Aleister Crowley, On Thelema (1926 – 1927)

On Thelema
(1926-1927)
von Aleister Crowley

 

Tue was du willst, sei das ganze Gesetz

 

Das Universum ist die Erfüllung und die Summe aller Möglichkeiten. In der Tat kann man fast sagen, dass dies per Definition so ist.

Ein bewusstes Sein – d.h. ein individuelles Zentrum des Bewusstseins, ein Monad – kann an sich keine Eigenschaften besitzen. Seine Vorstellung von der Existenz, nicht nur des Universums, sondern auch seiner selbst, ist offensichtlich abhängig und gleichbedeutend mit den Möglichkeiten, die er selbst erlebt hat. Der Teil des Universums, der noch nicht in den Bereich seiner Erfahrung eingetreten ist, hat keine Existenz für ihn. Es ist wie eine neue Welt – ein Universum, das auf seine Entdeckung wartet. Jedes bewusste Wesen muss sich daher durch seine Position im Universum von jedem anderen unterscheiden; nicht durch den Breiten- und Längengrad, noch durch Zeit und Raum, sondern durch eine Position des Grades oder des Bewusstseinszustandes, die seines Standpunktes. Auch seine Identität muss zwangsläufig eine reine Negation sein. Der Wert eines jeden Wesens wird durch die Quantität und Qualität derjenigen Teile des Universums bestimmt, die es entdeckt hat und die somit seinen Erfahrungsraum bilden. Es wächst, indem es diese Erfahrung erweitert, indem es diese Sphäre sozusagen vergrößert. Bei zwei Wesen, die wenige oder keine gemeinsame Erfahrungen haben, ist ein gegenseitiges Verständnis eindeutig unmöglich. Sympathie wird daher eher als eine Frage der Erfahrung gesehen, die in etwa gleichbedeutend ist oder zumindest mit einem großen Teil der Erfahrungen zusammenfällt, auf die beide besonderen Wert legen. Der tatsächliche Wert jeder neuen Erfahrung wird durch ihre Fähigkeit bestimmt, die durch die früheren Erfahrungen, entweder durch die Gesamtzahl des Wissens zu erhöhen oder den Grad des Verstehen und der Erleuchtung.

Als allgemeine Regel gilt also: Je größer die Summe der übereinstimmenden Erfahrungen zweier Wesen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich allgemein einigen. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Wesen an einem bestimmten Punkt in seiner Entwicklung jede Meinungsverschiedenheit, als definitiven Fehler betrachtet, und es ist eine äußerst wichtige Etappe auf dem Weg zu einer gewohnheitsmäßigen Geisteshaltung, die erkennt, dass jede abweichende Ansicht einer bestimmten Frage nicht auf einer moralischen Schieflage, sondern auf eine größere Vielfalt von anpassungsfähigen Erfahrungen zurückzuführen ist. Solche Menschen wachsen auf ganz besondere Weise, wenn sie lernen, abweichende Standpunkte und gegensätzliche Erfahrungen zu begrüßen und zu assimilieren, da sie verstehen, dass dies der beste Weg ist, auf einen Schlag eine Unmenge neuer Erfahrungen zu sammeln, anstatt sie im Detail durchgehen zu müssen.

Aus dem Vorstehenden sollte klar sein, dass das Gesetz von Thelema „Tue, was du willst“ eine logische Verhaltensregel für jeden sein muss, der die obigen Prämissen akzeptiert, denn der letztendliche Wille jedes bewussten Wesen muss es sein, seine allgemeine Erfahrung so zu steigern, dass er sich selbst versteht und kennt, was er nur durch das Studium und Verstehen des gesamten Universums tun kann. Dass die Aufgabe endlos ist, ist diesem Prozess nicht abträglich, sondern macht ihn umso interessanter. Das ist der Weg des Tao. Die Endgültigkeit würde dadurch ihren Reiz verlieren.

Was die an anderer Stelle im Buch des Gesetzes gegebene Erklärung des Gesetzes betrifft: „Liebe ist das Gesetz, Liebe unter dem Willen“, ist zwar der Wille, wie oben gezeigt, von absoluter logischer und ethischer Gültigkeit, aber er kann nur durch den Prozess der Assimilation aller fremden Elemente ausgeführt werden, das heißt durch die Liebe. Wer sich weigert, sich mit irgendeinem Phänomen zu vereinen, beraubt sich seines Wertes – sogar des Lebens selbst, wie im Fall der Schwarzen Brüder, die im Abgrund (1) eingeschlossen und zur bewussten Auflösung im Bereich der unzusammenhängenden Ideen und Erfahrungen verdammt sind, um „mit den Hunden der Vernunft unterzugehen“. Diese Verweigerung wird nur dann ausgesprochen, wenn man davon überzeugt ist, dass das neue Phänomen der Menge der bisher gemachten Erfahrungen, die man bereits erworben und zu einem Teil seiner selbst gemacht hat, feindlich gesinnt ist. Aber es ist ein schwerwiegendes Zeichen von Unvollkommenheit, von schwerem Versagen, die Tatsachen in der Sache zu erkennen, wenn man diese Haltung einnimmt. Selbst wenn man für einen kurzen Moment und nur um der Argumentation willen annimmt, dass die neue Idee, die in Betracht gezogen wird, so unvereinbar mit den bereits erworbenen und assimilierten Erfahrungen ist, dass ihre Zerstörung notwendig ist, wenn sie akzeptiert werden soll. So fällt doch eine Tatsache auf die deutlich zeigt, dass die alten Erfahrungen so unvollkommen sind, dass sie in Wirklichkeit nicht geeignet sind ihre frühere Existenz fortzusetzen. Ihre Zerstörung wäre ein Vorteil für dieses Wesen und würde einen Wiederaufbau nach ganz anderen Gesichtspunkten ermöglichen – einen Wiederaufbau, der sich leichter für den Erwerb neuer Erfahrungen und scheinbar widersprüchlicher Ideen eignen würde.

Natürlich ist es in der Praxis notwendig bei der Wahl des Phänomens, das man als nächstes assimilieren möchte, sein Urteilsvermögen einzusetzen. Man sollte nicht unbedingt aus reiner Neugier auf sich selbst oder einen anderen schießen. Das Recht der Wahl liegt beim Individuum. Gleichzeitig sollte man sich daran erinnern, dass „Das Wort der Sünde Einschränkung ist“. Kein anderes Individuum hat das Recht, die Wahl eines anderen zu bestimmen oder einzuschränken, es sei denn, die Erfahrung des einen schließt für alle praktischen Zwecke die Erfahrung des anderen ein; wie im Fall von Eltern und Kindern. Es gibt auch verschiedene andere Fälle, in denen die freie Wahl des Einzelnen insofern eingeschränkt werden muss, wenn sie die Gleichberechtigung eines anderen beeinträchtigen könnte. Aber dies ist keineswegs eine Frage des abstrakten Rechts und Unrechts, sondern eine Frage der praktischen Politik.

Der Ausdruck „erbarmungslose Liebe“, das man Thelemiten zuweilen verächtlich ins Gesicht wirft, kommt zwar im Buch des Gesetzes selbst nicht vor, hat aber dennoch eine gewisse Berechtigung. Mitleid impliziert zwei sehr schwerwiegende Fehler – Fehler, die mit den oben kurz angedeuteten Ansichten über das Universum völlig unvereinbar sind.

Der erste Fehler darin, ist die implizite Annahme, dass mit dem Universum etwas nicht stimmt und dass man zudem so heimtückisch von der Trance des Leidens besessen ist, dass man bei der Aufgabe, das Rätsel des Leidens zu lösen, völlig versagt hat und mit dem Stöhnen eines verletzten Tieres durchs Leben gegangen ist – „Alles ist Leid“. Der zweite Fehler ist noch größer, da er den Komplex des Ego betrifft. Einen anderen Menschen zu bemitleiden, bedeutet, dass man ihm überlegen ist und man verkennt seine absolute Existenzberechtigung ihn so zu nehmen wie er ist. Man behauptet, man sei ihm überlegen, ein Konzept das der Ethik von Thelema völlig entgegengesetzt ist – „Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern“, und jedes Wesen ist eine souveräne Seele. Ein Augenblick des Nachdenkens reicht also aus, um zu zeigen wie völlig absurd eine solche Haltung in Bezug auf die zugrunde liegenden metaphysischen Tatsachen ist.

„…denn es gibt Liebe und Liebe. Es gibt die Taube und es gibt die Schlange.“ Die Sympathie (2) ist offensichtlich die korrektere Einstellung, denn es ist eine erbarmungslose Liebe, die in Wirklichkeit eine Identifikation mit dem anderen beinhaltet; es ist also ein Akt der wahren Liebe. „Es gibt kein Band, das die Getrennten vereinen kann, außer der Liebe“. Wenn wir das griechische Wort ins Lateinische übersetzen und „Mitleid“ statt „Sympathie“ sagen, gibt der Prozess der Degeneration der Sprache dem Wort eine falsche Konnotation. Es muss daran erinnert werden, dass das griechische Wort pathein (3) nicht notwendigerweise im gleichen etymologischen Sinne von sub fero zu leiden (4) bedeutet, da es Minderwertigkeit und daher Mitleid impliziert. Steht nicht über Mitleid geschrieben: „Mitleid ist das Laster der Könige“?

 

Liebe ist das Gesetz, Liebe unter dem Willen

 

Quelle: On Thelema

Anmerkungen zu:

(1) Die schwarze Brüder sind die, welche die Überquerung des Abyss nicht geschafft haben.

(2) Beachte, das Sympathie eine positive Einstellung zu einer Sache oder Person ist, was bei Mitleid nur schwer der Fall sein kann. Mitgefühl wird auch als Synonym für Sympathie verwendet.

(3) Griechisch, pathein – „leiden, betroffen sein“.

(4) Lateinisch, sub („(up, under/unter“) und fero („I carry/ich trage“), d. H. aushalten oder durchmachen und ist die Etymologie des englischen Wortes „suffer/leiden, erleiden, erdulden“ from sub- (“up, under”) + ferō (“I carry”). Etymology: From Middle English suffren, from Anglo-Norman suffrir, from Latin sufferō (“to offer, hold up, bear, suffer”), from sub- (“up, under”) + ferō (“I carry”), from Proto-Indo-European *bʰer- (“to bear, carry”). Displaced native teen.


Aleister Crowley initiierte Thelema und den Orden A∴A∴ und war bis zu seinem Tod Oberhaupt des Ordens O.T.O. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Schriften und gilt im Mainstream als der „böseste Mensch des 20. Jahrhundert“.

Autorenseite: Aleister Crowley

9 Kommentare zu „Aleister Crowley, On Thelema (1926 – 1927)

    1. Ah interessant, vor kurzem hatte ich mich mit Claas über die verschiedenen Zuordnungen unterhalten wie Hadit, Horus, Aiwass etc. Und da habe ich Khabs eher als Hadit gesehen und Khu ist das Haus von Hadit. Hier der Absatz den ich schrieb:

      Ich halte mich da zuerst an die Aussage von Crowley: „ich bin Gott des einen Gottes“. Mir fällt dazu der göttliche Funken ein, dachte immer es kam von Jesus aber habe nichts gefunden. Der göttliche Funken, also der einzelne Gott „in“ uns, ist Hadit. Alle Hadits oder Hadite? mit Nuit bilden den einen Gott. Horus ist ein Prinzip des einen Gottes, so wie Osiris oder Isis oder Hathor, aber sicher keine „Wesenheit“, sondern eine Eigenschaft von vielen Eigenschaften des einen Gottes, er ist das Khu und Gott das Khabs. Wenn man z.B. bei einem Ritual einen Gott evoziert, geht es immer darum seine Eigenschaften zu übernehmen, aber sich nicht mit einer Wesenheit Namens Horus zu verbinden. Aiwass ist der Hl. Schutzengel von Crowley und Harporkrates (oder Hor-pa-chered) ist für mich wiederum ein Sinnbild von Hadit (das schweigende Selbst). Es heißt ja auch: „Siehe! Offenbart wird es durch Aiwass, den Botschafter von Hoor-Paar-Kraat“.
      Jeder heilige Schutzengel ist ein Vermittler zwischen dem Ego Claas oder Aaron oder Petra und Hadit und Hadit wiederum ist durch die Verbindung durch Nuit mit „Gott“ (finde den Begriff Gott eigentlich falsch, „Der Namenlose“ würde viel besser passen) verbunden. Die Verbindung wäre Ra Hoor Khuit. Denn die vorhin genannte Eigenschaft findet sich zb im Namen Ra Hoor Khuit. Er ist das Sinnbild (Khu, das „Haus oder Körper“ von Hadit und somit Einzigartig in Ausruck und Sein) des verwirklichten (it) Sonnen (Ra) Krieger, gleichgesetzt mit Kraft (Hoor). Eine „Eigenschaft“ die sich aber nur durch ein Tun offenbart, was er auch ausdrücklich sagt: „ich bin die Macht eurer Arme (…)“. Er ist auch der Vermittler zwischen Hadit und dem Ego. das ich natürlich Nuit zuordnen würde, denn erst durch den „Körper“ Claas mit seinen 5 Sinnen, kann Claas die Möglichkeiten auf diesem Planeten erleben und agieren. „Nu ist eure Zuflucht wie Hadit euer Licht ist; und ich bin die Stärke, Kraft, Macht eurer Arme“, würde ich so interpretiere: Nuit die unendlichen Möglichkeiten, durch deine 5 Sinne kannst du Zuflucht–>Lösungen finden, dabei ist Hadit das Licht, also das Ziel und die Power bekommt man durch Ra hoor Khuit.

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      1. Scheint mir ein bissel kompliziert. Was die groben Sinne, die ihre Entsprechung mit der Oberfläche des Gestirnes haben, also, das Ego, die Sínne, Augen Nase, Mund, Hände u.s.w. erfassen, begreifen und schaffen können, ist Schein, ist Maya, oder Khu, das Lichtfluidum der Sonne, Tifaret, das Ego. Die wirkliche Wirklichkeit, „ist“ der unsichtbare Kern in jedem Stern, für mich Hadit oder die Weltseele „Atma“ das auch Atman, das Selbst bedeutet und mit Kether als das Khabs identisch ist.

        Muss man nicht so sehen, derzeit stimmt es mit meiner Schau (Vision) so überein.

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