Willkommen in meinem Kopf, Deutschlands bester Freund Psychopath (v. Claas Hoffmann)

Deutschlands bester Freund Psychopath

Die Personalkennziffer meines Musterungsbescheides war 11101.

Der 48ste Vers des ersten Kapitels vom „Buch des Gesetzes“ lautet:

Mein Prophet ist ein Narr mit seinem Eins Eins Eins, sind sie nicht der Ochse und keins nach dem Buch?“

Der Tarot-Trumpf „der Narr“ symbolisiert entweder einen überspannten, wahnsinnigen Menschen, oder genau sein Gegenteil: Einen heiteren, jungen Mann, dessen Leben mit dem „Tao“ fließt. Ein Erleuchteter. Dieser Karte ist der hebräische Buchstabe Aleph zugeordnet, der einem Hakenkreuz ähnelt.

So wie wir beim Aufsagen unseres Alphabetes nicht nur „Y“ von uns geben, sondern „YPSELON“, sprechen die Juden beim Aufsagen ihres Alphabetes nicht nur „A“, sondern „ALEPH“.

Im Gegensatz zu unserem „YPSELON“ steckt in den hebräischen Buchstaben eine Bedeutung: „Aleph“ heißt „Ochse“, geschrieben „A-L-P“. Ein „P“ am Ende eines Wortes zählt in der Kabbala als 800. Am Anfang oder in der Mitte als 80. Schummelt man, und zählt das „P“ vom hebräischen Ochsen als 80, ergibt „A-L-P“ = 111.

(A=1, L=30, P=80).

Mein Prophet ist ein Narr mit seinem Eins Eins Eins, sind sie nicht der Ochse und keins nach dem Buch?“

Ich schrieb dem Kreiswehrersatzamt einen fünfseitigen Brief, in dem ich erklärte, daß die Außerirdischen schon 1904 meine Personalkennziffer gekannt hätten. Als Beweis für die außerirdischen Zeitreisenden zitierte ich den entsprechenden Vers aus dem Liber AL und kopierte außerdem einige Seiten der Originalhandschrift Aleister Crowleys. Im Liber AL wird mehrfach darauf hingewiesen, daß das Buch immer zusammen mit Crowleys Handschrift veröffentlicht werden muß. In verschiedenen Worten seiner Sauklaue hatte ich meinen Namen erkannt, diese Stellen markiert, und dem Kreiswehrersatzamt geschickt.

Mein Schreiben war keine Kriegsdienstverweigerung. Im Gegenteil: Ich behauptete, ich wolle Militärdiktator werden, Deutschland wiedervereinigen und das politische System der BRD verändern.

Schon einmal hatte ich dem Kreiswehrersatzamt auf einen Musterungsbescheid geantwortet. Die Beamten verhielten sich jedoch, als hätten sie mein erstes Schreiben nie erhalten:

Sehr geehrte Damen und Herren. Mann und Frau sind vor dem Gesetz gleich. Ich kenne keine Frau in der BRD, die je zu einer Musterung gehen mußte. Darum werde ich auch nicht kommen. Hochachtungsvoll, Claas Hoffmann.“

Der Musterungsbescheid, auf den ich antwortete, ich wolle Militärdiktator werden, war bereits die dritte Aufforderung meines Vaterlandes, ihm zu dienen. Die erste fand ich 18-jährig, damals wohnhaft in Hamburg-Othmarschen, in meinem Briefkasten. Sofort, nachdem ich das fürchterliche Papier erhalten hatte, flüchtete ich nach Berlin, um mich dort beim Einwohnermeldeamt eintragen zu lassen. Der Bund ließ mich in Ruhe, bis ich zwei Jahre später nach Finkenwerder zog.

Aus meinem Militärdiktator-Brief konnten die Beamten phantastische Neuigkeiten erfahren. Ich informierte sie darüber, daß ich über ein außerirdisches Doppel verfüge. Dieses Doppel ist eine kleine grünhäutige Frau mit einem enorm großen Kopf.

In der Steinzeit, als ich selbst noch genau dieses Doppel war, bin ich mit meinem UFO eine Zeitschleife geflogen. So, daß es mich zweimal zur gleichen Zeit gab. Mein Name lautete „Lam“. Eine „Lam“ landete auf der Erde, die andere umkreiste den Planeten weiter in ihrem UFO. Die gelandete Außerirdische bekam Kinder von den Urmenschen, starb auf der Erde und wurde wiedergeboren. Bin eine Inkarnation dieser außerirdischen Frau, Crowley auch.

Ich erklärte, meine Wenigkeit sei das geheime Oberhaupt der NSDAP gewesen. Hitler gehorchte meinen Befehlen. Sein Reden vom arischen Blut der Herrenrasse bezog sich auf das außerirdische Blut, das in den Menschen fließt. Dieses Blut strömt durch unsere Adern, da mich ja in der Steinzeit die Urmenschen gefickt hatten, und meine Kinder dann auch wieder Kinder bekamen und so weiter.

Das Kreiswehrersatzamt mußte nun zur Kenntnis nehmen, daß es auserwählt worden sei, mir die Tore zur Bundesregierung zu öffnen. Ich hätte nicht die Zeit, eine normale militärische Laufbahn einzuschlagen, immer wieder befördert zu werden und so ganz nach oben zu kommen. Sie, die Beamten vom Kreiswehrersatzamt, hätten die große Aufgabe, die Regierung und den Verteidigungsminister zu informieren: Claas Hoffmann ist im Besitz wichtiger außerirdischer militärischer Informationen. Unverzüglich muß ihm das Oberkommando der Bundeswehr übertragen werden.

Um der Sachen den richtigen Pepp zu geben, zitierte ich zu guter Letzt die Verse des Kriegsgottes Horus aus dem Liber AL, die mir am faschistischsten und brutalsten vorkamen:

Verachtet auch alle Feiglinge: Berufssoldaten, die nicht zu kämpfen wagen, sondern spielen: Verachtet alle Narren.“

Ich bin der Kriegsgott der Vierziger: Die Achtziger verbergen sich vor mir und sind gedemütigt. Ich will euch zu Sieg und Freude bringen: Ich will im Kampf bei euren Waffen sein und ihr werdet Lust zu töten haben.“

Ich werde euch eine Kriegsmaschine geben. Damit werdet ihr die Völker vernichten und keines soll vor euch bestehen.“

Wir haben nichts mit den Ausgestoßenen und den Untauglichen: Laßt sie sterben in ihrer Trübsal: Denn sie fühlen nicht. Mitleid ist das Laster der Könige: Tretet nieder die Unglücklichen und die Schwachen: Dies ist das Gesetz der Starken: Dies ist unser Gesetz und die Freude der Welt.“

Ehrlich und wahrhaftig glaubte ich, von meinem Doppel aus dem UFO beobachtete zu werden und für die genetische Zusammensetzung der Menschheit verantwortlich zu sein. Nur den direkten Funkkontakt und die militärischen Informationen besaß ich nicht wirklich. Egal. Ich war mir sicher, daß beim Kreiswehrersatzamt Nazis sitzen, die die Zitate aus dem „Buch des Gesetzes“ und meine Behauptungen toll finden. So toll, daß sie sich darum kümmern würden, daß meine Geschichte „ganz nach oben kommt“.

Die Personalkennziffer zusammen mit meinem Namen in der Originalhandschrift von 1904 war schließlich Beweis genug.

Des Schreibmaschinenschreibens war ich nicht mächtig. Meine Mutter tippte das Hirngespinst für mich ab. Einige Hakenkreuze, SS- und SA-Runen malte ich auf den Brief und brachte ihn zur Post.

Ich erhielt einen neuen Musterungsbescheid.

Keine Antwort auf meinen Brief! So eine Frechheit!

Ich antwortete, daß ihnen dieses Verhalten noch einmal verzeihen wird, da es ja sonnenklar sei, daß sie bald ganz genau tun würden, was ich von ihnen verlange. Mein außerirdisches Doppel ist mit dem Raumschiff in die Zukunft geflogen und hat gesehen, wie Deutschland wiedervereinigt ist und ich Diktator bin. Insofern können sie durch das Ignorieren meines Briefes überhaupt nichts verändern. Die Zukunft steht fest.

Das Schreiben, gleiche Rechte wie eine Frau zu besitzen, hatte ich noch in Finkenwerder verfaßt. Als die Beziehung mit Diana zerbrach, war ich durchgeknallt, ohne eine Mark in der Tasche oder eine extra Unterhose, zu Lood nach Holland getrampt. Von dort weiter nach Gent und Brüssel, dann nach Hannover und Berlin. Am Ende der dreiwöchigen Irrfahrt war ich bei meinen Eltern gelandet.

In der ehemaligen Garage gab es jetzt einen Kamin und eine Bar. Sehr gemütlich. Schlief auf einer Matratze neben meinem Schlagzeug.

Dieser Partykeller war ein ebenso heiliger Raum wie das Haus 418 in Finkenwerder.

Ein Liber AL-Vers lautet:

Richte bei deiner Kaaba (arab.=Würfel) ein Schreibhaus ein, alles muß gut gemacht werden und nach Geschäftsgebrauch.“

Die „Kaaba“ ist das Heiligtum der Moslems in Mekka. Für mein außerirdisches, erleuchtetes Gehirn war es aber sonnenklar, daß „Kaaba“ nur „Car-Bar“ bedeuten konnte: Eine ehemalige Garage, in der jetzt eine Bar stand. Diese „Car-Bar“ war nun mein Schreibhaus, aus dem die Briefe an das Stader Kreiswehrersatzamt gezaubert wurden.

Ich bekam fünf weitere Musterungsbescheide. Die letzten beiden mit der Mitteilung, daß man mich mit den Feldjägern abholen würde, wenn ich nicht zum besagten Termin erschiene. Nie bekam ich eine Antwort auf meine für Deutschland und die ganze Menschheit so wichtigen Briefe. Meine Mutter ließ ich die weiteren Ergüsse nicht mehr abtippen. Fürchtete, sie würde sich darum kümmern, daß ein Psychologe mich irgendwo einsperrt. Zweifelte für Sekunden an der Allmacht meines außerirdischen Doppels.

Je mehr mich das Kreiswehrersatzamt bedrohte, desto stärker bedrohte ich die Beamten. Sie sollten genau die Angst, die sie mir machten, zurückbekommen. Spiegelmagie. Übernahm in Teilen ihre Formulierungen. Wollte die Gewalt, die ihre Schreiben für mich darstellten, imitieren:

Sehr geehrte Damen und Herren. Dies ist die letzte Aufforderung. Wenn Sie auf dieses Schreiben nicht reagieren und meinen Anordnungen Folge leisten, sehe ich mich leider gezwungen, Ihnen außerirdische Kriegsmethoden am eigenen Leibe zu demonstrieren, beispielsweise durch Stiche in die Hoden. Es ist vollkommen aussichtslos, sich Ihrer Aufgabe zu widersetzen. Mein außerirdisches Doppel hat die Zukunft bereits gesehen, in der Sie, sehr geehrte Damen und Herren, mir die Tore zur Bundesregierung geöffnet haben. Du, oh mein Volk, erhebe Dich und erwache!“

Nach meinem dritten Brief, in dem ich erklärt hatte, daß die Grenzen Deutschlands von Ägypten bis Brasilien reichen, und ich die außerirdischen Waffen nur zur Verteidigung einsetzen wolle, kam ein freundlicher Staatsdiener in mein Elternhaus. Ich war nicht da. Meine Mutter öffnete die Tür. „Sagen Sie, wissen Sie vielleicht ob ihr Sohn das alles ernst meint? Oder will der sich nur einen Spaß mit uns erlauben?“ „Ich denke, er meint das ernst“, war ihre Antwort, erzählte sie mir beim Abendbrot.

Jetzt war ich höchstgradig beziehungswahnsinnig.

Wenn ein Mann mit einem Trenchcoat am Haus vorbeiging, handelte es sich um jemanden vom CIA, FBI und KGB und supergeheimen UFO-Geheimdiensten der Bundeswehr. Flog ein Hubschrauber in der Nähe des Hauses, machte ich einen Gruß zum Himmel, damit die begriffen, daß ich weiß, daß ich gerade gefilmt werde.

Ich hatte einen Plan. Einen phantastischen Plan:

Da im Kreiswehrersatzamt und in allen höheren Stellen der Bundeswehr größenwahnsinnige Nazis sitzen, die sich alle die Wiedervereinigung Deutschlands wünschen und gerne einen Militärdiktator hätten, werden meine Briefe an die Bundesregierung weitergeleitet. Alle fürchten sich ganz schrecklich vor mir. Das Oberkommando der Bundeswehr wird auf mich übertragen. Die Geheimdienste der BRD und DDR treffen sich. Sie beschließen, um ein schreckliches Blutvergießen zu vermeiden, Deutschland kampflos wiederzuvereinigen.

Als mächtigster Mann der Welt trete ich nun vor die Kameras, um die Bevölkerung vom außerirdischen Blut der Deutschen und ihres neuen außerirdischen Herrschers zu unterrichten.

Jetzt wird die Katze aus dem Sack gelassen: Alle erfahren mit schreckgeweiteten Augen und Ohren, was für ekelhafte Nazi-Arschlöcher in den Kreiswehrersatzämter sitzen. Endlich kommt an den Tag, daß alle Leute, die bei Bundeswehr und Regierung etwas zu sagen haben, widerliche Faschisten sind. Der Hammer ist: In jedem Mensch fließt außerirdisches Blut! Nicht nur in den Deutschen! Dann würde ich behaupten, mein außerirdisches Doppel im Raumschiff hätte mir vergewissert, daß die Soldaten in Deutschland überflüssig seien. Lam sitzt im unschlagbaren Superraumschiff und garantiert uneingeschränkten totalen Schutz vor Aggressoren.

Das Militär kann sofort abgeschafft werden.

Was für ein genialer Plan!

Nachdem ich auf die fünfte Aufforderung des Kreiswehrersatzamtes geantwortet hatte, meine Geduld sei nun zu Ende, es würde mir widerstreben, Gewalt anzuwenden, aber sie würden mich dazu zwingen, rief ein Beamter an. Ich ging ans Telefon. Die Außerirdischen würden mit Sicherheit dafür sorgen, daß die Staatsdiener mir glaubten. Die UFOnauten brauchten mit ihrer SuperUFOtechnik nur demjenigen, der meine Schreiben bearbeitete, mit einer unsichtbaren Hand am Schlips zu ziehen. Oder ihm in die Eier piken. Dann noch ein paar Akten aus den Schränken werfen.

Der Mann am Telefon schien nicht eingeschüchtert zu sein.

Er sagte freundlich, daß sie schon zweimal einen definitiv letzten Musterungsbescheid abgeschickt hätten, aber mich so ungern mit Gewalt holen würden. Ich dürfe mir gerne einen Termin selber aussuchen, wenn ich nur kommen wolle.

Gähnende Leere.

Ich suchte mir einen Termin aus.

Bevor ich hinging, schrieb ich einen letzten Brief, in dem ich noch einmal betonte, daß ich alle außerirdischen Waffen nur zur Verteidigung einsetzen wolle. Daß ich durchaus Verständnis für ihren Unglauben hätte, auch ich lange ungläubig war. Die UFO-nauten mir leider in Eier und Arschloch piken mußten, damit die synaptischen Schaltstellen in meinem Nervensystem gelockert werden und die Neuprogrammierung meines Biocomputers möglich war. Wie ich mich freue, daß sie als Beamte so viel Spaß verstehen.

Als Claas vom Mars betrat ich in feuerroten Klamotten das Kreiswehrersatzamt. Man untersuchte mich nicht körperlich. Ich mußte 5 Minuten mit einer älteren Psychologin reden, die meine schriftstellerische Begabung lobte und fragte, ob ich die unendliche Geschichte von Michael Ende kenne. Dann gab sie mir einen Termin beim Psychologen Dr. Zuvieluck im Stader Krankenhaus.

Die Hausnummer dieses Krankenhauses ist 111.

Mein Prophet ist ein Narr mit seinem Eins Eins Eins, sind sie nicht der Ochse und keins nach dem Buch?“

Herr Dr. Zuvieluck war köstlich amüsiert.

5 Kommentare zu „Willkommen in meinem Kopf, Deutschlands bester Freund Psychopath (v. Claas Hoffmann)

    1. Ich schon, damals wollte ich es auch und als ich in der BW war, stellte sich mir die Frage, ob ich Zeitsoldat werden will oder doch lieber weiter Thelema verfolge. ich entschied mich für letzteres. Aber hätte es kein Thelema gegeben, ich wäre garantiert bei der BW geblieben und hätte auch versucht (damals fing der erste Auslandseinsatz für die BW in Somalia an und ich meldete mich freiwillig) in Kriegsgebiete zu kommen.

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