Willkommen in meinem Kopf, Die Judenbuche (v. Claas Hoffmann)

Die Judenbuche

Dr. Zuvieluck erinnerte sich gut. Er kannte mich noch als 16-jährigen. Damals hatte er mich für ein Vierteljahr von der Schule beurlaubt.

Deutschunterricht gab es bei der schrecklichen Frau Nonnemann. Eine lebendige Leiche. Ein Alptraum mit grau gefärbtem Haar, weißgepudertem Gesicht und grell orangem Lippenstift.

Wir mußten einen Aufsatz über die „Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff schreiben. Darin wird ein Mensch des Mordes verdächtigt. Er hängt sich daraufhin an einer Buche auf. Es bleibt vollkommen offen, ob er ein Mörder ist oder nicht. Für Frau Nonnemann war die Sache klar: Der Erhängte hat sich darum das Leben genommen, weil er jemanden umgebracht hat.

Vor der Deutscharbeit sprach ich einen anderen Lehrer auf die Problematik der Geschichte an. Dieser andere Deutschlehrer des gleichen Gymnasiums war der Überzeugung, daß die wichtigste Aussage von Annette von Droste-Hülshoff ist, daß nicht entschieden werden kann, ob der Erhängte unschuldig verdächtigt wurde oder nicht.

So begann mein Aufsatz über die „Judenbuche“:

Das kann teuer werden! Teurer als Hackfleisch im Supermarkt. Gestern hat die Schlange mit dem Schrubber die Küche gewischt und danach auf dem Mistkäfer im Bett soviel Zahnpasta ausgedrückt, das er ersticken mußte. Die Rauchzeichen eines Indianers sagten, daß bald ein noch schrecklicherer Krieg als der vorherige ausbrechen würde. Was ist der Unterschied zwischen Analverkehr und analysieren? Der Papst auf dem Klo holt sich munter einen runter … „

Und so weiter. Drei DIN-A4 Seiten. Gegen meine Gewohnheit in sauberer Schrift. Ohne Rechtschreibfehler.

Nach einer Stunde erhob ich mich von meinem Platz, ließ den Aufsatz auf dem Tisch liegen und wollte das Klassenzimmer verlassen. „Claas, das ist eine zweistündige Arbeit! Ich möchte, daß du dich wieder hinsetzt und alles noch einmal gründlich durchsiehst“, befahl Frau Nonnemann in ihrem schneidigsten Ton.

„Sie können versuchen mich festzuhalten und die Tür abschließen. Vielleicht bleibe ich dann“, antwortete ich, so aufgeregt, als würde es um mein Leben gehen. Jetzt lief ich auf den Schulhof in die Raucherecke. Kaufte mir Haschisch. Verließ das Schulgelände. Besuchte eine Freundin, Silke, die nicht weit vom Gymnasium wohnte.

Auf ihrem Bett baute ich einen Joint.

Wosch!

Was für ein Zeug!

Ich fliege ins Weltall.

Durch einen gewaltigen Tunnel bunter, kreisender Sterne. Alles ist weit und frei und schön.

Oh! Ein Wunder!

Werde gezogen. Drehe mich.

Frieden!

Unendlichkeit!

Im Bruchteil einer Sekunde verwandelt sich alles in nervenzerreißenden Schrecken:

Ein Krankenhaus. Habe keine Beine und keine Arme. Bin mit glänzenden Metallstangen, die meine Schultern und Hüftknochen durchbohren, an die Wand geschraubt. Grauhaarige Ärzte drumherum. Geben mir Spritzen. Wollen mich nicht sterben lassen. Ich schreie.

Wie unvorstellbar schrecklich!

Schreie!

Werfe den Kopf hin und her.

Der Alptraum zerreißt.

Silkes Zimmer. Habe Arme und Beine. Oh! Oh man!

Besorgt schaute mich die Freundin an: „Was ist los mit dir?“ „Ich, ich habe gerade etwas, etwas unsagbar Schönes … und gleich darauf etwas unendlich Schreckliches gesehen“, seufzte ich und blickte unsicher in ihrem Zimmer umher.

Ich fühlte mich. FÜHLTE MICH.

Sie kochte einen Tee.

Langsam ließ die Wirkung des Haschisch nach.

Schwer beeindruckt von meiner Vision schlich ich zur Schule zurück.

Den Aufsatz hatten mittlerweile der Direktor, mein Klassenlehrer, und einige seiner Kollegen gelesen. Man hatte meine Mutter benachrichtigt, die sofort zur Schule geeilt war. Die geschockten Erwachsenen riefen sofort bei Dr. Zuvieluck an. Als ich das Gymnasium „Athenaeum“ erreichte, schleppte man mich auf der Stelle ins Krankenhaus. Die Pädagogen waren einhellig der Meinung, daß man so etwas Schreckliches nur schreiben könne, wenn man tablettenabhängig ist. Weder hatte irgend jemand bei mir Tabletten gefunden, noch hatte ich bis dahin jemals Tabletten zur Berauschung genommen. Weder die Pädagogen noch meine Mutter waren von dieser Tatsache zu überzeugen; begeistert, eine Erklärung für mein tragisches Verhalten gefunden zu haben. Nur der Psychologe glaubte mir. Gab mir das Gefühl, mein Aufsatz gefalle ihm gut. Er stehe auf meiner Seite.

Es wurde beschlossen, daß ich einmal in der Woche mit ihm reden müsse. Dafür brauchte ich nicht zur Schule zu gehen. Ein guter Tausch.

Dr. Kurt Zuvieluck erzählte bei meinem nächsten Besuch die wunderbare Geschichte, warum er als Neurologe und Psychiater tätig war:

Im zweiten Weltkrieg kämpfte Kurt in Rußland an der Front. Mußte mit ansehen, wie seinem Kameraden ein Stück Schädeldecke und ein bißchen Gehirn weggefetzt wurde. Zuvieluck starrte entsetzt auf das offenliegende Hirn. Glaubte, daß es zuckte. Sein Kamerad überlebte. Außer dem Loch im Kopf hatte er keinen Schaden genommen. Konnte sprechen, hören, sehen, riechen! Einfach alles! Obwohl ihm ein Stück Hirn fehlte! Kurt schwor sich: „Wenn ich den Krieg überlebe, werde ich Psychologe oder Neurologe. Werde herausfinden, wofür das Gehirn überhaupt gut ist.“

Innerhalb des Vierteljahres, in dem ich wöchentlich den Psychologen besuchen mußte, rief ihn mein Vater an: „Herr Dr. Zuvieluck! Mein Sohn schläft in einer Woche mit drei verschiedenen Mädchen! Was soll ich nur tun?“ „Gar nichts, Herr Hoffmann. Das möchten sie doch auch gerne, oder?“

Nun hatte ich Kurt wirklich in mein Herz geschlossen.

Meine Eltern sind kreative, liebevolle Eltern. Hatten aber bei der Frage, ab welchem Alter ein menschliches Wesen ein Sexualleben führen darf, die schrecklichste Psychose, die man sich vorstellen kann. Das ist die Regel. Ich denke, auch heutzutage sind die meisten Eltern so.

Kurt mußte herzlich lachen, als er meine Briefe an die Bundeswehr las: „Du hast dich ja überhaupt nicht verändert! Dir sitzt ja immer noch der Schalk im Nacken!“

Ich erklärte ihm ehrlich, daß nicht alles Spaß gewesen sei. Zeigte ihm die Stellen aus dem Liber AL, in denen ich meinen Namen lesen konnte. Wies ihn auf meine Personalkennziffer hin. Fragte ihn, ob es einen Fachausdruck für diese Krankheit gäbe. Vielleicht „Beziehungswahn“? Kurt runzelte die Stirn und grübelte. Schließlich sagte er:

„Das ist keine Krankheit. Das ist eine Serie von sehr merkwürdigen Zufällen. Das darfst du nicht jedem erzählen.“

Ein großer Psychologe! Trotzdem: Kann ein Mensch den Verstand verlieren, nur weil ihm eine Serie merkwürdiger Zufälle widerfährt? Warum hatte ich ernsthaft daran geglaubt, die Außerirdischen würden, wenn nötig, die Aktenschränke im Kreiswehrersatzamt mit unsichtbaren Kräften umkippen, den Beamten am Schlips ziehen und ihnen in die Eier piken?

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