Willkommen in meinem Kopf, Das zerrissene Buch (v. Claas Hoffmann)

Das zerrissene Buch

Es wurde Herbst. Zeit, in den Horneburger Kuhwiesen zwischen Apfelbäumen im „Alten Land“ nach Psylocybin Pilzen zu suchen.

Diese halluzinogenen Pilze veränderten mein Bewußtsein, wie keine andere Droge. Erste Einblicke in die Psylocybin-Realität erhielt ich als 16-jähriger: Ich sah, wie mir am ganzen Körper Haare wuchsen. Oder verwandelte mich in einen Embryo. Erkannte, daß der Apfel, in den ich hineinbeiße, weiß, daß er der Apfel ist. Sah freundliche und unfreundliche Bäume, glückliche und unglückliche Kühe.

Alles ist von Bewußtsein durchdrungen.

Dieses Bewußtsein beschränkt sich nicht auf Menschen, Tiere oder Pflanzen. Die Pilze zeigten mir, daß das Wohnzimmersofa sich seiner Existenz bewußt ist. Oder die Lampe, die ich klar und deutlich denken hörte: „Ich bin die Lampe.“ Wenn im elterlichen Garten das Laub eingesammelt werden mußte, freute sich die Schubkarre, daß ich mit ihr spazieren ging.

Nun lief ich wieder auf Pilzsuche durch die Wiesen. In einer Jackentasche fühlte ich mein kleines Tagebuch. Darin stand, daß ich ein bisexueller Außerirdischer bin, der von seinem großköpfigen, grünhäutigen Doppel aus dem UFO beobachtet wird. Daß ich die Welt retten und den Erdball regieren würde und ungeheuerlich wichtig sei.

Wie es zu solch einer Tagebucheintragung kommen konnte, wird der Leser bald erfahren.

Da fürchtete ich, meine Eltern, meine Freunde, oder wer auch immer, könnten es lesen, und mich in die Psychiatrie sperren. Erst 20 Seiten hatte ich in dieses Tagebuch geschrieben. Jetzt riß ich jedes Blatt in acht Stücke, zerknüllte sie, und steckte die Schnitzel in einen Brombeerstrauch, der zwischen der Wiese und einer schmalen Straße wuchs.

Nur wenige „Psylos“ habe ich an jenem Tag gefunden.

Ein Vierteljahr später lernte ich Dunja kennen, die auch in Horneburg großgeworden ist. Komischerweise waren wir uns nie über den Weg gelaufen. Jetzt freundeten wir uns an und schliefen und lachten zusammen.

Eines Tages holte sie aus einer Schublade in ihrem Zimmer die zwanzig von mir vernichteten Tagebuchseiten hervor.

Alle vollständig wiederhergestellt:

Sorgfältig geglättet und mit Tesafilm geklebt.

Dunja war an dem Brombeerstrauch vorbeigekommen, in den ich das zerstörte Buch gesteckt hatte. Sie mußte an jenem regnerischen Tag dort spazieren gegangen sein, an dem ich Pilze gesucht hatte. Die Buchstaben wären verwaschen gewesen, hätte sie das Buch nur einen Tag später entdeckt.

Mein Name stand nicht in dem Buch. Als Dunja mich kennenlernte, wußte sie nicht, daß es mein Tagebuch war, was sie zuvor gefunden und rekonstruiert hatte. Das wurde ihr erst einige Wochen später klar.

Sehr wundersam ist nicht nur, daß sie am richtigen Tag am richtigen Ort spazieren ging, sondern auch, daß sie die Papierschnipsel, die ich tief in den piksigen Busch geschoben hatte, entdeckte.

Merkwürdig ist, daß sie den Impuls verspürte, dieses Papier aus dem Busch zu ziehen und vollständig alle Schnipsel fand.

Seltsam ist es, daß sie nicht schnell die Geduld verlor, als sie versuchte, die Seiten zu rekonstruieren.

Ein Rätsel ist, warum wir uns drei Monate nachdem sie das Buch entdeckte, kennenlernten, und nicht schon vorher.

Daß ich als wandelnde Inkarnation der Pest durch die Gegend schwebte, stand nicht in meinem Tagebuch. Ich wußte es ja nicht. Das sollten Dunja und ich gemeinsam herausfinden, beim weisen Urologen in Buxtehude:

Der Herr Dr. lächelte uns an und sprach: „Ja, haha, das ist die Krätze. Kleine Milben die unter der Haut langkriechen.“

Er machte noch Abstriche aus Penis, After und Vagina, und sagte, wir sollen in einer Woche wiederkommen. Dann wisse er, warum mir Schwanz und Eier schmerzten und Dunja die Muschi juckte. „Wieso erst in einer Woche? Herr Dr. Chambertin und Herr Dr. Dorn und der Arzt vom Krankenhaus in Hamburg konnten mir immer sofort oder spätestens am nächsten Tag sagen, ob ich krank bin oder nicht.“ „Das geht nicht“, erklärte mir der Arzt aus Buxtehude. „Ich muß die Abstriche in eine Nährlösung legen und dann eine Woche abwarten, ob dort Bakterien oder Pilze wachsen.“

Es wuchsen Bakterien und Pilze.

Wieso war ich zuvor immer zu so grausam schlechten Ärzten gelaufen?

Saßen in der Chefetage der T.S.S. fiese Sadisten, die mich verrückt machen wollten?

Was sollte das?

Wo hatte die schreckliche Eiergeschichte begonnen? Das erstemal hat’s gepikt in Tossa del Mar. Nicht doll. Nach zwei Tagen war’s vorbei. Hab mich nicht drum gekümmert. Konnte doch nicht wissen, daß die Schmerzen nur eine Zeit verreist waren. Daß sie zu Monstern mutieren sollten. Mich zum Säufer machen. Mir das Gehirn wegpusten. Wäre ich in Spanien zum Arzt gegangen, gewiß wäre alles ganz anders gekommen.

Das hätte die T.S.S. aber niemals zugelassen.

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