß ich aus Deutschland kam. Ein Runen-Orakel trug ich bei mir. Das fanden sie großartig. Sie erzählten, sie wollten bald den Geburtstag von Rudolf Hess feiern. Das war wirklich nicht zu fassen. Gewiß war ich das Gegenteil eines ordentlichen Deutschen. Für diese jungen Skins reichte es, daß ich deutsch sprach, egal wie ich aussah und welche Ansichten ich pflegte. Und egal, was sie für eine politische Einstellung hatten, sie waren total nett zu mir. Das sollten nicht die einzigen Skinheads bleiben, die friedlich mit mir umgingen:

Nach meinem Besuch im Krankenhaus 111 und vielen Monaten des Wahnsinns, der Synchronizitäten und Drogenexperimente, wohnte ich in Oxstedt, einem kleinen Kuhdorf neun Kilometer von Cuxhaven entfernt. Ein Jahr lang hauste ich dort. Habe in meinem ganzen Leben nie so viel gesoffen wie da. Arbeitete und schlief in einer Dorfkneipe mit Festhalle, die ein paar Freaks gemietet und den Laden dann „Café Vibes“ getauft hatten. Unser Logo war das „Apfelmännchen“ aus der Mandelbrootmenge. Abends kamen immer die gleichen alten Bauern und Alkoholiker. Wir knobelten um „Roten“ und Bier. Nie wieder Roten mit Bier! Manchmal kam auch ein großer, etwas dicklicher Skinhead. Auf der Glatze eine Spinne tätowiert. Auf den Armen „Stolz ein Deutscher zu sein“. Den verunstaltete außerdem häufig eine aufgeplatzte Lippe oder eine andere Verletzung. Nie hatte ich Grund, mich vor ihm zu fürchten. Nicht ein einziges Mal spürte ich Aggressionen. Er trug T-Shirts mit „Skins rule O.K.“ drauf und seine Gedanken schienen in erster Linie aus Traurigkeit und Bier zu bestehen. Früher hatte ich in meiner Plattensamlung einen Punk-&-Oi-Sampler. Auf der Scheibe waren Bands wie „Exploited“ oder „The four Skins“. Die Songs gingen entweder „Oi Oi Oi“ oder „I still believe in Anarchy“. Wer kann das verstehen? Der Skin in der Kneipe wurde „Oldie“ genannt. Wir tauschten unsere Musikkenntnisse aus. Er nahm mir genau diesen Sampler noch mal auf Kassette auf, denn ich hatte ihn verloren. Einmal brachte er zwei seiner „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“-Kumpels mit. Die wollten sich nicht prügeln. Nur Bier trinken. Interessiert fragte ich einen von ihnen: „Warum gibt es schwule, drogenabhängige, deutsche Anarchisten, die diese Gedanken und Eigenschaften nicht von Juden oder Türken ins Gehirn gepflanzt bekommen haben?“ Der stolze Deutsche dachte nach. Er runzelte die Stirn und dachte so doll nach, daß es weh tat. Schließlich antwortete er erschöpft: „Ich weiß es nicht, aber ich glaube an Deutschland.“

In Oxstedt las ich keine Zeitung, schaute fast nie Fernsehen. Bekam für die Arbeit in der Kneipe kein Geld, durfte aber so viel saufen und essen wie ich wollte und hatte einen Platz zum Pennen. Am 11.11. sah ich dann doch mal Fernsehen. In mein Gehirn sickerte die Nachricht, daß die Mauer zwischen BRD und DDR „gefallen“ war.

Eines Abends saß Oldie bei mir am Tresen. Ich wollte Feierabend machen und mit ein paar Freunden nach Cuxhaven in den „Laden“ gehen. Das ist so eine Art Alternativdisco, wo die Leute tanzen gehen, die meinen, politisch links oder autonom zu sein, oder einfach Leute, die kein Bock auf eine „normale“, kommerzielle Disco haben. Oldie fragte, ob er mitkommen dürfe. „Na klar, aber ich weiß nicht, ob man dich da reinlassen wird.“ Der Türsteher ließ ihn rein. Ich holte zwei Einbecker, stieß mit ihm an und trank. Ein paar neue Freunde, die ich in Oxstedt kennengelernt hatte, das waren harte Autonome, standen auch im „Laden“. Die hätten fast gekotzt, als sie mich zusammen mit dem Skin Biertrinken sahen. Mit einigen von ihnen hatte ich ein paarmal im leeren Saal des „Café Vibes“ Musik gemacht. Einen Monat lang besuchten sie mich nicht mehr, bis sie mir das gemeinsame Biertrinken mit Oldie verzeihen konnten. Ein Autonomen-Mädchen schnauzte mich im Laden an: „Ey, ich hab echt kein Bock auf dich, du Glatzenfreund“ Das hörte sich so an, als wenn sie „Judenfreund“ gesagt hätte. Wer weiß, vielleicht würde Oldie nicht rufen: „Stop! Das ist mein Freund!“, würden einige seiner Skin-Kollegen mir mit einem Baseballschläger das Gesicht zu Brei hauen wollen. Vielleicht aber doch.

Manchmal erwachte der stupide Alltag im „Vibes“ zu buntem Leben, wenn eine Band im Saal spielte. Einmal „Scarlet Woman“ aus Stade. Das waren Freunde, die düstere Gruftmusik machten. Zum Konzert kamen auch meine neuen Autonomen-Kumpels und alles aus der Umgebung, was irgendwie gruftig, punkig oder freakig aussah. Oldie auch. Die Musik war laut und finster, das Publikum war zufrieden und zuckte. Zum Ende des Konzerts schrien die Musiker zu mir rüber, ob ich bei einer Session mitspielen will. Klar. Spielte einen Song lang Schlagzeug, dann trommelte der Band-Drummer wieder und ich sang Verse aus dem Liber AL. Da kämpfte sich Oldie auf die Bühne, legte einen Arm um meinen Hals, streckte den anderen mit geballter Faust in die Luft und grölte „Oi Oi Oi“. Ich grölte mit „Oi Oi Oi“. Die Mitglieder von „Scarlet Woman“ kicherten nach dem Auftritt, daß sie diese Einlage echt gruftig fanden. Wie sollte man auch düsterer eine Endzeitstimmung verbreiten? Die Zuschauer wußten überhaupt nicht, was sie davon halten sollten. Die Autonomen mußten kotzen. Ein Hippie mit langen, rotgefärbten Rastahaaren Arm in Arm mit einem Bilderbuchskinhead! Als die Show vorbei war, schwebte ich weggetreten an den Tresen. Niemand fragte mich offen, ob ich vielleicht geisteskrank geworden bin. Oldie mußte mal pissen. Dort bekam er auf die Fresse. Von Pompfe und ein paar anderen Punks. Pompfe ist der einzige Mensch, den ich kenne, der am gleichen Tag und im gleichen Jahr wie ich geboren ist. Nicht weit weg von meinem Geburtsort. Eine echte Herausforderung für die Astrologen. Schade, daß Oldie auf die Fresse gekriegt hat. Vielleicht, und ich weiß, daß das unendlich unwahrscheinlich ist, hätte er sich so dermaßen gewundert, nichts auf die Fresse zu kriegen, daß er sich auf seine Glatzenspinne ein Anarchie-A tätowiert hätte.

Noch ein komisches Skinhead-Erlebnis: Fuhr die Rolltreppe runter zur U-Bahn Altona. Kam von Diana, wollte Marga besuchen. War schlecht gelaunt, weiß nicht mehr warum. Unten auf dem Bahnsteig stand ein Skin mit weißen Schnürsenkeln. „Scheiße“, dachte ich, „hoffentlich wird der nicht aggressiv.“ Als ich unten angekommen war, glotzte er mich stumpf an und hielt sich an seiner Dose Bier fest. Dann ging er gerade auf mich zu, haute mir mit reichlich Schwung auf den Oberarm und lallte:“Ey Alter, kennst mich noch? Ich hab nichts gegen euch.“ Ich hatte ihn noch nie gesehen. Die U-Bahn kam. Wir stiegen ein, setzten uns auf gegenüberliegende Plätze. „Hier, Alter, nimm ’n Schluck.“ Als ich von seinem Bier trank, holte er seine Zähne raus. „Guck mal, das waren die Bullen, die Säue. Weißt du, wir Skins, wir sind nämlich die Guten! Wir beschützen die Leute wirklich! Nicht die Bullen!“ Das Bier, das ich gerade trank, war so zähflüssig und schleimig, daß ich wette, drei Viertel davon bestand aus Speichel. Sein Gebiß, zog lange Fäden.

Ich erinnere mich nur an ein einziges mal, daß ich, weil jemand faschistische Scheiße von sich gab, wirklich wütend geworden bin. Das passierte mir mit der Isländerin Sigrun, die ich in England auf einer anthroposophischen Schule kennengelernt hatte. Dort lernten 120 Studenten aus 35 verschiedenen Ländern. Unter ihnen auch Schwarzafrikaner. Die mochte Sigrun nicht. „Die haben selber Schuld, daß niemand sie mag“ plapperte sie in schlechtem Englisch. Das fand ich so saudumm von ihr, daß mir richtig schlecht wurde vor Wut. Trotzdem blieb sie meine Freundin. Ich besuchte sie später auf Island. Auch sie kam für drei Wochen in mein Vaterland.

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