Willkommen in meinem Kopf, Eintrittskarten in die Welt der Illusionen (v. Claas Hoffmann)

Eintrittskarten in die Welt der Illusionen

Das erste mal sah ich die Tarotkarten von Aleister Crowley auf einer Geburtstagsparty bei meiner Freundin Swantje in Finkenwerder. Sie wurde 19 Jahre alt, ich selbst war damals 17. Jemand schenkte ihr das Kartenspiel und das „Buch Thoth“, in dem Crowley die Bedeutung der Karten erklärt. Ein Partygast erzählte ihr, daß sie Glück hätte, es geschenkt bekommen zu haben, weil man sich so ein Kartenspiel nicht selber kaufen dürfe. Jemand anderes behauptete, daß in den folgenden zwei Wochen niemand außer Swantje das Spiel berühren dürfe. Als sie mir die bunten Bilder zeigte, war ich vollkommen entzückt.

Wir feierten schön Geburtstag, mit viel Gelächter und Rausch. Wer nicht mehr nach Hause kommen konnte, übernachtete dort.

Am nächsten Morgen unterhielt ich mich beim Frühstück mit Swantje und jemandem, der als Gärtner auf einem Friedhof in Hamburg arbeitete. Wir kamen auf das Tarotspiel zu sprechen, woraufhin der Gärtner an Geister denken mußte und uns folgende Geschichte erzählte:

Während seiner Zeit bei der Bundeswehr sprach ihn ein Vorgesetzter mit den Worten: „Du bist eine Herausforderung“ an und überredete ihn, an einer Geisterbeschwörung teilzunehmen. Bei dieser Beschwörung saß er mit mehreren Leuten um einen Tisch. Er war derjenige, in den der Geist fahren und durch den der Geist sprechen sollte. Als der Friedhofsgärtner dann merkte, daß tatsächlich etwas in ihn eindrang, war er dermaßen entsetzt, das er sich schüttelte und wehrte und vom Stuhl fiel. Der Geist war darüber ärgerlich und verschwand. Auch der Vorgesetzte war sehr wütend.

Obwohl der Friedhofsgärtner so kläglich versagt hatte, bot ihm sein Vorgesetzter einige Zeit später an, zwei Tage in dessen schönem Haus zu verbringen, um Urlaub zu machen. Er selbst wollte Verwandte besuchen. Der Friedhofsgärtner bedankte sich und übernachtete in diesem Haus mit einer Freundin. In jener Nacht hatte er immer wieder das Gefühl, daß ihn ein Mann auf einem Bild, das an der Wand hing, beobachte. Er glaubte fast, er hätte gesehen, wie sich die Augen bewegten. Zurück in der Kaserne erzählte ihm der Hausbesitzer, der in der besagten Nacht über hundert Kilometer weit weg gewesen ist, haargenau, was der Friedhofsgärtner mit seiner Freundin getrieben hatte. Darüber war der gute Mann so entsetzt, daß er sich schwor, nie wieder irgend etwas zu tun, was im entferntesten mit Geistern oder Leuten, die sich mit Geistern beschäftigen zu tun hat.

Manchmal, wenn er auf dem Friedhof ist, fühlt er, daß wieder etwas Unsichtbares in ihn eindringen will. Er bekommt dann eine Gänsehaut, muß tief ein- und ausatmen und sich gut zureden.

Warum erzählte er uns diese Geschichte, wo wir doch nur über Tarotkarten sprachen?

Vielleicht, weil es viele Menschen so empfinden, als sei etwas Unsichtbares zugegen, wenn sie die Karten befragen. Dieses Unsichtbare sorgt dafür, welche Karten gezogen werden.

Damals beeindruckte mich an der Geschichte des Friedhofsgärtners nicht sonderlich, daß Geister etwas gruseliges sein sollten, wovor man sich hüten müsse. Ich konnte nicht nachvollziehen, was er so beängstigend fand. Ich wollte gerne selbst ein Abenteuer mit Geistern erleben. Wenn mich damals jemand davon überzeugt hätte, daß diese Geistwesen und unsichtbaren Kräfte tatsächlich existieren: Ich hätte das einfach nur toll und aufregend gefunden aber gewiß nicht zum fürchten. Ich glaubte, das hatte nun wirklich nichts mit Tarotkarten zu tun.

Ich trampte zurück nach Stade, wo ich in einer WG mit drei Frauen & einem Mann in der Trinkstraße 7 wohnte. Mein Bett stand in einem winzigen Zimmer für 100 DM Miete im Monat, was meine Eltern schweren Herzens bezahlten. (Sie wünschten sich, wie alle guten Eltern, daß ich als junger Mensch noch bei ihnen wohnen würde.) Durch glückliche Zufälle war ich, obwohl noch keine 18 Jahre alt, von der Schulpflicht befreit. Mein Klassenlehrer und der Direktor behaupteten, ich sei der Haschverkäufer auf dem Schulhof. Das war reine Verleumdung.

Mit dieser Freiheit, nicht zur Schule gehen zu müssen, war ich überaus glücklich. Ich haßte die Schule, wie ich wohl nie etwas gehaßt habe.

Gleich am Tag nach Swantjes Geburtstag kaufte ich mir in einem Bio- und Esoterikladen das Tarotspiel zusammen mit dem „Buch Thoth“. Daß meine Freunde die Karten in den ersten zwei Wochen nicht anfassen sollten, nahm ich nicht so eng. Somit waren die ersten zwei Tarotgebote, von denen ich gehört hatte, gebrochen: Das Gebot „Andere dürfen sie nicht anfassen“ und „Man darf sie sich nicht kaufen“.

In die Trinkstraße kamen viele Besucher, ausnahmslos Haschraucher. Die meisten waren arbeitslos. Eine Frau, die oft bei uns war, hieß Isabell, genannt „die Gräfin“. Sie war blond und redete unheimlich viel. Z.B. daß sie als Kind ein rosa Kaninchen hatte. Die Leute meinten, sie sei von einem LSD-Trip nicht runtergekommen.

Alle qualmten wie die Schlote. Es wurde nicht Hasch geraucht, um danach stumpf Fernsehen zu gucken. Wir „erweiterten unser Bewußtsein“ und philosophierten bis zum umfallen. Ich glaubte, in den Rauschzuständen auf große, innere Reisen zu gehen und gewaltige mystische Einsichten zu erlangen. Mit der Menge der Drogen, die ich konsumierte, sollte proportional meine Weisheit wachsen.

Richtig für die Tarotkarten interessieren konnte sich keiner meiner Mitbewohner. Ich begab mich allein auf die Entdeckungsreise.

Auf dem Sperrmüll hatte ich einen großen Karton mit alten Stoff- und Lederresten gefunden. Hieraus bastelte ich, indem ich Streifen und Kreise aus Rind- und Schlangenleder auf ein weißes Stück Leder klebte, einen Lebensbaum. Eine Art Landkarte des Universums, dessen Bild ich im Buch Thoth gefunden hatte. Der Lebensbaum besteht aus den Zahlen von 1 bis 10, die durch 22 Pfade verbunden sind. Diese Pfade sind den 22 Trümpfen des Tarotspiels zugeordnet.

Ich war in ein größeres Zimmer umgezogen und machte darin eine Ecke nur für die Tarotkarten zurecht. Der vorherige Bewohner, Baghwan-Jünger Alok, hatte einen großen Stein, einen Findling, zurückgelassen. Vor den Stein legte ich ein Stück roten Samt, die Karten darauf und den Lederlebensbaum daneben.

Als wenn ich ahnte, daß mit den Karten ein neues Kapitel meines Lebens beginnen würde, schrieb ich, ein paar Tage bevor ich in dieses Zimmer zog, in Spiegelschrift: „Ab jetzt beginnt die Kunst“ an die Wand meiner kleinen Kammer.

Bald entdeckte ich, daß ich zwei Pfade auf dem Lederlebensbaum vergessen hatte: Den Pfad zwischen 7 und 9, „Der Kaiser“, und den zwischen 8 und 9, „Die Sonne“. Da hörte ich einen unglaublich dunklen, vibrierenden Ton. Für ein paar Sekunden bewegte sich der Lebensbaum, als würde er atmen.

Ich bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut.

Von Anfang an glaubte ich, daß ich durch das Tarotspiel weise und mächtig werden würde. Ich glaubte, daß ich fast nichts dafür zu tun brauchte. Daß ich ein Auserwählter der Götter sei, der Kraft und große Macht geschenkt bekommt und sich dafür nur ein Kartenspiel zu kaufen braucht.

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