Willkommen in meinem Kopf, Reise zur dunklen Seite des Mondes (v. Claas Hoffmann)

Reise zur dunklen Seite des Mondes

Im Sommer 1984 trampte ich zusammen mit der Gräfin nach Südfrankreich und Spanien. Vor unserer Reise hatte ich ein paar Mal bei ihr übernachtet. Wir haben aber nie zusammen geschlafen. Die Gräfin hatte keine Lust, und ich wollte Judith, meiner festen Freundin, treu bleiben. Judith und ich waren seit einer Schul-Theaterfahrt ein verliebtes Paar. Das Stück im Schauspielhaus hieß „Verlorene Zeit“. Es ging darum, daß alle Zeit, in der man zusammen Sex haben könnte, aber es nicht tut, verlorene Zeit ist. Im Bus auf der Rückfahrt vom Theater, fragte ich Judith, ob sie noch einen Joghurt zu Hause hätte. In der Trinkstraße war der Kühlschrank leer. Gleich nach dem Joghurtessen haben wir zusammen geschlafen. Sie erzählte mir, daß „Judith“ in der Namensforschung „Die, die ihrem Mann den Kopf abschlug“ bedeutet.

Als Isabell und ich abreisten, schenkte sie mir einen schönen, schwarzen Schal, den ich als Gürtel trug. So mußte ich wenigstens immer dann, wenn ich die Hose aus- oder anzog, an sie denken.

In jener Zeit hatte ich begonnen, viel Getreide zu essen. So nahm ich einen großen Sack Körner und eine alte Kaffeemühle zum Getreidemahlen mit. Ansonsten befanden sich in meinem Rucksack nur 300 Mark, ein Schlafsack, einige Klamotten, meine Bongos und natürlich das Buch Thoth mit dem Kartenspiel.

Die erste Nacht der Tramptour war ein reiner Alptraum. Irgendwo in Belgien nahm uns ein Lastwagenfahrer mit, der sich mit „Salut je suis Mickey“ vorstellte. Die Gräfin faßte das Abenteuer später mit den Worten „Eine kleine Mickey-Mouse zog sich mal die Hose aus – zog sie wieder an – und du bist dran“ zusammen.

Es regnete. Mickey stoppte an der französischen Grenze. Während er sich auszog, bot er uns an, auch im Lastwagen zu übernachten. Er stank entsetzlich. Ich wollte raus. Die Gräfin wollte bleiben. Ich glaubte, ich müßte sie beschützen. So mußte ich auch bleiben. Es wurde alles supereklig. Ich konnte Isabell nie dazu bewegen, den Lastwagen zu verlassen, während Mickey sie stöhnend und wichsend befummelte und ihre Hand nahm, um ihre Fingernägel in sein eigenes Fleisch zu drücken. Immer, wenn ich vor Müdigkeit doch beinahe eingeschlafen war, wurde ich von einem neuen „Nein, Nein!“ der Gräfin hellwach, um dann ein lautes „Mickey stop it“, oder sonstwas zu brüllen.

Als es endlich Morgen wurde, befahl Mickey, wir sollten unsere Rucksäcke nehmen und zu Fuß über die Grenze gehen. Er hatte keine Lust auf die Grenzkontrolle mit uns und versprach, auf der anderen Seite zu warten. Die Gräfin wollte wirklich weiter mit ihm fahren.

Ich wollte sie nicht allein lassen. Weil sie fürchtete, man würde uns an der Grenze bestimmt filzen, ließ sie einen LSD-Trip unter einem Kissen auf Mickeys Beifahrersitz liegen. Als wir dann sahen, daß Mickey nicht in Frankreich auf uns gewartet hatte, sagte sie immer nur „Oh scheiße, der Trip ist weg“. Damals hatte ich noch nie LSD genommen.

Der nächste Mensch, der uns mitnahm, muß ziemlich normal gewesen sein, denn ich kann mich nicht so recht an ihn erinnern. Aber der Übernächste war wieder so ein stinkender, eklige-französische-Zigaretten-rauchender-Lastwagenfahrer-Arsch. Nahe der Mittelmeer-küste bog er von der Autobahn ab. Wir fuhren in einen Hafen zu einer Lagerhalle. Dort wollte er „was erledigen“. Er stieg aus und deutete mir mitzukommen. Er wolle mir etwas zeigen. Ich folgte ihm in die Halle, wo er verschiedene süße Früchte in eine Kiste packte. Nun gingen wir zur Heckklappe seines Lasters. Er öffnete sie und stellte die Kiste auf die Ladefläche. „Die Früchte sind für dich, die kannst du jetzt essen.“ Sehr freundlich, dachte ich, und aß. Nach frühestens einer Minute kam mir der Gedanke, daß etwas nicht stimmte. Ich ließ die süßen Früchte stehen und ging zum Führerhaus des Lasters. Der Franzose versuchte gerade, die Gräfin zu vergewaltigen. So männlich wie ich konnte, befahl ich, er solle sofort aufhören. „Amore, Amore“ wimmerte er. Isabell lachte. Sie lachte andauernd. Mit einem irre breiten Mund und diesem wahnsinnigen Gesichtsausdruck. Ein Lachen, was man nicht hören, aber sehen mußte. Es tat in den Augen weh. Sie schien noch weniger als ich, das, was geschah, als Wirklichkeit zu empfinden. Der Franzose drohte, wenn Isabell sich nicht von ihm ficken läßt, fährt er ohne uns weiter. Wir räumten unsere Rucksäcke nach draußen. Der eklige-französische-Zigaretten-rauchende-Lastwagenfahrer-Arsch hauchte schleimig „Adieu“ und fuhr. Wir mußten herausfinden, wo wir waren, und wie wir zurück zur Autobahn kommen konnten.

Das erste Ziel unserer Reise hieß „Plan de la tour“. Ein kleines Nest in der Nähe von St. Maxime. Isabell hatte eine Adresse, zwei Kilometer außerhalb des Dorfes. Sie nannte den Ort eine „Farm“. Wir sollten einen Mensch namens Lehel von jemandem grüßen. Dann würde alles in Ordnung gehen und wir könnten eine zeitlang bleiben. Ich weiß nicht mehr, wie der Mensch hieß, von dem wir grüßen sollten. Isabell erzählte, er sei heroinabhängig gewesen. Als seine Freundin sich totspritzte, lebte er dort für einige Zeit, um zu entziehen. Die „Farm“ trug den Namen „Les Cloudiniers“. Der Fixer hatte dort Kerzen gegossen und verkauft. Kerzen aus farbigem Wachs, in der Form kleiner Blumentöpfe, die nicht mit Ton, sondern mit wachsdurchtränktem Sand umhüllt waren.

Als wir „Les Cloudiniers“ erreichten, herrschte eine eigenartige Stille. Nur die Insekten surrten und zirpten in den trockenen Hügeln. Die Sonne brannte. Wir gingen einen Sandweg hinauf zu einem weißen Gebäude, welches sehr südländisch, fast arabisch aussah. An einer Seite hatte es große Fenster mit Rundbögen. Um das Hauptgebäude herum lagen einige kleinere, alle recht phantasievoll gebaut. Aus einem Haus ragte ein Turm mit einem japanisch ausschauenden Dach. Vor dem Hauptgebäude lag eine riesige, schwarze Dogge. Sie schaute uns an. Sie bellte nicht und sie rührte sich nicht. Keine Menschenseele war zu sehen. Mit Herzklopfen gingen wir durch die Tür.

Wir betraten einen großen Raum, der in zwei Ebenen unterteilt war, die eine kleine Steintreppe verband. Der Fußboden der oberen Hälfte lag in Höhe eines riesigen Tisches, der auf der unteren Hälfte stand. In der hinteren Ecke der unteren Ebene führte eine Treppe hinab in einen weiteren Raum. Von dort aus konnte man wieder nach draußen gehen, da das Gebäude schräg in einen Hügel hinein gebaut war. Sowohl im unteren, als auch im oberen Geschoß befanden sich riesige Steinbacköfen. Überall roch es nach Lavendel. An dem gewaltigen, runden Tisch saßen drei Menschen und schauten uns schweigend an. Eine alte Ungarin, ein vielleicht 60-jähriger Ungar mit einem grauen Bart, und ein etwa 30-jähriger Franzose mit dunklen, langen Haaren, einem schwarzen Bart und sonnengebräunter Haut. „Salut“ sagte ich schüchtern und fragte nach Lehel, den ich vom kerzengießenden Fixer grüßen wollte. Lehel war nicht da. Er sollte bald wiederkommen. Alles war so schweigsam. Sie schienen überhaupt keine Lust zu haben zu sprechen. Lag es an der Hitze? Isabell konnte eh kein Wort Französisch. Wir warteten auf Lehel.

Lehel trug weite, weiße Sachen, hatte etwas Bauch, Haare und Bart wie Baghwan. Seine Augen schauten uns gütig und wohlwollend an. Als ich ihm die Grüße ausrichtete und darum bat, einige Tage bleiben zu dürfen, sagte er „oui“ und brachte uns in ein kleines Nebenhaus, wo wir schlafen konnten. Fließend Wasser gab es nur im Hauptgebäude. Ein Plumpsklo stand auf dem Hof.

Der 50 Jahre alte Ungar war der dritte Mensch auf dieser Reise, der Isabell permanent ficken wollte. Eigentlich mochte ich ihn ganz gerne. Aber da er nicht auf Isabells Geräusche und Körpersprache reagierte, mußte ich ihm immer wieder erklären, daß sie nicht wollte.

Er hatte eine scheußliche Lungenkrankheit. Immer, wenn er einatmete, zog sich die Haut zwischen seinen Rippen nach innen. Das konnte man sehen, weil er mit freiem Oberkörper herumlief. Wenn er heftig abgehustet hatte, steckte er sich gleich eine starke Zigarette an.

Er war Bildhauer und arbeitete an einer lebensgroßen, nackten Frau, die auf dem Boden saß. Als er mir etwas Lehm gab, modellierte ich ein kleines Teufelchen, das den Kopf auf eine Hand stützt, als würde es angestrengt nachdenken. „Il est joli“, sagte der Alte, als ich fertig modelliert hatte. Nun zeigte er mir mindestens 20 Photos von Bildern, die er gemalt hatte. Immer das gleiche Motiv: Jesus am Kreuz mit weinenden und betenden Menschen davor.

Jeden Morgen stand der Ungar kurz vor Sonnenaufgang auf, brachte der Kuh im Garten etwas Wasser und wanderte dann auf einen Hügel, um mit erhobenen Armen die Sonne zu begrüßen.

Der Franzose mit dem schwarzen Bart verkaufte kleine Parfümflaschen aus Ton auf den Touristenmärkten. Er lud uns einmal in den zwei Wochen, die wir dort blieben, zum Kiffen ein. Sonst war ich immer breit von Mohnkuchen und Rotwein. Der Mohnkuchen war superlecker. Den backte die alte Ungarin. Lehel fuhr mit seinem kleinen Bus in die Stadt und verkaufte ihn an die Bäckereien. Was übrig blieb, war für uns. Zum Trinken stand ein Kanister Rotwein beim großen Kamin, von dem sich jeder bedienen konnte.

Isabell und ich gaben Lehel jeden Tag etwas Geld. Zum Wohnen, Essen und Trinken. Nach einer Woche wollte Isabell weiter nach Spanien, da unser Geld langsam zur Neige ging. Ich wollte noch nicht fort. Also fragte ich Lehel, ob er nicht etwas Arbeit für uns hätte, damit wir bleiben könnten, ohne dafür zu bezahlen. Er gab mir einen Beutel weiße Kalkfarbe, einen Eimer Wasser, und eine Rolle zum Malen. Ich war glücklich.

So strich ich die Wände eines der kleineren Gebäude und sang: „Wer ich bin, und wer ich war, wer ich bin, und wer ich war, ist doch so egal…“

Isabell hatte keine Lust zu arbeiten. Aber sie fegte ab und an die Backstube.

In einer Vollmondnacht konnte ich nicht schlafen. Ich ging spazieren. Den Sandweg vom Hof hinunter, dann ein wenig die Straße entlang und schließlich einen schmalen Weg die Hügel hinauf. Als ich den Hof verließ, folgte mir die große schwarze Dogge und ein schwarzweiß gefleckter Hund, der auch zu den Cloudiniers gehörte. Den ganzen Nachtspaziergang über blieben die Tiere bei mir. Nie entfernten sie sich mehr als einige Meter. Hielt ich, blieben auch sie stehen. Zu Hunden hatte ich nie einen Draht. In dieser Nacht fühlte ich zwischen den Tieren und mir eine Verbindung. Ein vollkommen fremdartiges Gefühl. Ein schönes Gefühl.

Das Mondlicht zauberte allerlei Gestalten in die Büsche. Einsiedler und gekreuzigte Heilande. Ich hielt inne und betrachtete den Mond. Mit mir die Hunde. Regungslos starrten sie auf die silberne Scheibe.

Plötzlich erkannte ich: Der Mond ist eine Kugel.

Das klingt albern. Ich wußte schon immer, daß der Mond eine Kugel ist. Aber in diesem Moment erkannte ich es. Ich begriff, daß dort oben ein großer, runder Stein am Himmel hängt. Als hätte ich das nie zuvor gewußt. Als hätte ich vor dieser Nacht nur etwas über den Mond gelesen, oder von anderen Menschen erzählt bekommen.

Für wenige Erlebnisse fällt es mir so schwer, Worte zu finden.

Als wir Richtung Spanien abreisten, sagte Lehel, ich könne jederzeit zurückkommen, bei ihm arbeiten und dafür bei ihm wohnen, essen und trinken. Darüber freute ich mich sehr.

Wir wurden bald von einem französischen Pärchen in einem Kleinbus mitgenommen. Sie fuhren bis in die Pyrenäen. Unterwegs luden sie uns zum Essen ein.

Der junge Mann fragte mich, ob ich noch einen Schnaps und einen Wein wolle. „Oui“ sagte ich. Er war begeistert: Ich müsse im Leben immer zu allem „Ja“ sagen. Seine Freundin schaute mir tief in die Augen und schüttelte den Kopf.

Als wir weiterfuhren, durften Isabell und ich im Bus schlafen. Mitten in der Nacht wurden wir geweckt. „Ihr seid da! Ihr müßt aussteigen.“ Wir bedankten und verabschiedeten uns. Es war irre kalt und finster. Mein Französich muß miserabel gewesen sein. Ich war mir todsicher, unseren Fahrern erklärt zu haben, daß wir nach Port Bou wollten. Ein kleines spanischen Örtchen am Mittelmeer, direkt an der französischem Grenze. Nun stand auf dem nächsten Straßenschild, daß wir uns mitten in den Pyrenäen, einen Kilometer vor Andorra befanden. Endlich ging die Sonne auf. Wir brauchten den ganzen Tag, um nach Port Bou zu kommen.

Ein Jahr zuvor war ich schon einmal dort gewesen, mit meinem Cousin Matthias und seinem Freund Oliver. Damals schliefen wir auf dem Dach eines Hauses. Es stand in den trockenen Hügeln, die an die Pyrenäen angrenzen. Um dorthin zu gelangen, mußte man vom Strand aus eine Viertelstunde zu Fuß gehen. Es gehörte Antonio, einem ehemaligen Berufsboxer, der in einem Strandcafé von Port Bou kellnerte. Ich weiß nicht, wie Matthias und Oliver damals diesen Schlafplatz fanden. Sie waren mit dem Auto vorgefahren, und ich mit dem Zug nachgereist. Als ich ankam und sie in einer Kneipe traf, war es eben so, daß sie ihre Nächte auf dem Dach verbrachten, und ich auch dort schlafen konnte. Sieben andere Urlauber „wohnten“ mit uns auf dem Haus. Drinnen lebte niemand. Es gab nur zwei kleine Zimmer. Im einen stand ein Herd und ein Tisch. Im anderen nur Spiegel, Hanteln und Gewichte, damit Antonios Boxfreunde trainieren konnten. Dahinter Ställe voller Ziegen. Davor ein kleiner Schuppen, in dem es fließend Wasser und einen Schlauch zum Duschen gab.

Feist und faul lebte man vor sich hin. Als zwei Wochen vergangen waren, hatten wir genug von Sonne, Suff und Rauch. Wir fuhren ins Dali Museum nach Figueras. Mußten doch ein wenig Kunst und Kultur sehen. Dort fiel ich in ein „Zeitloch“: Ich war der festen Überzeugung, mich höchstens eine Stunde darin aufgehalten zu haben. In Wirklichkeit waren es über fünf. Äußerst verwirrend.

Nach dem Museumsbesuch ging es weiter mit dem Auto quer durch die Pyrenäen bis an den Atlantik. Eine irre schöne Fahrt. Ich erinnere mich, daß wir auf dem Weg nach Hause jeden Pfennig zum Tanken benötigten. Wir übernachteten in einem Sonnenblumenfeld. Das einzige, was wir noch zu essen und zu trinken hatten, waren Knoblauchzehen und eine Flasche Pernod.

Als ich mit Isabell in Port Bou ankam, schliefen mindestens 13 „Freaks“ auf Antonios Haus. Mit uns waren es dann 15. Antonio besaß mittlerweile eine eigene Kneipe am Marktplatz. Er hatte nichts gegen die vielen Menschen auf seinem Haus. Fast alle tranken in seiner Kneipe Kaffee und Bier.

Der Haschverkäufer unter den Dachbewohnern wurde „der Schwiegervater“ genannt. Wer sich nichts kaufen konnte, durfte an seinen ewig neuen Joints ziehen. Er war ca. 40 Jahre alt. Seinen rechten Arm schmückte ein tätowierter Davidstern. Er erzählte uns, das würde bedeuten, daß er heroinabhängig gewesen sei. Mit einigen alten Knastbrüdern, die er in Port Bou getroffen hatte, feierte er pausenlos ihr Wiedersehen. Außer ihnen lebten auf dem Haus Jolli und Conni, zwei Mädchen aus der Schweiz; Maria, eine Griechin, die aus Dortmund kam; Michael aus Süddeutschland, der aussah, wie ein Heiligenbild von Jesus; Alkoholiker, traurige und glückliche Verrückte und schließlich auch die Gräfin und ich.

Am dritten Abend saß die ganze Dachfamilie am Strand an einem Feuer. Zwei Marokkaner, ein großer bulliger und ein kleiner schleimiger, näherten sich uns. Der Schwiegervater erhob sich und brüllte ihnen entgegen: „Verpißt euch! Haut ab! Na los, wird’s bald?“ Sie kuschten und verschwanden in der Dunkelheit. Schwiegervater erklärte, die beiden seien Arschlöcher, die uns ausrauben wollen. Sie hätten schon öfters am Strand schlafende „Freaks“ mit einer Pistole am Hals geweckt und ihnen alles genommen.

Vier Tage später verkaufte mir jemand ohne Zähne, mit diversen Totenkopftatoos auf seinen Armen meinen ersten LSD-Trip: Ein kleines Stück Löschpapier mit einem Pink Panther darauf. Jemand anderes hatte ein „Paper“ mit einem Donald Duck erstanden. Wir teilten die beiden Papierchen mit noch einer Person. So nahm jeder zwei Drittel. Eine lächerliche Dosis, die mir trotzdem das Blech wegfliegen ließ.

Ich begab mich in Antonios Bar, wo gerade „Der weiße Hai“ im Fernsehen lief. Eine viertel Stunde später ging ich schwimmen. „Ich muß nur darum jetzt an den weißen Hai denken, weil ich LSD genommen habe.“ Schweißausbruch. Panik. Raus aus dem Wasser. Nun spielte ich am Strand mit einem Freak, der aussah wie ein Pirat, ein Brettspiel, das ich nicht kannte. Ich verlor. Jetzt legte ich mir Tarotkarten. Als ich aufblickte, erkannte ich, daß das ganze Universum ein Kartenspiel ist. Schaute ich auf den Boden, sah ich Wurzeln von Bäumen. Überall war die Welt ein wenig transparent geworden. Was ich auch sah, es schimmerte bunt und schien zu atmen.

Gegen Abend saß ich im Städtchen mit einigen Dachbewohnern in einem Straßencafé. Der Schwiegervater gab mehrere Batida de Coco aus. Noch war ich trippig. Ich erkannte auf der anderen Straßenseite die beiden Marokkaner. Der Bullige, Hassan, redete mit dem Schleimigen und deutete auf uns. Als ein kleiner Pakistani, der einen riesen Koffer bei sich hatte, aufstand, um zur Toilette zu gehen, gab Hassan dem Schleimigen ein Zeichen, er solle über die Straße huschen. Etwa 15 Menschen saßen im Straßencafé. Der Marokkaner schlängelte sich zwischen ihnen hindurch und griff den riesen Koffer, der direkt vor mir stand. So schnell er konnte, lief er über die Straße zu Hassan zurück. Gemeinsam flüchteten sie mit ihrer Beute Richtung Strand.

Ich hatte alles angeschaut, als würde ich im Kino sitzen. Die Menschen um mich herum sind Schauspieler. Das konnte nicht wirklich passiert sein. Ich hätte unmöglich der einzige sein können, der das beobachtete. Nein. Bestimmt eine dieser LSD-Halluzinationen, vor denen die Ärzte immer warnen. Ich wußte ja, daß ich LSD genommen hatte. Darum wußte ich auch, daß das alles reine Einbildung war. Sonst hätten die anderen im Café das ja auch gesehen.

Als der kleine Pakistani von der Toilette zurückkam, machte er ein Mordsgeschrei. Da die Anderen auf seine Aufregung reagierten und versuchten, ihn zu beruhigen, glaubte ich, es könne sich in diesem Fall um keine Halluzination handeln. „Wo ist mein Koffer, wer hat ihn gesehen?“ schrie er in gebrochenem Englisch. „Ich.“ Meine Stimme hörte sich ganz eigenartig an. Als gehöre sie nicht zu mir. Sie erzählte ganz genau, was ich beobachtet hatte. Der Pakistani schaute mich an, als wäre ich ein Gespenst oder geisteskrank oder beides. Er war so aufgeregt, daß sich seine Stimme überschlug. Er beschimpfte mich, griff mit einer furchtbar feuchten Hand nach meiner und zog an mir. Ich stand auf und folgte ihm. Es war ja sowieso alles ein Traum. Zielstrebig bewegten wir uns zur Polizeiwache. Die liegt ganz dicht beim Strand. Den ganzen Weg dorthin ließ er meine Hand nicht los und schimpfte, wobei es manchmal so klang, als würde er weinen. Einige Leute aus dem Café folgten uns. Vor dem Polizeigebäude erzählte ich zwei Polizisten, was ich gesehen hatte. Schließlich liefen vier mit Pistolen in den Händen den Strand entlang, um die Marokkaner zu finden. Es war inzwischen dunkel geworden. Ich setzte mich draußen vor die nächste Kneipe, schaute in den Himmel, trank Bier, rauchte und fragte mich, wo und wer ich bin.

Nach 10 Minuten hatten die Polizisten den kleinen Marokkaner gefangen. Jemand rief, ich solle zur Wache kommen. Nun stand ich draußen im Eingang des Polizeigebäudes. Drinnen zitterte direkt vor mir der kleine Marokkaner, den ein Polizist fest am Kragen hielt. Man fragte mich auf spanisch: „Ist er das?“, ich antwortete: „Ja.“ Aus den Augen des Diebes strömte ein irrer Haß. Das „Ja“ hallte mehrmals durch die Polizeistation, quer durch meinen Kopf. – Schwupp – wurde der Dieb in ein Zimmer gezogen, in das ich nicht hineinsehen konnte. Ich hörte klatschende Ohrfeigen und ein lautes Wehgeschrei. Der Pakistani fuchtelte vor meinen Augen vollkommen außer sich mit einem Kamm herum. Man hatte ihn in der Hosentasche des Diebes gefunden. Er stammte aus seinem Koffer. Das war alles, was man an Diebesgut sichergestellt hatte. „Where is my passport, oh no, I need my passport.“ Der arme Pakistani! Das passierte alles wirklich! Hassan lief irgendwo da draußen rum und war sauer auf mich.

Jetzt war es an der Zeit paranoid zu werden.

Ich hatte die Gräfin schon zwei Tage nicht gesehen. Das letzte Mal ging sie in Hassans Armen neben mir die Straße entlang. Hassan hatte ihr auf den Arsch gehauen und „bon material“ gesagt, wozu die Gräfin, wie immer, mit einem wahnsinnigen Gesichtsausdruck lachte. Sie hatte sich von dem Typen mit den diversen Totenkopftatoos gleich vier Trips gekauft und alle auf einmal geschluckt.

Hassan war der vierte Mann, der mir auf dieser Reise begegnete, der unbedingt die Gräfin ficken wollte.

Ich glaubte, ich müßte ein Held sein und mich darum kümmern, daß ihr nichts passierte. Es war mir unmöglich, auf sie aufzupassen. Sie war ein paar Jahre älter als ich. Sie war verrückt geworden. Manchmal wollte sie, daß ich ihr helfe, nicht gefickt zu werden. Manchmal wollte sie das nicht. Isabell war bei Hassan. Ich war doch verantwortlich für sie. Hassan hatte eine Pistole und wollte sie ficken. Hassans bester Freund saß wegen mir im Knast. Wirklich allerhöchste Zeit, verrückt zu werden.

In der Nacht saß ich wach auf dem Dach, als die Gräfin lebendig von ihrer Reise nach ich-weiß-nicht-wo zurückkehrte. Sie stieg in einen Schlafsack, der ihr nicht gehörte. Der Schlafsackbesitzer zerrte sie wieder heraus. Jetzt kämpften sie. Da stürzte die Gräfin so unglücklich auf den Boden, daß sie sich das Nasenbein brach. Sie schrie entsetzlich. Bald sah sie aus wie Frankenstein. Schrecklich. Niemand konnte mehr mit ihr kommunizieren. Sie lebte und überlebte die nächsten Wochen zwischen uns in ihrer eigenen Welt.

Ich verlor die letzten hundert Mark, die ich noch hatte. Oder sie wurden mir geklaut. Ununterbrochen fühlte ich mich trippig. Wenn die Ziegen hinterm Haus meckerten, glaubte ich, sie hätten meine Gedanken gelesen und würden darüber lachen. Wenn ein großer Dampfer auf dem Mittelmeer tutete, glaubte ich, auch das wäre ein Kommentar zu meinen Gedanken. Im Sinne von „Vorsicht!“, „Jawohl!“ oder „Genau!“.

Aber am schlimmsten waren die Stimmen im Kopf. Die waren nervenzerreißend: Tagelang redeten mein älterer Bruder, meine Oma und meine Mutter auf mich ein. Der Trip hatte eine Mauer niedergerissen. Die Mauer zwischen meinem Bewußtsein und meinem Unterbewußtsein. Er war nicht der eigentliche Erzeuger, nicht die Wurzel dieser Stimmen. Er hatte nur das zerstört, was mich daran hinderte, sie klar und deutlich zu hören. Seit meiner frühesten Kindheit wohnten Oma, Mutter und Bruder in mir. Mein ganzes Leben lang hatten sie mich beeinflußt und gelenkt. Doch hatte ich geglaubt, spätestens, seit ich von zu Hause ausgezogen war, ein „freier“ Mensch zu sein. Jetzt konnte ich sie hören. Jetzt fühlte ich, wieviel Macht sie über mich hatten. Nicht zum Aushalten! Alles, wirklich alles was ich tat oder dachte, mußten sie kommentierten:

„Das sind aber primitive Leute, mit denen du dich hier abgibst. Die Isabell ist aber ein schrecklich dummes, ordinäres Mädchen. Guck dir diese Leute an. Die sind ja alle faul. Alle behindert. Schmarotzer!“

Das war grauenhaft. Ich konnte es nicht abstellen.

Alfred Hitchkock. Psycho! Norman Bates.

Seit ich mein letztes Geld verloren hatte, mußte ich schnorren. Viele Leute waren in Port Bou nur auf der Durchreise. Es war nicht schwierig, jeden Tag von anderen Menschen ein paar Peseten geschenkt zu bekommen. Manchmal schmissen Conni, Maria, Michael und ich unser Erschnorrtes zusammen. Dann kauften wir Wein und Reis, ein paar Tomaten und Brot, machten ein Feuer und aßen gemeinsam. Das war schön.

Immer noch hatte ich große Angst, Hassan wieder zu begegnen. Ein dickes Mädchen verkaufte mir ein Messer, das sie bei sich trug, um sich zu schützen. Sie sagte, sie würde es doch nicht brauchen.

Ich glaubte, ich müsse Hassan erstechen.

Der Schwiegervater, der das mitbekam, nahm mich zur Brust und sprach: „Der ist nur aufgeblasen. Wenn du ihm zeigst, daß Du keine Angst vor ihm hast, fürchtet er sich vor dir.“ Gut, daß ich versuchte, dem Schwiegervater zu glauben. In einem Gemüseladen stand Hassan plötzlich hinter mir. Er schaute mich durch seine dunkle Sonnenbrille an und verzog keine Miene.

Beinahe wäre mein Herz stehen geblieben.

Gesegnet sei der heilige Schwiegervater! Ich schaffte es, Hassan ins Gesicht zu lachen. So heiter, wie ich konnte, fragte ich: „Hassan! Everything’s allright? You feel good?“, und klopfte ihm auf die Schulter. Er wußte nicht, was er mit seinen Mundwinkeln anstellen sollte, zog sie mehrmals auseinander und wieder zusammen, bis er schließlich „Yes, everything’s allright“ hervorstieß. Als ich mit meinen Tomaten den Laden verließ, fühlte ich mich wie ein todesmutiger Held.

Michael und ich beschlossen, in den nächsten Tagen zu Fuß nach Cadaqués zu wandern. Ein Städtchen an der Küste, etwa 45 Kilometer südlich von Port Bou.

Michael konnte toll auf seiner Gitarre Flamenco spielen. Wenn ich ihn auf meinen Bongos begleitete, war ich glücklich.

Kurz bevor wir losziehen wollten, hantierte ich zugekifft mit einem scharfen Messer und einem harten Stück Brot. Bis auf den Knochen schnitt ich mir in meinen linken Mittelfinger. Aah! Ein ekelhaftes Gefühl. Schwiegervaters Knastbrüder rieten mir, sofort auf die Wunde zu pissen, was ich tat. Jetzt war Schluß mit Bongospielen. Au.

Als wir gegen Abend nach Cadaqués aufbrachen, sah ich Isabell in einem Strandcafé sitzen. Sie hatte Geburtstag. Ihr Gesicht war zu diesem irren Lachen eingefroren. Sie tat mir so leid.

Endlich wanderten wir durch die Dunkelheit. Wir sangen: „Dingdigidingangundoindindigedingintschigedoin“ und kicherten viel. Als wir müde wurden, legten wir uns ein paar Meter von der Straße entfernt ins Gras. Am nächsten Tag führte unser Weg durch ein Fischerdorf. Michael spielte Gitarre. Einige Spanier, die vor einer Kneipe saßen, klatschen im Flamencotakt und tanzten sogar dazu. Wie in der unglaubwürdigsten Touristenreklame. Wir bekamen Wein und Brot. Man gab mir auch einen Schnaps und ein Pflaster für meine eiternde Wunde.

Kurz vor Cadaques sahen wir im angrenzenden Dörfchen Portlligat das Haus, in dem Salvador Dali wohnte. Ein riesiges Ei und ein Kamel aus Gips standen auf dem Dach.

Wir übernachteten auf einer von „Freaks“ besetzten kleinen Insel, ganz dicht an der Küste. Dorthin konnte man zu Fuß durchs Wasser gehen, was einem dann gerade bis zum Hals stand. Die Schuhe mußte man anbehalten, wegen der Seeigel. Wir schwammen nicht, sondern gingen, da wir so unsere Sachen über unseren Köpfen tragen konnten. Man hatte uns in Port Bou von dieser Insel erzählt. Als wir in Cadaqués nach dem Weg fragten, sagte uns einer der unzähligen Verrückten: „Die Straße da hinauf und dann rechts runter. Ihr könnt in einer Viertelstunde da sein, aber ihr werdet euch verlaufen.“ Wir verliefen uns wie Blöde. Kamen erst nach über einer Stunde an. Auf der Insel gibt es eine zugemüllte, vollgeschissene, alte Villa. 30 Drogenjünger vegetierten dort vor sich hin.

Im Ort lief uns der Schwiegervater über den Weg. Er war mit einer Mofa gekommen, um Haschisch einzukaufen. Machte einen ziemlich verwirrten und verbitterten Eindruck. Hatte viel Speed und LSD genommen. Keine Lust, uns von seinen Joints mitrauchen zu lassen.

Nachmittags saßen wir auf der Straße. Michael machte Musik. Da kamen zwei Polizisten, traten unsere Sachen mit den Füßen und riefen Schimpfwörter. Wir wanderten zurück nach Port Bou. Auf Antonios Haus war alles beim alten.

Seit ich mir Tarotkarten legte, interessierte ich mich für Religionen. Ich wollte herausfinden, wofür die unterschiedlichen Gebote gut sein sollten. So hatte ich ein paar Wochen lang in Stade drei Freundinnen, trank aber keinen Alkohol. Ich wußte, daß im Islam mehrere Frauen erlaubt aber Saufen verboten ist. Vom Hinduismus und Buddhismus wußte ich, daß man, wenn man erleuchtet werden will, nicht ficken und nicht onanieren darf. Eine grauenvolle Vorstellung. Ich mußte herausfinden, wofür das gut sein sollte. So hatte ich beschlossen, als ich mit Isabell auf die Reise ging, nicht zu ficken und nicht zu wichsen, bis ich zurück bei Judith sein würde. Betrachtet man das Phänomen der Projektion, wird deutlich, warum mir auf dieser Reise vier verschiedene Männer begegneten, die unbedingt die Gräfin ficken wollten.

Nach über einem Monat sexueller Enthaltsamkeit war ich allein deswegen schon nicht mehr ganz bei Sinnen. Ich ging den Strand entlang und beschloß: „Das muß jetzt ein Ende haben! Ich will ficken!“ Ich schwöre, daß eine Sekunde nachdem ich diesen Entschluß faßte, mir etwas in die Eier zwickte. Dann zwickte es wieder. Und noch einmal. Ich suchte mir ein stilles Plätzchen und schaute nach. Sackratten! Matrosen am Mast! Erstmal ein Bier trinken! Puh. Als ich nun mit Luftblasen im Kopf in einer Kneipe saß, sprachen mich zwei junge Frauen an. Ob ich Lust hätte, von ihnen massiert zu werden. Ja, gerne. Es waren das dicke Mädchen, das mir ihr Messer verkauft hatte, und ihre ziemlich punkige Freundin, die ganz gut aussah. Es wurde dunkel. Wir gingen zusammen die Strandpromenade entlang, bis dahin, wo der Strand von der felsigen steilen Küste unterbrochen wird und die Klippen direkt ins Meer ragen. Hier führt ein Weg hinauf zum Friedhof von Port Bou. Ich legte mich auf den Bauch auf eine Bank. Die beiden Mädchen fingen an, an mir herumzufummeln. Meeresrauschen. Die Punkige drückte einen Finger auf mein Arschloch und lechzte: „Oh ich bin ja so geil, mir läuft schon die Soße aus der Fotze.“ „Oh ich auch“, stöhnte die Dicke. Ich fühlte ihre Titten auf meinem Rücken. „Ich habe Sackratten.“ Abrupt war die Massage vorbei. Wie schade. Die Punkige behauptete am nächsten Tag, sie hätte eine Filzlaus in ihren Augenbrauen gefunden. So nahe waren wir uns gar nicht gekommen. Ich schnorrte mir Geld, ging in die Apotheke und erklärte dem angeekelten Spanier auf deutsch und mit Körpersprache, was ich brauchte. Da ich fürchtete, das Parasitengift könnte nicht alle Filzläuse umbringen, lieh ich mir Rasierzeug und entfernte meine Schamhaare. Das war peinlich, denn es gab eine kleine Bucht, in der alle Dachbewohner nackt badeten. In dieser Bucht baggerte mich ein Holländer an. Er hieß Lood, war etwa zwei Jahre älter als ich und sagte, er sei in mich verliebt. Ich hatte keinerlei Erfahrung mit Männern. „Ich möchte nur rauchen und reden und Tequila trinken, O.K.?“ Er gab mir seine Adresse, falls ich mal nach Holland kommen sollte.

Immer noch enthaltsam. So wird man wahnsinnig. Mittlerweile waren fast sechs Wochen vergangen. Da lief mir die notgeile Punkfrau wieder über den Weg. „Hast du die Viecher noch?“ „Nein.“ „Gut, dann können wir ja heute Abend was geiles machen. Aber wasch dir den Schwanz, da steh ich drauf.“ Endlich! Wunderbar! Wir verabredeten uns am Abend im Strandcafé. Als es soweit war, liefen wir im Mondschein, geil wie die Schweine, Richtung Friedhof. Als wir den steinigen Weg nach oben stiegen, fingen unzählige Mücken an, mein Mädchen zu stechen. Immer ins Gesicht. Um ihre Augen herum. Sie jammerte und wehrte sich vergeblich.

Der Friedhof ist ein zwei Meter hohes, viereckiges Haus aus Lehm. Drinnen sind die Urnen der Verstorbenen. Es steht direkt an einer Klippe, die steil in die nächste Bucht hinabfällt. Wir halfen uns gegenseitig auf das Dach. Es gab einen phantastischen Blick übers Meer. Die Sterne! Der Mond! Die Punkfrau konnte kaum noch aus den Augen schauen. Sie waren zugeschwollen von großen, roten Beulen. „Hast du ein Tuch, das ich mir vor die Augen binden kann, damit ich nicht noch mehr gestochen werde?“, fragte sie gequält. Ich gab ihr den langen, schwarzen Schal, den Judith mir bei der Abreise geschenkt hatte. Sie hatte keine Lust mehr, an Sex zu denken. Das Objekt meiner Begierde legte sich auf den Rücken, seufzte und schlief ein. Als ich sie da so liegen sah, mußte ich an den kleinen Engel mit Pfeil und Bogen denken, der auf der Tarotkarte „Die Liebenden“ abgebildet ist. Auch ihm sind die Augen verbunden. Der Mond am Himmel schaute mich fragend an. Ich hatte keine Lust, mir einen runter zu holen.

In den nächsten Tagen konnte ich Isabell nicht dazu überreden, mit mir zurück nach Deutschland zu kommen. Sie war immer noch voll auf LSD, hielt sich für eine mächtige Zauberin und nahm die Welt ganz anders wahr, als wir Sterblichen um sie herum.

Zwei Frauen hatte ich gefunden, die nach Süddeutschland fuhren und bereit waren, mich mitzunehmen. Auch für die Gräfin wäre ein Platz im Auto gewesen. Aber sie wollte nicht. Nein. Nein. Nein. So verabschiedete ich mich von Michael, Maria und den anderen, fühlte mich schuldig und verantwortlich für die Gräfin und fuhr schweren Herzens Richtung Heimat.

In Avignon, wo gerade ein Theaterfestival stattfand, machten wir Zwischenhalt und sahen viele bunte Menschen.

Ich weiß nicht mehr, wo genau sich die beiden Frauen von mir trennten. Auf jedenfall stand ich schließlich allein in Süddeutschland auf einer Autobahnraststätte. Ich hielt es nicht mehr aus und holte mir auf Klo einen runter. Meine Güte, sah ich verdreckt aus! Wer sollte mich so mitnehmen? Einen spießig aussehenden Typen mit Halbglatze und Schlips, der in einem ockerfarbenen Mercedes saß und das Fenster heruntergekurbelt hatte, fragte ich hoffnungslos: „Fahren Sie Richtung Norddeutschland? Würden Sie mich bitte mitnehmen?“ „Ja, klar, steig ein.“ Er war Leiter einer Volkshochschule und hatte etwas Koks und Haschisch dabei. Ich berichtete ihm von meiner Reise zur dunklen Seite des Mondes. Er erzählte mir von einem Dichter namens Benjamin, dessen Urne im Friedhofshäuschen auf den Klippen steht. Benjamin mußte sich in Port Bou vor den Nazis verstecken und war dort einsam und traurig gestorben.

Endlich kam ich in der Trinkstraße 7 an.

Niemandem konnte ich plausibel erklären, warum ich es nicht geschafft hatte, Isabell mit zurück nach Hause zu bringen.

Als Judith kam und mich küßte, sah ich für einen Moment das Paradies.

Vielleicht hatte die „Time & Space Society“ in Port Bou den Sender für meine Fernsteuerung in mein Kleinhirn oder meine Gedärme gepflanzt. Die Einwilligung für diesen Eingriff hatte ich durch meine Unterschrift beim Eintritt in die T.S.S. gegeben. Oder, ich war ein typisches LSD-Opfer. Wer aber Beziehungswahn einfach nur zu vielen Drogen in die Schuhe schiebt, macht es sich zu einfach: Die anständigsten fleißigsten Ottonormalverbraucher werden bei Zeiten beziehungswahnsinnig!

Nach meiner Reise mit der Gräfin hatte ich eine winzige Ahnung vom Zusammenhang zwischen meinem inneren Erleben und der „Wirklichkeit“.

Mußte ich nun begreifen, daß mein Unterbewußtsein die Synchronizitäten erzeugte? Oder war nicht ich, sondern die T.S.S. für alles verantwortlich?.

Langsam begann ich, meine Umwelt so zu betrachten, als wäre ich ihr Mittelpunkt.

Die stärkste Kraft, mit der wir unsere Umwelt beeinflussen oder gar lenken, heißt Sexualität. Das hatte ich verstanden. Da waren die Männer, die so wahnsinnig geil auf die Gräfin waren, meine Keuschheit, die Filzläuse und das mystische Erlebnis auf dem Friedhofsdach.

Aber was sollte ich daraus lernen? Treu sein? Nicht treu sein? Nie meine Sexualität unterdrücken?

Und immer wieder die gleiche Frage:

Wer zum Teufel hatte diese Lektion organisiert?

Die T.S.S.?“ Mein innerer Dinosaurier?

Beide zusammen?

War alles reiner Zufall und ich verrückt geworden, weil ich eine Botschaft darin suchte?

Ich sollte mich in eine weitere Kette von Ereignissen verstricken, in deren Verlauf mir das Wechselspiel von Geilheit und Wirklichkeit vor Augen geführt wurde. So deutlich, daß mein Hirn einen Riß bekam. So tief, daß ich nicht mehr in der Lage war, die Möglichkeit eines Zufalls in Betracht zu ziehen:

Ein Kommentar zu „Willkommen in meinem Kopf, Reise zur dunklen Seite des Mondes (v. Claas Hoffmann)

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