Willkommen in meinem Kopf, Agent der Allmächtigen (v. Claas Hoffmann)

Agent der Allmächtigen

Ferngesteuert wandelte ich auf der Erdoberfläche. Glaubte, als auf diesem Planeten stationierter außerirdischer Soldat, Befehle auszuführen. Warum traute ich dem Oberkommando der T.S.S. im UFO einfach alles zu? Wirklich davon überzeugt, daß die Außerirdischen allmächtig seien, wurde ich nach einer Serie von Synchronizitäten in Finkenwerder:

Als ich eines Nachmittags an meinem wahnsinnig magisch aufgeladenen Küchentisch saß und eine neue Welt erschaffen wollte, bekam auch der letzte heile Teil meiner Schüssel einen Sprung. Das letzte Blech was ich noch hatte, ist mir weggeflogen:

Der Lebensbaum ist das mystische Weltbild der Kabbalisten. Eine Art Landkarte des Universums. Gleichzeitig eine Darstellung des vollkommenen Menschen. Der Lebensbaum besteht aus zehn Kreisen, in denen die Zahlen von 1 bis 10 stehen. Diese stellen die Emanationen Gottes dar und werden „Sephiroth“ genannt, was übersetzt „Zahlen“ bedeutet, aber im mystischen Sinne auch mit „Lichter“ übersetzt werden könnte. Diese zehn Lichter sind durch 22 Pfade miteinander verbunden und diesen Pfaden sind wiederum die 22 Trümpfe das Tarotkartenspiels zugeordnet.

Ich saß an meinem Küchentisch und dachte über die Tarotkarten „Ausgleich“ und „Die Sonne“ nach. In den älteren Tarot-Decks heißt der „Ausgleich“ „Gerechtigkeit“. Ich überlegte mir, ob die Sonne gerecht ist oder nicht. Glaubte, daß wenn ich auf dem Papier die Zuordnungen der Karten zu den Pfaden verändern würde, dadurch auch in der Welt um mich herum etwas in Bewegung gesetzt wird. Was wäre also, wenn ich die Plätze der Gerechtigkeit und der Sonne miteinander vertausche? Ich hatte den Kopf auf einen Arm gestützt. Überlegte, ob die Sonne gerecht sei, da sie ja für Hitler genauso wie für einen Juden scheint, für einen Reichen genauso wie für einen Armen, usw. Am anderen Ende des Küchentisches stand ein Obstkorb mit Bananen und Apfelsinen. Nun war die Vernetzung meiner Hirnwindungen derart, daß es nichts gab, was ich nicht hätte miteinander verbinden können. Die Apfelsine war die Darstellung einer auf- oder untergehenden Sonne. Die Banane war die Darstellung eines Ochsentreibstocks. Der hebräische Buchstabe, der der Karte „Ausgleich“ zugeordnet ist, heißt Lamed, was auf Deutsch „Ochsentreibstock“ bedeutet. Somit lagen also die Gerechtigkeit und die Sonne vor mir auf dem Tisch in einer Obstschale. Ich hatte immer noch den Kopf auf meinen Arm gestützt, die Hand unter dem Kinn, und blickte leicht an meinem Arm herunter, so, daß ich mein Handgelenk sehen konnte. Da klebte, fest aufgedrückt ein Aufkleber von einer Banane, auf dem stand „1*1 Danone“. In „1*1“ las ich eine „XI“. Dies ist die Zahl des Trumpfes „Gerechtigkeit“ in den alten Kartensätzen. „Das ist ja merkwürdig, wie kommt der denn dahin?“ Ich zog den Aufkleber ab und klebte ihn neben mich auf den Tisch. Stützte wieder den Kopf auf meinen Arm und schaute mir die Obstschale an. Nur eine halbe Minute später schaute ich wieder nach unten an meinem Arm herunter und fand auf mein Handgelenk geklebt, fest aufgedrückt, den Aufkleber von einer Apfelsine, auf dem stand „Maroc“. Es mußte jemand bei mir sein, jemand Unsichtbares. Ich war froh darüber. Auch erschrocken und aufgeregt. Ich träumte nicht. In diesem Moment machte Diana die Küchentür auf und kam herein. Ich sagte: „Ich halt das nicht mehr aus, alles ist mein Spiegel“. Weil im Zimmer nebenan das Radio lief und ich nichts hören wollte, stand ich auf mit den Worten: „Ich mach das Radio aus“, woraufhin der Radiosprecher, der ein großer Witzbold war, sagte: „Mach das Radio aus, mach das Radio aus!“ Wir beschlossen, eine Viertelstunde spazieren zu gehen. Im Treppenhaus hing seit einem halben Jahr ein Schild: „Das Spielen von Kindern und das Abstellen von Fahrrädern im Treppenhaus ist verboten.“ Ich riß es von der Wand und warf es in den Mülleimer. Als wir von unserem kurzen Spaziergang zurückgekehrt waren, stand an der Wand, dort, wo eben noch das Schild hing, ein Kinderfahrrad. Das erste mal, seit ich in dem Haus wohnte. So glaubte ich also, die Außerirdischen würden mich ständig beobachten. Sie könnten irgendwie alles. Meine Gedanken lesen. Unsichtbar, ohne, daß ich es spürte, mir Aufkleber aufs Handgelenk drücken. Den Radiosprecher hypnotisieren. Kinderfahrräder herbeizaubern. Dafür sorgen, welche Numerierung die beiden Haustürschlüssel erhalten sollten. Sie konnten auch schrecklich grausam sein. Wenn es sein mußte sogar gegen mich. Obwohl ja mein außerirdisches Doppel das wahrhaftige Oberkommando der T.S.S. im UFO ist.

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