Willkommen in meinem Kopf, Roboter Robert (v. Claas Hoffmann)

Roboter Robert

Klappe 1

Ich hatte einen Freund namens Robert. Er war verrückt geworden. Er glaubte ernsthaft, Jesus zu sein. Als ich ihn fragte, wie es dazu gekommen sei, behauptete er, er wäre den „Zeichen“ gefolgt, hätte auch Tarotkarten befragt und auf seine Intuition gehört. Dies erzählte er mir, während wir durch die Straßen des Karolinenviertels in Hamburg schlenderten. Da blieb er ein paar Meter vor einer Litfaßsäule stehen. Bedeutungsvoll hob er die Arme wie ein amerikanischer Fernsehpriester, der die Gläubigen segnen will. Er sprach mit zitternder Stimme:

„Da! Schon wieder ein Zeichen!“

Auf der Litfaßsäule klebte ein Kinoplakat:

V – Die Außerirdischen kommen“.

Au weia! Wer hatte ihm das angetan? Wie war das nur passiert?

Als Robert noch nicht den Verstand verloren hatte, war er ein Vorbild für mich. Ich wollte so leben wie er. Robert war Straßenmusiker und schaffte es, soviel Geld zu verdienen, daß er eine schöne Wohnung bezahlen konnte und immer genug zu Essen hatte. Manchmal war er schon ein bißchen komisch: Er erzählte, er sei ein großer weißer Magier. Ich sei auch einer, aber müßte meine Kräfte noch entdecken.

Einmal nahm er mich mit zum Musikmachen. Es war ein warmer Sommerabend. Wir gingen zum Spritzenplatz in Altona. Robert spielte Gitarre und sang. Ich spielte dazu auf meinen Bongos. Wir kauften uns Haschisch von dem verdienten Geld und einige Leute, die in einem Restaurant draußen saßen, gaben uns ein paar Bier aus. Nachts hatte mich Robert dann noch besucht. Als er ging, wollte er sich gerne ein Kartenspiel von mir ausleihen: Das „Dakini-Orakel“. Das ist eine Art Tarotspiel, um in die Zukunft oder ins eigene Unterbewußtsein sehen zu können. Die Bilder sind aus Photocollagen gemacht. So etwas wie die Karte „Der Einsiedler“ im Tarot, ist im „Dakini-Orakel“ etwa ein Haustürschlüssel, der im Weltraum fliegt. Ich gab ihm nicht nur das Spiel mit, sondern auch etwas zu rauchen: Eine Mischung aus Stechapfel, Tollkirsche und Marihuana.

Als ich Robert das nächste Mal sah, waren einige Tage vergangen. Ich traf ihn im „Tropical Brasil“ auf der Reeperbahn. Im „Tropical“ war immer tolle Live-Musik. Ich war gerne dort. Wenn die Musiker Lust auf eine Session hatten, durfte ich am Schlagzeug mitspielen. Robert wippte hektisch hin und her, hatte riesige Pupillen und einen irren Blick. Er würde jetzt keine Drogen mehr nehmen, und es ginge ihm sehr gut, sagte er.

Ein paar Tage später begegnete ich ihm wieder im Karolinenviertel. Er erzählte mir seine Jesusgeschichte und die Sache mit dem „Zeichen“ auf der Litfaßsäule geschah. Meine Freundin Marga und unser Hund Ghandy waren auch dabei. Dann nahm Robert uns mit in die Wohnung einer Freundin, bei der er seit drei Tagen übernachtete. Wir setzten uns in einem kleinen Raum, in dem ein Hochbett stand, auf ein Sofa. „Hast du nicht etwas Haschisch dabei?“, fragte mich die Inkarnation von Jesus Christus. Eigentlich hätte es ganz gemütlich sein können, wenn Robert nicht einen so irren Blick gehabt und so merkwürdig hektische Bewegungen gemacht hätte. Nun kam der Hund von Roberts Freundin herein. Er war zu allen friedlich und freundlich. Nur Robert kläffte er an und schnappte nach ihm. Robert hatte sich einen Besen genommen und dann Dreck, der gar nicht vorhanden war, von der einen Ecke des Zimmers in die andere gefegt und den Hund dabei angeschrien: „Ich hasse Hunde, ja ich bin auch ein Hund, nein, geh weg“. Als der Hund aus dem Zimmer war, machte Robert wieder diese merkwürdigen Bewegungen. Wie jemand, der versucht, sich blitzartig in verschiedene Yogastellungen zu bringen. Dann setzte er sich im Schneidersitz auf den Fußboden. Er hatte sich einen Holzspeer genommen, der irgendwo im Zimmer herumlag. Der war in der Mitte durchgebrochen. Robert versuchte ihn zu reparieren. Ich weiß nicht mehr, ob er überhaupt Leim dazu hatte. Auf jeden Fall steckte er die beiden Speerhälften immer wieder zusammen. Sie hielten nicht. Dann machte Jesus Christus wieder diese geheimnisvollen hektischen Verrenkungen, stand auf und nahm sich ein großes Schwert, das zur Dekoration an einer Wand des Raumes lehnte. Er hielt es in der Hand, setzte sich wieder hin, legte es neben sich und schaute mich an. „Woher weißt du sicher, daß du Jesus Christus gewesen bist und jetzt wieder da bist?“, fragte ich ihn. Er rückte näher zu mir, drückte meinen Arm und flüsterte: „Du mußt mir glauben, du mußt mir glauben. Wenn ich zuviel darüber spreche, verliere ich Kraft.“ Dann erzählte er weiter, daß er nicht nur Jesus, sondern auch ein König sei. Daß ich auch ein König bin, Marga und Ghandy ebenfalls. Nun kam endlich die Freundin von Robert herein. Sie schien älter als er zu sein. Ich schätze Robert auf damals ca. 21 und sie auf 30 Jahre alt. „Du bist meine Königin“, wimmerte Robert, „und wir werden die Welt regieren.“ „Hau jetzt ab“, herrschte ihn die 30-jährige Frau an. „Hau endlich ab, ich kann das nicht mehr hören. Du spinnst! Du nervst! Du bist nicht Jesus!“ „Ich bin ans Kreuz gegangen“, schrie Robert, und zeigte uns eine kleine Schürfwunde an seinem Unterarm. „Ich bin ans Kreuz gegangen, ich will nicht mehr leiden“. „Wenn du jetzt nicht gehst“, drohte die Frau, „rufe ich die Polizei.“ Robert nahm sich das Schwert, fuchtelte damit herum und kletterte so bewaffnet auf das Hochbett. „Dann werde ich kämpfen! Ich will nicht mehr leiden! Ruf doch die Polizei, ruf sie doch!“ „Wenn du wirklich Jesus wärest“, argumentierte die Frau, „brauchtest du kein Schwert“. „Laßt mich in Ruhe, haut ab!“, schrie Robert.

Als die Frau zum Telefon ging, wurde mir sehr mulmig zumute. Marga, Ghandy und ich verabschiedeten uns und gingen hinaus.

Das war der Beginn einer merkwürdigen Verstrickung meines Lebens mit dem Namen Robert, mit Schwertern und geheimnisvollen Zeichen. Auch ein bißchen Alfred Hitchkocks Norman Bates.

Als ich mit Marga zusammen Jesus-Robert besuchte, nachdem dieser aus der Psychiatrie entlassen worden war, lernte ich seine entsetzliche, manisch-depressive Mutter kennen. Robert sagte immer wieder: „Ja, Mutter, du bist krank, und ich bin auch krank, wir sind krank.“ Woraufhin seine Mutter antwortete: „Du kannst mich mal ganz kräftig am Arsch lecken, aber wenn ich gerade mit Dünnschiß geschissen habe.“

Gütiger Himmel.

Klappe 2

Ein Jahr später lebte ich mit meiner Freundin Diana in Finkenwerder. Ihre Tante arbeitete in einem Reisebüro und hatte ihr für die Ferien eine Pension in Tossa del Mar empfohlen. Diana wollte nicht alleine fahren und zahlte mir die gesamten Kosten für die Reise und die Übernachtungen. Ich lebte damals von der Sozialhilfe und hätte mir kaum so einen Urlaub leisten können.

Auf der Busfahrt nach Spanien weinte Diana fast die ganze Zeit bitterlich. Sie hatte in der Nacht zuvor zugesehen, wie ich mit Marga schlief. Gleichzeitig hatte ich mir angeschaut wie sie mit Jörg, einem „Sanyassin“ (Baghwan-Jünger) bumste. Für dieses Abenteuer hatten wir alle Matratzen in unser Wohnzimmer geschafft und uns so ein angemessenes Nachtlager errichtet. Ich fand, das war ein großartiges Experiment gegen Eifersucht und langweilige Beziehungen. Als Diana am besagten Abend ihren ersten hysterischen Anfall bekam, beschwichtigte der Sanyassin sie: „Aber das ist doch nur Sex und Spaß. Deswegen brauchst du doch nicht traurig zu sein.“

Nachdem wir über die französisch-spanische Grenze gefahren waren, hörte Diana endlich auf zu Schluchzen. Der Bus hielt. Kleine Pause. Ich ging in die für die Busreisenden bestimmte Touristenkneipe und trank zwei Bier. Diana wollte einen Augenblick spazieren gehen. Nach etwa einer Viertelstunde hörte ich sie schreien und klagen. Tränenüberströmt humpelte sie in die Kneipe hinein. Sie war einen Hügel hinaufspaziert und hatte da oben ein verschnörkeltes Standbild der heiligen Mutter Gottes Maria gefunden. Dort kniete Diana nieder und betete für einen schönen Urlaub oder etwas Ähnliches. Da kam ein riesiger Hund bellend auf sie zugelaufen. Sie rannte panisch so unglücklich den Hügel hinunter, daß sie an einer besonders steilen Stelle stürzte und sich fürchterlich den Fuß verstauchte. Der Hund hatte sie glücklicherweise nicht zerfleischt.

Als wir in Tossa angekommen waren und einen ansteigenden Weg hinauf zu unserer Pension wandern mußten, trug ich sie auf meinem Rücken. Endlich in unserem Zimmer angekommen, warf ich sie auf das Bett. Es brach zusammen. Wir bekamen ein anderes Zimmer.

Gegen Abend ging ich in die kleine Altstadt von Tossa. Diana konnte und wollte nicht mitkommen. Ich fand eine Kneipe namens „Systema“. Das Schild draußen an der Tür war ein Yin & Yang Zeichen. Das chinesische Universalsymbol für die Wechselwirkung der Gegensätze. Aber die Linie in der Mitte, zwischen dem Schwarzen und dem Weißen, war kein rundes „S“, sondern ein Blitz. Und der weiße Punkt im Schwarzen, wie der schwarze Punkt im Weißen, kein kleiner Kreis, sondern ein Viereck. In der Kneipe hing über dem Tresen die große Puppe einer fliegenden Hexe auf einem Besen. Auch sonst war die Dekoration mit Sternchen und Monden überall ein bißchen „magisch“. Ich ging zu einem großen, schlanken, jungen Mann, der vielleicht ein wenig älter war als ich mit meinen 20 Jahren. Ich hörte, wie er mit zwei Anderen in der Kneipe deutsch sprach und fragte ihn, ob er mir etwas zu rauchen verkaufen könnte. Er holte ein großes „Piece“ Haschisch aus der Tasche, brach ein ordentliches Stück ab und sagte, das könne ich behalten. Dann rauchten wir mehrere Joints zusammen, wobei er mir ein Bier nach dem anderen ausgab und mir obendrauf noch fast 100,- DM in Peseten in die Hand drückte, mit den Worten, ich könne gewiß ein wenig Kleingeld gebrauchen. Ich fragte ihn nach seinem Namen. Er sagte mir, er heiße Robert, Robert Rubin, und zeigte mir eine tätowierte „R“-Rune auf seinem Arm. Was dann kam, war unglaublich: Er behauptete, er sei in Tossa, um mir eine Botschaft zu überbringen. Er erzählte, wie er seine „Erleuchtung“ in Irland erlangt habe. Auf dem Grab eines alten irischen Königs. Danach sei er zu einer Kirche gegangen, die auf einem heiligen Ort der Kraft erbaut worden sei. Weil das Dach dieser Kirche eingefallen ist, könne die kosmische Kraft aus dem Universum nun wieder durch diesen Ort hindurchfließen. Dort habe er zusätzlich zu seiner Erleuchtung alle Schlüssel der Magie erhalten. Ich müsse mich nun auch zu genau dieser Kirche mit dem eingefallenen Dach begeben, damit mir ebenfalls der große Blitz in den Kopf einschlagen könne. Ich erzählte ihm, daß ich auch einmal in Irland gewesen sei. Natürlich fanden wir heraus, daß ich mich exakt zur Zeit seiner „Erleuchtung“ in diesem Land aufgehalten hatte. Nur begab ich mich damals zu keiner Kirche und keinem Königsgrab. Ich befand mich in einem Hafen auf dem Kümo (Küstenmotorschiff) meines Vaters, wo ich als Decksmann arbeitete. Nur für eine Nacht blieb das Schiff in Irland, und das einzige, was ich dort erlebte, war in einen Pub zu gehen und drei Guinness zu trinken.

Robert Rubin erzählte mir, daß es ihm zur Zeit finanziell so gut ginge, weil er kürzlich eine Stimme gehört hätte, die zu ihm sprach:

„Geh mit 10,- DM ins Kasino zum Black Jack.“ Diesem Rat war er gefolgt und hatte sogleich 30.000,- DM gewonnen.

Alles, was er mir erzählte, hörte sich aufregend an. Ein riesiges Durcheinander an geheimnisvollen Botschaften. Wenn ich mich anstrenge und versuche, mich an all die verwirrenden Dinge zu erinnern, die nach seinen Aussagen wichtige Informationen für mich darstellten, dann fallen mir noch die folgenden Dinge ein:

Deutschland ist das „auserwählte“ Land, aber wir müssen arbeiten und arbeiten, um unsere große Schuld zu bezahlen. (Blablabla.)

Robert Rubin selbst ist die Inkarnation eines großen ägyptischen Pharaos und ich natürlich auch.

Unter der großen Pyramide von Gizeh hat sich zur Zeit ihrer Erbauung eine ebenso große Pyramide aus Kristall befunden. Diese riesige Kristallpyramide ist nun mittlerweile unter der Erde bis zu den Pyrenäen gewandert und befindet sich dort ziemlich genau unter Andorra. Das bedeutet, in Andorra sei der „Heilige Gral“.

Gewiß hatte Robert noch mehr wichtige Botschaften für mich, an die ich mich aber nicht mehr erinnern kann.

Bald zeigte er mir Diamanten und eine teure Uhr, die er in Andorra gekauft hatte, um damit zu prahlen. Dann holte er einen komischen Gegenstand aus seiner Hosentasche: Einen kleinen Stab aus weißem Holz, etwa so lang wie sein Mittelfinger. Ein Ende dieses Stabes war geschnitzt in der Form eines Eulenkopfes. Als Augen dienten zwei kleine Metallkugeln. R.R. sprach beschwörend: „Die weiße Eule! Ich habe sie immer dabei! Sie schaut dich immer an, egal wie du sie drehst und wendest.“

Mittlerweile war ich total besoffen und bekifft. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Er erzählte immer weiter:

Von einem Freund, dessen Seele von Psylocibinpilzen aufgefressen worden sei. Daß ihm Katzen nicht lange in die Augen schauen könnten. Daß er fast ein schwarzer Magier geworden wäre, sein Schicksal unheimlich hart sei. Drogen und Alkohol seinem Körper nichts anhaben könnten, ich ihn nicht suchen dürfe, wenn ich ihn finden wolle. Ich weiß nicht, was noch alles. Er versprach mir, mich bald in der Pension zu besuchen, und mit mir zusammen mit seinem Auto nach Andorra zu fahren, denn, das müsse ich unbedingt gesehen haben. Für das ganze Bier, das fette Piece und das Geld gab ich ihm besoffen einen Kuß auf die Wange, sagte: „Danke schön“, und torkelte in Schlangenlinien zurück in die Pension.

Die Pension war ein großes, weißes Haus, an einem Hang gelegen, so daß man von der Terrasse aus über die Altstadt bis zum Mittelmeer blicken konnte. Von der Eingangshalle aus führte eine gewundene Treppe hinauf zu den Gästezimmern. Neben dem Treppenaufgang hingen zur Dekoration zwei große Schwerter in der Form eines Kreuzes. Zwei Tage nachdem ich Robert begegnet war, kam er zu Besuch. Ich hielt mich gerade in der Eingangshalle auf, als er durch die Tür trat und rief: „Ich werde nicht mit dir nach Andorra fahren.“ „Warum nicht?“, fragte ich verdutzt. „Als du mir zum Abschied einen Kuß gegeben hast, fühlte ich, daß das der Kuß einer Schlange war und ich weiß noch nicht, ob du nur vom Teufel besessen bist oder der Teufel selbst.“ So sprach er mit deutlicher Erregung in der Stimme und starrte mich mit echten wirren Jesus-Robert-Augen an. „Schade, daß du nicht mit mir fährst“, sagte ich, „Ich hätte gerne Andorra gesehen.“ Da schritt er durch die Eingangshalle und nahm die zwei großen Schwerter von der Wand. Seine riesigen Pupillen leuchteten mich an. Er drückte mir eins der Schwerter in die Hand. So standen wir uns bewaffnet gegenüber. „Du bist mein Bruder“, erklärte er bedeutungsvoll, „und ich habe dich einmal umgebracht. Jetzt mußt du wieder zum Leben erweckt werden. Du bist Baldur und es ist Baldur, der wieder erweckt werden muß. Ich habe dich umgebracht, aber jetzt ist die Zeit gekommen, mit Worten zu kämpfen und nicht mit dem Schwert, auch wenn diese Schwerter wie für unsere Hände geschaffen sind.“ Ich wußte wirklich nicht, was passierte, irgendwie hängten wir Gott sei dank die Schwerter wieder an die Wand. Dann redete R.R. kurz mit dem Pensionsbesitzer, der sich etwas verwundert über ihn zeigte. R.R. erklärte ihm, das ich sein Bruder sei und fragte, ob er etwas Geld wechseln könnte. Nun gingen Diana, die sich dazugesellt hatte, Robert und ich hinaus auf die Terrasse. Dort setzten wir uns in die Sonne und beschlossen, einen Joint zu rauchen. Robert gab schon wieder erleuchtete Weisheiten zum besten: Er wußte, daß Franco und Hitler die besten Freunde Satans gewesen seien und zeigte mir ein Geldstück aus der Zeit Francos, auf dem die untere Hälfte des „Lebensbaumes“, (der grafischen Darstellung der Kabbala, der jüdischen „Geheimlehre“) abgebildet war. Dann gab er noch ein paar zusammenhangslose gute Tips wie: „Du kannst tun, was du willst, aber paß auf, daß dich der Tod nicht als Krüppel zurückläßt. Du bist das Lieblingskind deiner Mutter. Du hast großes Glück, aber hüte dich vor der Kabbala.“

Nun hatte ich zwei wahnsinnige Roberts mit großen Pupillen und einem Schwert in der Hand kennengelernt. Beide glaubten, im Auftrag Gottes zu handeln. Beide hatten sich anscheinend zuviel mit esoterischen Dingen beschäftigt und zu viele Drogen genommen. Allerdings schien sich der Tossa-Robert noch wesentlich wohler zu fühlen, als der Jesus-Robert aus dem Karoviertel.

Klappe 3

Einige Monate später, in Stade, begegnete mir der nächste Robert-Zufall. Stade ist eine norddeutsche Kleinstadt zwischen Hamburg und Cuxhaven. Dort tanzte ich in der Disco „Mülltonne“. Ein Mädchen sprach mich an, sie hätte mich schon mehrmals gesehen und sich nie getraut, mich zu fragen, wer ich bin und wie ich heiße. „Ich bin Claas“, sagte ich und fand sie sehr süß. „Ich bin Nini“, sagte sie. „Als ich dich ein paar Mal gesehen habe und dich nicht ansprechen mochte, hab ich mir zusammen mit meiner Freundin Alexa überlegt, wie du wohl heißt. Da meinten wir, dein Name müßte Robert sein. Wenn du in der Nähe warst, haben wir gesagt: Guck mal, dahinten geht Robby.“ Manchmal nennt mich Nini heute noch Robby.

Einen Monat später arbeitete ich auf einer Werft in Polen, auf dem Kümo meines Vaters. Daß mich Nini „Robby“ getauft hatte, fand ich so merkwürdig, daß ich in meiner Freizeit die Robert-Zufälle in ein kleines Büchlein schrieb. Ich schickte es nach Deutschland an eine Zeitschrift namens „Abrahadabra“. Zurück aus Polen, wollte ich von der „Abrahadabra“-Redaktion wissen, ob man meine Robert-Geschichte drucken wolle. „Welche Geschichte?“ Sie war nie angekommen. Wahrscheinlich hoffte ein polnischer Postangestellter, Geld in dem Paket zu finden, riß es auf, und warf enttäuscht mein Büchlein in den Müll.

Klappe 4

Einige Wochen später bekam ich Post von meinem Cousin Matthias. Er schrieb mir, in Hamburg würde für ein Musiktheaterprojekt ein Drummer gesucht. Die Musik dafür komponierte Tom Waits. Regie führte Robert A. Wilson. Ich dachte: „Wau, Robert A. Wilson, der hat doch die Illuminatus-Trilogie geschrieben und interessiert sich stark für Aleister Crowley!“

Ich hatte eine Zeitlang in einem Fotoatelier als Deko-Assistent gearbeitet. Dort hatte ich gefragt, was ein paar gute Diaaufnahmen kosten würden. Der Chef, Herr Kleinhempel, antwortete mir: „Das kostet dich gar nichts. Ich brauche noch Arbeit für einen Lehrling.“ So kam es, daß ich umsonst tolle Diaaufnahmen von Tarotkarten-Collagen bekam. Mit den Collagen wollte ich das Buch „Liber AL vel Legis“ illustrieren. Dieses Buch wurde Crowley 1904 von einer außerirdischen Intelligenz, die sich selbst „Aiwass“ nannte, diktiert. Ich fand meine Illustrationen sehr gelungen. Teilweise hatte ich die Karten so zusammengefügt, daß die Collagen aussahen wie Gemälde und nicht wie Bilder, die sich aus mehreren einzelnen Karten zusammensetzen.

Die Bewerbungsunterlagen für das Musiktheaterprojekt, eine Kassette mit eigenem Schlagzeugspiel und ein kurzer Lebenslauf, schickte ich zusammen mit meinen 30 besten Dias und einem freundlichen Brief an Robert A. Wilson. In dem Brief schrieb ich ihm meine Idee, das „Liber AL vel Legis“ als Theaterstück zu inszenieren und die Dias für das Bühnenbild zu benutzen. Falls er nicht daran interessiert sei, bat ich ihn natürlich, mir die Dias zurückzuschicken. Als ich nach einem Monat keine Antwort bekam, fuhr ich zum Thalia Theater nach Hamburg. Nach langem Warten in der Rezeption kam endlich der persönliche Assistent von Wilson. Ja, er erinnere sich an den Brief und die Dias. Herr Wilson hatte sie, ohne sie anzuschauen, gleich nach dem Lesen des Briefes in den Müll geworfen. Dieser Robert A. Wilson ist ein ganz anderer, als der Schriftsteller der Illuminatus-Trilogie. Nur ihre Namen haben sie gemeinsam. Der Theater-Wilson ist darauf spezialisiert, Bühnenbilder mit Licht zu gestalten. Das Stück, das zur Zeit mit Tom Waits geprobt wurde, handelte vom „Freischütz“. Von einem Pakt mit dem Teufel. Es hieß „Der schwarze Reiter“. Ein Schlagzeuger war schon lange gefunden.

Heute habe ich zwei Freunde, die auch Robert heißen. Aber ich erwarte nicht, daß sie nur, weil sie diesen Namen haben, Dinge von mir in den Müll werfen, oder ein Schwert in die Hand nehmen und verrückt werden. Sollte ich besser doch damit rechnen?

Zeichen                                                                                            Beziehungswahn →

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