Willkommen in meinem Kopf, Rocky-Horror-Picture-Show (v. Claas Hoffmann)

Rocky-Horror-Picture-Show

Die Schmerzen in Hoden und After brannten und stachen nur einige Wochen immer dann, wenn ich abgespritzt hatte. Danach kamen sie vollkommen unvorhersehbar aus heiterem Himmel. Für fünf Minuten, fünf Stunden oder Tage. Manchmal ging es mir eine Woche blendend. Hoffte dann, geheilt zu sein.

Ich glaubte, es würde einen direkten Zusammenhang zwischen den UFOs und meinen Schmerzen geben. Hatte die falschen Bücher gelesen. Oder die richtigen. Keins über UFO-Entführungen mit schmerzhaften Experimenten an den Geschlechtsteilen. Nur alles mögliche über Erleuchtung und Bewußtseinserweiterung. In einem dieser Bücher wurde Timothy Leary zitiert: „Schock, Schmerz, Trauma, Drogen, besonders LSD, Schlaf und Stimuli-Entzug, sind in der Lage, die synaptischen Schaltstellen des Nervensystems zu lösen und somit eine Neuprogrammierung des Biocomputers Gehirn zu ermöglichen.“ Es geschah also alles nur zu meinem Besten. Der Schock. Der Schmerz. Das Trauma. Eierschmerzen waren ein Trauma. Als ich ein kleiner Junge war, wollte mein linkes Ei nicht in den Hodensack wandern. Es fluppte immer schmerzhaft zwischen Bauch und Sack hin und her. Solange, bis mir der Arzt genügend Hormonspritzen in den Arsch gejagt hatte.

Die Außerirdischen wollten also meinen Biocomputer neu programmieren.

Nun, wenn das alles auch mit LSD ging, brauchte ich ja nicht diese scheiß Schmerzen zu haben. Eine Zeitlang ging es mir wieder wahnsinnig gut. Fühlte mich wie ein junger Superfickergott. Wußte, daß ich bald der erleuchtetste Mann im Universum sein würde. Nahm einen LSD-Trip, um Lam die schmerzfreie Neuprogrammierung meines Biocomputers zu ermöglichen, saß an meinem Küchentisch und betrachtete die Tarot-Trümpfe des Crowley Tarot-Decks. Da bekam ich schlagartig die Schmerzen in unbekannter Intensität. Glaubte, ich wäre ein goldenes Gerippe. Das war ein Horrortrip. Trotzdem war ich auf unbeschreibliche Art und Weise froh. Ich empfand die Trümpfe als meinen vollkommenen Spiegel. Als nur für mich und diesem Moment gemalt:

Auf der Karte „Der Teufel“ steht eine Ziege, mein Sternzeichen im chinesischen Horoskop. Hinter dieser Ziege befindet sich ein riesiger, erigierter Penis mit zwei durchsichtigen Hoden, in denen man Gestalten erkennen kann. Es schmerzte fast ausschließlich in meinem linken Hoden. Ich betrachtete den Teufel und sah, daß sich die Gestalten im linken Hoden (für den Betrachter der Rechte) zu streiten und zu quälen scheinen, während die Gestalten im anderen feiern und frohlocken.

Auf der Karte „Der Gehängte“ ist ein überkopf angenagelter, nackter Mann abgebildet, der keine Geschlechtsteile hat und so vorzüglich meinen absoluten Alptraum darstellte.

Auch beim Betrachten der Karte „Tod“ empfand ich ein Grauen Gleichzeitig so etwas wie das Glück, etwas Unfaßbares sehen zu dürfen. Auf der Karte ist ein Sensenmann abgebildet, an dessen Becken „wirbelnde Fäden“ befestigt sind, die in den Himmel führen. Innerhalb dieser Fäden ist die gleiche Frauengestalt zu erkennen, die auch auf der Karte „Der Stern“ abgebildet ist. Ja, die Außerirdischen hatten mich an ihren Fäden wie eine Marionette, und diese Fäden waren alle an meinem Becken befestigt.

Irgendein Idiot aus der Finkenwerder Kifferszene kam zu Besuch. Als ich ihm von meinem Schmerz erzählte, behauptete er, obwohl er wußte, daß ich auf Pille war, daß ich bestimmt Hodenkrebs hätte. Pfui Teufel, auf LSD kann man wirklich seinen Biocomputer umprogrammieren. Es war ganz scheiße schwierig dieses neue Programm, „Du hast Hodenkrebs“ wieder von der Festplatte zu löschen.

In dieser Zeit erlebte ich etwas, das man wohl getrost als Todeserlebnis bezeichnen kann. Spazierte fröhlich und guter Dinge mit Diana und zwei Freunden in den Stadtpark, wo wir ein Reaggae-Konzert hören wollten. Vor dem Konzert gingen wir in ein Café und wollten ein Eis essen. Wir setzten uns an einen Tisch, ich blätterte in der Karte. Ohne jegliche Vorankündigung ging mir im wahrsten Sinne des Wortes das Licht aus. Ich hatte schlagartig so starke Schmerzen, vom Hals bis zu den Füßen, daß ich sicher war, es nicht zu überleben. Mir wurde schwarz vor Augen. Dann sah ich wieder die Anderen und wimmerte: „Ich muß sterben. Diana, ich möchte, daß du meine Mutter bist, wenn ich wiedergeboren werde.“ Ich stöhnte. Wollte lieber meine letzte Zigarette rauchen als mein letztes Eis essen. Langsam ließen die Schmerzen nach. Waren nach zehn Minuten fast ganz vergangen.

Warum folterten mich die Außerirdischen? Gab es denn wirklich keine andere Möglichkeit, die synaptischen Schaltstellen in meinem Nervensystem zu lösen?

 

 

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