Thelema, was es ausmacht und was „nicht“…

00Thelema und die anderen Religionen, Glaubensrichtungen und Spirits, wo genau ist eigentlich der Unterschied zwischen all den Richtungen und Thelema? Thelema hat auch Erleuchtung oder Kundalini, hat auch spirituelle Erfahrungen, erfüllt ebenso alle Komponente die andere Religionen aufweisen. Buddhismus sagt eigentlich das selbe, Gott ist in dir und die Gnosis ebenso.

Das Bewusstsein des Menschen sehe ich stufenförmig an, jede Stufe ist ein Glaube, eine Ideologie, eine Wahrheit bis es zur nächsten Stufe geht. Welche Stufe ist dann Thelema, also was vertritt Thelema, was alle anderen Religionen nicht vertreten? So heißt es im LLL

„Alle Worte sind heilig und alle Propheten wahr, außer das sie nur ein wenig verstehen (Nuit, 56)“.

Bedeutet, Thelema ist die Summe aller Glauben, aller (weltlichen und religiösen) Ideologien und jeder der ein neues System hervorruft (Marx und der Marxismus zB) sind Propheten, die aber nur einen Teil des Universum streifen?

Irgendwo las ich, dass es nach der „Erleuchtung“ weiter geht und man nicht im ewigen Frieden sei, das wäre der Tod (wie es der Buddhismus auch, so glaube ich, vermittelt. Das Nirvana ist erreicht, Ziel erreicht, Tod). Vielmehr geht es weiter und weiter und man ist ständig am erobern (erobere, das genügt) um dann, so wie Crowleys magischer Name es aussagt: Vi veri universum vivus vici „Durch die Macht der Wahrheit habe ich als Lebender das Universum erobert“. Und nur dann ist Freiheit auch gegeben, vorher nicht. Und so gesehen, sind wir alle sowas von Sklaven, selbst die welche Erleuchtung erlangt haben und darin verweilen sind Sklaven. Sie gehen keine neue Schritte, keine Wege die vorher keiner beschritten hat, sammeln kaum noch Erfahrungen, sondern geben (nur) das wieder was sie gelernt haben. Wenn Shri Mataji eine Erleuchtung hatte, aber danach Osho immer noch nicht leiden konnte, bedeutet es dann nicht, dass Erleuchtung nichts mit Liebe zu tun hat? Liebe ist eine Verbindung einzugehen, womit ich ein Problem habe (erobere, das genügt!). Wäre Erleuchtung Liebe, dann würde jeder der erleuchtet ist, auch den Weg der Agape gehen und sich mit dem Universum vereinigen, welches seins ist. Erleuchtung wäre dann nur ein Zwischenschritt, eine freigewordene mächtige Energie die einen „sehen“ lässt. Eine Verführung die einen „stehen“ lässt und ihn nicht animiert weiter zu gehen, sondern zu „bleiben“.

In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit Politik, Religionen, Wissenschaft und Philosophie beschäftigt. Bei allen, ich nenne sie mal Systeme, Systemen fiel mir auf, dass es immer um eine Theorie geht: „wie es am besten zu leben sei“ und diese Theorie wurde immer in den Kontext „Menschheit“ gestellt. Und sei es auch nur, dass es ein Paar ist das in einer Beziehung ist, privat oder geschäftlich oder sonstwas. Ebenso gibt es Regeln damit x passiert oder x zumindest erhalten werden kann. Wir haben also Systeme die Regeln haben, damit es (allen) Menschen „gut“ geht.

Auch Thelema hat diese 3 Punkte: einmal Thelema, eine Regel: Tue was du willst und einen Zweck: Freiheit, Licht, Liebe, Wahrheit. Aber das war es schon. Das ist die „ganze“ Wahrheit, die aber auch nur gültig ist bis man seinen Wahren Willen verwirklicht hat, denn, ist man dann Herr in seinem Universum, muss ich nicht mehr dieser „Aufforderung“ folgen zu tun was ich will, da ich es ja tue.

Tu was du willst ist ein Gesetz damit jeder sich verwirklichen kann, doch wie er das macht ist seine Sache. Wenn ich den Anarchismus nehme, der augenscheinlich das beste System zu sein scheint, weil er die Freiheit des Menschen an obersten Stelle setzt, dann hat der Anarchismus aber trotzdem Regeln, damit dieses oberste Ziel nicht „gestört“ wird. Genau das hat Thelema meiner Ansicht nach nicht. Desweiteren negiert der Anarchismus andere Systeme, damit proklamiert der Anarchismus eine Wahrheit die für alle gelten und er nimmt die Möglichkeiten weg sich auch auf andere Wege zu entwickeln. Er macht dadurch den Menschen gleich, wie der Sozialismus, der Gegenpart zum Anarchismus. Der Buddhismus besteht darauf das man x und y machen muss, damit man erleuchtet wird, der Sozialismus ist voller Gesetze, damit alle Menschen gleich behandelt werden, der Fußballverein muss sich an die Regeln der FIFA halten und das Kind wird sich an seine Eltern oder Gesellschaft orientieren, weil es sonst nicht überleben wird (biologisch betrachtet). All das sind Dogmen und das hat Thelema nicht. Thelema sagt nur Tu was du willst!

Das Liber OZ zB sagt am Ende, dass du das Recht hast andere zu töten. Es sagt aber nicht, du musst andere töten, wenn sie deinen Willen behindern. Liber-Oz-Deutsch2Das Liber OZ übrigens, ist für mich auch keine thelemische Menschenrechtserklärung, es ist eine Menschenwillenserklärung. Es geht nicht um die „Würde“, es geht um den Willen, denn der Wille eines Menschen definiert Würde möglicherweise völlig anders, als ein anderer Mensch. Und die Würde definiert nicht den Willen.

Thelema hat also nur

  • ein Gesetz: Tue was du willst, sei das Ganze von dem Gesetz. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.
  • ein Recht: du hast kein Recht, als deinen Willen zu tun.
  • eine Regel: Tue dies und keiner soll nein sagen.

Alles andere sind Empfehlungen, die wir im LLL lesen. Selbst der Vers, wo es heißt: der Tod oh Mensch ist dir verboten, ist kein Gesetz, denn es heißt auch Der Tod ist die Krone von allem. Natürlich geht es hier um einen Prozess der (vermutlich) passieren wird, wenn man einen bestimmten Punkt erreicht hat, aber wie man diese Punkte erreicht, bleibt einem selbst überlassen und wie man es dann erlebt ebenso. Ich denke dies ist der wesentliche Unterschied zwischen allen anderen Systemen, dass Thelema zu jedem Einzelnen sagt, du hast kein Recht als deinen Willen zu tun, tue dies und keiner soll nein sagen. Während alle andere Systeme grundsätzlich auf Gesetze und Regeln (Dogmen) aufbauen, damit x auch wirklich erreicht wird oder erhalten wird, man kann es vielleicht so ausdrücken: du hast kein Recht als meine Gesetze und Regeln zu befolgen, tue dies und keiner darf nein sagen. Dazu kommt noch, dass Thelema niemals sich dafür entscheiden kann welches System schlecht oder gut ist. Wie es das Beispiel weiter oben mit dem Anarchismus und dem Sozialismus zeigt. Beide sind vollkommen unterschiedlich, aber durch ihre Ideologie machen sie wieder alle Menschen gleich, in dem sie alle andere System negieren bzw. vernichten wollen und dies ist immer das Ziel einer jeglichen Ideologie.

Ein anderes Argument, warum ich denke das Tu was du willst das Alleinstellungsmerkmal von Thelema ist, ist die Durchführbarkeit von Gesetzen und Regeln der verschiedenen Systemen, damit diese ihre Ziele erreichen. Es gibt kein 100% (außer Thelema versteht sich) System, welches durch Gesetze (auch die Naturgesetze sind mit eingeschlossen) etwas „sichern“ kann oder mit Gewissheit sagen kann, das ist so und nicht anders. paradox-2958722_960_720Die Wissenschaft kann es genau sowenig, wie irgendein politisches System. Es gibt immer! Gegenbeweise, ein, das kann man auch anders sehen oder das wurde widerlegt. Immer wenn ich mir was anschaue oder durchlese, dann lese ich eine Perspektive eines System, aber es ist eines von vielen Systemen oder Perspektiven. Und der Mensch, der „Erfinder“ einer Idee, unterstellt andere, dass er wisse wie man richtig zu leben hat oder dieser den anderen unterstellt, zu wissen welches Ziel Mensch hat etc.. Mit welchem Recht kann man sowas behaupten? Mit keinem Recht, denn du hast kein Recht (du kannst nicht wissen, was für andere gut oder schlecht ist) als deinen Willen zu tun.

Ich denke, dass der Vers, Nuit 56: (…) Alle Worte sind heilig und alle Propheten wahr; außer das sie nur ein wenig verstehen (…) , genau das ausdrückt. Thelema ist nicht die Summe aller Systeme, Thelema ist die Vielfalt und die Summe aller Systeme und verweist uns auf eine Spielwiese auf welcher wir, durch die verschiedenen Systemen, uns erkennen können, um unseren Willen zu tun. Die Systeme sind im unendlich großen Raum, Nuit, und Hadit ist mein System, das viele andere Systeme kennt und integrierte, es tut und noch wird.

Das Tu was du willst kann man auch nicht widerlegen. Ich sage zu jemanden, tu was du willst und er sagt nein, damit hat er aber seinen Willen ausgedrückt, seinen Willen nicht zu wollen, aber genau dadurch hat er tu was du willst bestätigt, da er sich widersprochen hat: Wie, du willst nicht deinen Willen tun?

Es gibt kein Gesetz, außer tu was du willst drückt für mich aus, mach dir deine eigene Gesetze, aber sie gelten nicht für andere, das ist dein Recht und dein Wille dies zu tun. Das was Crowley über Thelema geschrieben hat, ist für ihn gültig und muss eben nicht auch für mich gültig sein. Es gibt niemanden über mir der mir sagt was ich tun will, das kann nur ich tun. Und egal was Crowley für Regeln aufgestellt hat, wie viele Bücher er über Thelema verfasst hat oder wie die Ordensstruktur ist, es sind nur Perspektiven von vielen. Sicher sehr inspirierend, aber nicht die Wahrheit für alle.

Irgendwo las ich, dass Crowley meinte, man solle seine Aussagen hinterfragen und überprüfen, ihm also nicht glauben was er behauptet hat. Leider finde ich die Stelle nicht mehr wo ich das las. Denn diese Aussage ist typisch Thelema, es ist meine Welt und nicht unsere oder deine Welt.

„Ich bin das Eine, denn alles, was ich bin, ist nicht das absolute All und mein ganzes All ist meins und nicht das eines anderen, meins, der ich andere in Essenz und Wahrheit als mir gleich, dennoch in Ausdruck und Illusion als mir ungleich wahrnehme.“ (Liber V vel Reguli, Auszug aus dem Lobgesang)

 


Die Stechfliege initiierte diesen Blog.

Autorenseite: Die Stechfliege

 

3 Kommentare zu „Thelema, was es ausmacht und was „nicht“…

  1. Aleister Crowley kannte bekanntlich, unter anderem, die Kabbalah, die Pfade und energetischen Korrespondenzen quasi aus dem FF.

    Das „Gesetz“ ist nicht „willkürlich“ jenes eines Meta-Systems. Es illustriert, in poetischer Form und Weise, ein kosmisches Prinzip, das in der ägyptischen Mythologie als: M.A.A.T. und astrologisch als Libra „bekannt“ ist. (Ich erkenne darin übrigens ein Äquivalent zum D.A.O.)

    Einer der Schlüssel zum Verständnis des L. Al ist; LA. in der bedt. von „Nichts“, keine Anhaftung. Ein anderer, der Pfad 23, Atu 12 „Der Gehängte“, jener bezeichnet die Überquerung des Abyssus und wird Prüfung als X genannt. Dies bedt. die vollkommene Zerstörung und Auflösung jener konditionierten, anhaftenden Persönlichkeit, Ego genannt.

    Die implizite Nachricht des Al, ist eine aus der „anderen Welt“ und kommt von weit weit her, hier sprechen Wesenheiten zu uns, die nicht von dieser

    materiell, der relativen Vergänglichkeit anheim gegebenen Welt sind: Einweihung, Verbundensein (Agape), tiefes, spirituelles Bewusstsein, Unabhängigkeit –

    Freiheit. Ai was(s) ich war (bin) had it, hatte es, und werde sein.

    Es ist schon seltsam, bei mir lief das quasi Rückwirkend. Ich las es, 1980 rum, die Symbolik und dachte mannomann, gab es denn damals schon LSD? Das

    Ägyptische Totenbuch, und all die Namen, kannte ich bereits schon einige Jahre zuvor. Also Rückwirkend soll heißen, so nach und nach enteckte ich im L. Al, in

    eben jener Symbolik, Korrespondenzen zu jenem Genius, mit welchem ich mich SELBST verbunden spüre.

    In einem Kommentar Crowleys, im Liber Cordis Serpente, welches auch Liber Liberi vel Lapis Lazuli, und das Liber DCCCXIII vel Ararita enthält, kannte ich vor dem L. Al und vor dem Buch Thoth, las ich, dass eben das Buch Thoth im Grunde ein einziger Kommentar zum L. Al. darstelle.

    Siehe da: Thelema ist so universal individuell, wie unabhängige Individuen selbst.

    Gefällt 1 Person

    1. Thelema für andere zugänglich zu machen ist quasi eine Unmöglichkeit, wenn man sich dieser Aufgabe gesetzt hat. Nicht umsonst heißt es, dass man jede Mann und jede Frau die man trifft, das Gesetz geben soll, und das dies ausreichend sei. Jeder muss für sich selbst damit klar kommen und es erforschen oder sein lassen. Wie du sagtest: Thelema ist so universal individuell, wie unabhängige Individuen selbst 🙂

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