Willkommen in meinem Kopf, Per Anhalter durch die Galaxis (v. Claas Hoffmann)

Per Anhalter durch die Galaxis

15-jährig lief ich das erstemal von zu Hause fort. Ich wollte nicht zur Schule gehen. Wollte streßfrei mit meiner Freundin schlafen und in Ruhe Hasch rauchen. Fand das Leben und meine Eltern unendlich grausam. Weil sie häufig, wenn ich zu Bett gegangen war, noch einmal in mein Zimmer guckten, ob ich auch friedlich schlief, legte ich mich, am Tag, als ich weglaufen wollte, angezogen ins Bett. Tat so, als wäre ich im Land der Träume. An jenem Abend hatten meine Eltern Freunde besucht, kamen spät zurück, schauten in mein Zimmer und glaubten, alles wäre in Ordnung. Als sie selbst schlafen gegangen waren, legte ich ein Blatt Papier auf mein Bett. Darauf stand: „Wohin willst du, wen suchst du, wen liebst du?“ Unter die Worte klebte ich ein Stück Spiegelfolie, in der man verzerrt sein Gesicht sehen konnte. Dann schlich ich aus dem Haus. Beim Schließen der Außentür war mir, als hätte ich einen ohrenbetäubenden Krach gemacht. Jetzt lief ich auf die Straße und schaute in den Himmel. Da leuchtete eine Sternschnuppe und plötzlich wußte ich, die Sterne beobachten mich.

Ich wollte mich mit meinem Freund Stefan Gerul, der in der selben Nacht von zu Hause weggelaufen war, in Hamburg bei seinem Cousin treffen. Wir hatten uns vorgenommen, von dort aus nach Korbach bei Kassel zu trampen. Da lebte eine Freundin von Stefan. Dann wollten wir weitersehen, was kommt. Nun stand ich also morgens um 1°° Uhr in Horneburg an der B73 und hielt meinen Daumen raus, um nach Hamburg zu kommen. In dem Auto, das mich mitnahm, saß ein etwa 30-jähriger, fröhlicher Mann mit Bart und einer runden Brille. „So, du willst weglaufen von Zuhause? Das finde ich gut, finde ich sehr gut. Habe ich früher auch gemacht. Da siehst du mal was anderes. Aber du kannst ruhig ab und zu eine Postkarte nach Hause schicken, dann machen die sich nicht so viele Sorgen“, lachte mein Fahrer. Wenn morgens um 1°° Uhr ein 15-jähriger aus einem Dorf nach Hamburg trampt: Wie wahrscheinlich ist es, daß der erste Mensch, der ihn mitnimmt, ihn ermutigt, von Zuhause wegzulaufen? Er brachte mich bis zur Autobahnauffahrt und wünschte mir viel Glück. Dort hielt das luxuriöseste Auto, das ich je gesehen habe: Schöne Ledersitze. Ein verschnörkeltes Armaturenbrett aus Mahagoni. Enorm viel Platz. Ich hörte überhaupt kein Motorengeräusch. Neben der Gangschaltung lagen einige Schlagzeugstöcke. Mein Fahrer kam gerade von einem Konzert. „So, du bist von Zuhause weggelaufen? Was suchst du denn? Was willst du denn finden auf deiner Reise?“ „Ich weiß nicht, ich suche mich selbst, und ich suche den Sinn des Lebens.“ „Siehst du die Sterne dort oben? Die drehen sich alle umeinander. Warum glaubst du, drehen sich die Sterne umeinander?“ „Ich weiß es nicht.“ „Weil sie sich lieben! Die Sterne drehen sich umeinander, weil sie sich lieben! Das ist der Sinn des Lebens.“ Ist das nicht wundersam?

Als ich aus dem Haus gelaufen war, hatte ich eine Sternschnuppe gesehen und geglaubt, die Sterne würden mich beobachten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s