Thelema, Religion und Glaube (v. Olaf Francke)

Mit freundlicher Erlaubnis von Olaf Francke

Einige vergleichende Anmerkungen zu den abrahamitisch-monotheistischen Religionen im Bezug zu Thelema. Hier soll versucht werden, aufzuzeigen, warum THELEMA keine Religion im theologischen Sinne sein kann und warum ein Vergleich deshalb schwer ist.

Es wird oft versucht, THELEMA als eine Religion bzw. Pervertierung einer Religion öffentlich dazustellen. Das ist jedoch grundlegend falsch. Zwar sind in der apokalyptischen Schrift des LIBER LEGIS Götterbilder erwähnt, doch rufen diese keinesfalls zu einem verbindlichen Glaubensbekenntnis auf. Viele Kommentatoren erliegen in der Beurteilung des Liber Legis nun der Versuchung, die 220 Verse im Kontext ihres eigenen religiösen Bezugsrahmens zu sehen, was zwangsläufig zu einer völlig verzerrten Betrachtung führen muss.

Betrachten wir in diesem Zusammenhang einmal die abrahamitischen Religionen, die in der einen oder anderen Form für einen großen Teil der Weltbevölkerung Leitbild sind. Juden- und Christentum sind -wie auch der Islam- monotheistische Religionen, die ihre Wurzeln auf den Stammvater Abraham zurückführen.

Erste Anfänge des Monotheismus sind bereits durch Amenphis IV. (Echnaton) ca. 1350 b.c.t. gelegt worden, als er die Sonnengottheit Aton zum alleinigen Gott machte, etwa aus dieser Zeit stammen auch die ersten Erwähnungen des Namens „Jahwe“. In Palästina bildete sich einige Jahrhunderte später der Jahwe-Kult, aus den Judentum, Christentum und schließlich auch der Islam hervorgingen.

Info: JHVH und ALLAH – ein Gott?

Im Tanach ist JHWH der exklusive Name für Israels Gott. Er findet sich aber auch in der altorientalischen Umwelt als Gottesname, verkürzte Formen auch als theophorer („gott-tragender“) Bestandteil von Personennamen. Eine ägyptische Ortsnamensliste im Amontempel von Soleb aus der Zeit von Amenhotep III. (1402-1363 v. Chr.) nennt „das Land der Schasu-JHW“. Auch in der Zeit Ramses III. (1198-1166) taucht dieser Ausdruck auf. Er bezeichnete sowohl ein Gebirge im südlichen Ostjordanland als auch den Gott der dort lebenden Beduinen. Auf Tontafeln (Ostraka) von Ugarit taucht ein Gott JW als „Sohn des El“ auf. Die Mescha-Stele (um 840 v. Chr.) gilt als ältester außerbiblischer Beleg für das Tetragramm: Und ich nahm die Gefäße des JHWH und trug sie vor Kemos. Auch ein kürzlich gefundenes Tablett mit den phönizischen Zeichen YOD, HE, W, HE gibt einen Gottesnamen wieder. Die frühesten Belege des Namens aus Palästina stammen aus dem 8. Jahrhundert v. Chr.: Ein Priestersiegel trägt die Inschrift Dem Miqnejaw, dem Knecht JHWHs gehörig. Auf einer Grabinschrift bei Lachisch steht Gesegnet sei Urijahu von JHWH. Beide Personennamen enthalten eine Kurzform des Gottesnamens. […] Wo die Israeliten diesen Gottesnamen kennenlernten, ist ungewiss. Einige alte Bibelstellen legen eine Übernahme von nomadischen Nachbarstämmen nahe. Denn nach Ex 3,1 EU begegnete Mose JHWH „im Lande Midian“ am „Berg Gottes“, hier „Horeb“ genannt. So hieß in der deuteronomischen Geschichtsschreibung der Berg Sinai, an dem nach Ex 19-24 die große Offenbarung der Tora stattfand. Die Lage dieses Berges ist unbekannt. Er wurde erst in christlicher Zeit im Süden der heute nach ihm benannten Sinai-Halbinsel lokalisiert und heißt im Arabischen Dschebel Mosa (Moseberg). Am benachbarten Dschebel Serbal wurden Inschriften der Nabatäer von etwa 100 v. Chr. gefunden, die ein altes Wallfahrtsheiligtum belegen, zu dem Nomaden von weit her zogen. (Quelle: wikipedia.de)

Der Stammvater Abraham (islam.: Ibrahim) gilt als der gemeinsame Religionsstifter, nach neuesten Erkenntnissen ist sein Wirken um ca. 1000 b.c.t. wahrscheinlich. Mit dem Erscheinen des Propheten JHShVH (Jesus/Isa) kommt es zur Spaltung im Judentum; das Christentum, welches Jesus als den „Sohn Gottes“ betrachtet, entsteht. Von den Juden wird dieser Umstand bestritten. Christentum und Judentum greifen gemeinsam auf die religiösen Codices des Alten Testaments ( Tanach, bestehend aus Pentateuch, Bücher der Propheten und Schriften) zurück, die Christen haben das neue Testament (bestehend aus den Evangelien und apostolischen Schriften) hinzugefügt, das z.T. die mosaischen Gesetze des Pentateuch aufhebt. Während die Christen dem Propheten Jesus einen messianischen Einfluß zuschreiben, weisen die Juden dies zurück, sie erwarten noch heute die Ankunft ihres Messiahs. Im Jahr 571 c.t. wird der Prophet Mohammed geboren, er empfängt vom Erzengel Gabriel apokalyptische Visionen, die später in den 114 Suren des Koran zusammengefasst werden. Zu einer Zeit, als der Glaube in der noch jungen Christenheit institutionalisiert und mit glaubensfremden Elementen angereichert wurde, bildete sich der Islam als orientalischer Gegenpol, der sich -ausgehend von seinen ebenfalls semitischen Wurzeln- zu einer völlig anderen Interpretation eines monotheistischen Kultes entwickelte. Viele seiner Regeln und Vorschriften entsprangen direkt dem kulturellen Umfeld des Propheten und sind bis heute traditionell erhalten, nicht zuletzt, weil es im Islam keine „Kirche“ als Institution gibt. Hierin gleicht der Islam eher dem Judentum und weicht erheblich vom christlichen Glaubensbild ab. Der Islam teilt nicht die christliche Auffassung von der göttlichen Trinität, er beginnt seine Zeitrechnung am 16.Juli 622 c.t. („Hijra“). Jesus gilt im Islam zwar gewissermaßen als „cooler Prophet“, besitzt aber keine zentrale Stellung. (vgl. dazu: Al_Quran; Suren 5:72, 116, 9:88&89, 4:171)

Zitat: Im Koran wird Jesus üblicherweise als Isa Ben Maryam (Isa, der Sohn Mariens) bezeichnet (zum Beispiel Surah 2:87, 4:171, 3:48). Überraschenderweise hat auch der Koran stellenweise Geschichten aus den Evangelien über Krankenheilungen u.ä. übernommen (vgl. zum Beispiel Surah 3:48, 5:110), es gibt aber auch aus der Bibel nicht bekannte Darstellungen, wonach Jesus zum Beispiel Vögel geschaffen haben soll (zum Beispiel Surah 3:48), er lässt die Toten auferstehen (Surah 3:49).

Quelle: M.W.Schmidt: Comperative Religion: Islam and Christianity Seite147; Viademica Verlag 2006 ISBN 978-3-937494-28-9

Die christliche Auffassung von der Trinität Gottes basiert weitgehend auf den früchchristlichen, hellenistisch-orthodoxenen Einflüssen und ist -ebenso wie die vom Isiskult kopierte Marienverehrung- nicht Bestandteil der Lehre Jesu.

Zitat: … One year later, under Emperor Theodosius, Christianity was declared a state religion […] in 380, and another Council at Constantinople was to be held in 381 where not only the Nicence Creed had been reaffirmed but where also a statement with respect to the status of the Holy Spirit was made, indicating its divine status and eyuality with the Son and the Father. The Holy Spirit, then, was of the same substance as the Son and the Father but as a different person with respect to the Son and the Father.

Quelle: M.W.Schmidt: Comperative Religion: Islam and Christianity Seite91/92; Viademica Verlag 2006 ISBN 978-3-937494-28-9

Auch die katholische Lehre von Himmel und Hölle wird man in den Büchern Mose vergeblich suchen. So drifteten die drei großen monotheistischen Lehren mehr und mehr auseinander und stehen sich in der moderne z.T. feindlich gegenüber (zumindest in den jeweiligen fundamentalistischen Ausprägungen).

Trotz aller Unterschiede haben die drei großen abrahamitischen Religionen eines gemeinsam, nämlich ein zentrales Gottesbild, das die höchste religiöse Autorität darstellt. Der Gott ist allumfassend, eine übergeordnete Autorität, und der Mensch hat dem göttlichen Willen zu folgen, um Erlösung zu finden. Seit 1965 erkennt auch die katholische Kirche nach langem Zögern den Islam als monotheistische Religion gleichberechtigt an.

Mit Hochachtung betrachtet die Leitung der Kath. Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft.“

Zweites Vatikanum (28. Oktober 1965); Nostra Aetate/Teil 3

„[…] Alle Worte sind heilig und alle Propheten wahr; ausgenommen nur, dass sie wenig verstehen; […]“

Liber Legis I/56

Es wird nun -wie gesagt- oft versucht, THELEMA aus dieser Perspektive heraus zu betrachten. Es ist nicht verwunderlich, dass Thelemiten aus dieser Sichtweise heraus als „ungläubig“, „widergöttlich“ oder gar „satanistisch“ wahrgenommen werden, da das Liber Legis aus einer völlig anderen, einer Metaperspektive heraus das spirituelle Verhältnis des Menschen zum Kosmos offenbart.

Im Liber Legis sind Gott und Mensch nicht -wie in den Religionen- getrennt, sondern bilden eine Einheit. Thelema betrachtet das göttliche Bewußtsein als eine Art fraktales Gebilde, das mit jedem seiner Teile -wie oben, so unten- permanent kommuniziert. Das Ergebnis, die individuelle Wahrnehmung dieser Kommunikation, bezeichnen Thelemiten als den „wahren“ oder „freien“ Willen. Für den Thelemiten ist das Universum, der Kosmos, ein zeitlich und räumlich unbegrenztes Wesen, das in alle Raumzeitkonfigurationen wahlfrei kommunizieren kann.

In den abrahamitischen Religionen hat das Individuum vergleichsweise eher die Stellung einer Körperzelle in Relation zum Bewußtsein. Der Gebieter erläßt die Gesetze, und der Körper hat -bis in die letzte Zelle- zu folgen. Der Mensch (hier z.B. vergleichbar mit der letzten Zelle eines Fußnagels) hat nicht das Recht, das Bewußtsein (Gott) zu manipulieren, umgekehrt jedoch schon. Dies ist die „Einbahnstraße“ der Religionen, eine Beschränkung, die das Liber Legis nicht unkommentiert läßt:

„Nichts ist ein geheimer Schlüssel dieses Gesetzes. Eins und sechzig nennen es die Juden; ich nenne es acht, achtzig, vierhundert + achtzehn.“

„Aber diese haben die Hälfte: vereinige mit deiner Kunst, so dass alles verschwindet“

Liber Legis I/46 & 47

In der Folge geht das Liber Legis mit den Leitbildern der Religionen auch hart ins Gericht:

„Mit meinem Falkenkopf hacke ich nach den Augen Jesu wie er da an dem Kreuz hängt“

„Ich schlage meine Flügel in das Gesicht Mohammeds und blende ihn“

„Mit meinen Klauen reiße ich das Fleisch des Inders und des Buddhisten, Mongolen und Din heraus.“

„Bahlasti! Ompehda! Ich spucke auf eure jämmerlichen Credos“

Liber Legis III/51-53

Natürlich klingen solche martialischen Aussagen in den Ohren der Angehörigen der monotheistischen Religionen feindlich und bedrohlich, sie stellen eine Blasphemie dar. Eigentlich müsste das gar nicht so sein, denn wenn der Gott, der da verehrt wird, in der angebeteten Form existiert, dann sollte ihn das in seiner Allmacht nicht scheren, was der Gesandte Aiwass da proklamiert.

Auffällig ist an den Religionen, dass sie dazu neigen, den Menschen getrennt von Gott darzustellen und es ihm nahelegen, äußere Umstände als „Wille Gottes“ zu deklarieren.

Kirchen und andere Religionsgemeinschaften unterstützen dies noch, so dass es in den letzten Jahrhunderten zu einer Art der „organisierten Verantwortungsabgabe“ kam, welche die Menschheit nicht selten in grausame Kriege verwickelt hat. Zu viele Menschen wurden in den letzten 2000 Jahren „im Namen Gottes“ getötet, vertrieben, diskriminiert.

Mit der Offenbarung von THELEMA als Gesetz zum Beginn des Horus Äons wurde dem eine realistische Alternative entgegengestellt. Die Gesetze von Thelema befreien vom Joch der Gottgefälligkeit, denn sie mahnen zur Übernahme der vollen Verantwortung für das eigene Handeln. In der thelemitischen Gesellschaft ist der Mensch nicht Untertan, sondern ein Teil Gottes. Keine Kirche, keine Priesterkaste hat das Recht, dem Individuum vorzuschreiben, wie sein Verständnis des göttlichen Prinzips auszusehen hat. THELEMA verbietet den Glauben nicht, vielmehr stellt es ihn auf ein solides Fundament der Verbundenheit. Kein Thelemit ist gezwungen, einem Credo zu folgen, das er nicht mit vollem Herzen unterstützen kann. Er muss nicht fürchten, dass er deshalb vom göttlichen Prinzip ausgeschlossen wäre oder Strafen zu erdulden hätte.

„[…] Die Zurschaustellung der Unschuld ist eine Lüge. Sei stark, o Mann, genieße, finde Gefallen an allen Dingen der Sinne und des Entzückens: fürchte nicht, dass irgendein Gott dich hierfür abweise.“

Liber Legis II/22

Die Wahrnehmung eines göttlichen Prinzips kann nur und ausschließlich subjektiv und individuell erfolgen. So diese Wahrnehmung Gottes nicht gerade auf einem Zustand von Schläfenlappenepillepsie beruht, ist der Mensch darauf angewiesen, sich selbst ein Bild von Gott zu erschaffen, denn die Zeiten der brennenden Dornbüsche sind vorbei. Die Zentrale Erkenntnis, die zur Erschaffung Gottes führt, bringt Aiwass, der Übermittler des Liber Legis im 89. Vers auf den Punkt:

„Ich bin allein: da ist kein Gott wo ich bin.“

Liber Legis II/23

Der Mensch ist demnach so oder so auf einen selbsterschaffenen Gott angewiesen. Da ist es nur konsequent, wenn er sich als Thelemit dazu auch bekennen kann, indem er sagt: „Gott ist, was ich von ihm wahrnehme, nämlich: Ich selbst.“ Was der Mensch nicht wahrnimmt, ist in seiner Welt nicht vorhanden. Jeder Mensch auf diesem Planeten erschafft seine Welt in jedem Moment neu, resultierend aus den aktuellen Erfahrungen, Erinnerungen, Wahrnehmungen und Hypothesen, die ihm sein Gedächtnis, sein Wahrnehmungsapparat und seine Imagination liefern. Eine von diesen Faktoren unabhängige Existenz eines göttlichen Wesens ist niemals nachgewiesen worden. Aus diesem Grunde ist es nur recht und billig, ein zentrales göttliches Wesen zu ignorieren bzw. abzulehnen.

Wenn „Gott“ die Summe aller möglichen Wahrnehmungen, aller möglichen Erfahrungen, aller möglichen Zustände ist, dann bietet allein die thelemitische Ethik uns die nötige Grundlage, hieraus einen Gott nach unserem Bilde zu erschaffen. Nur, dass eben der Thelemit sich diesem „Gott“ verbundener fühlt, als z.B. der Christ, der Jude oder der Moslem, denn der Thelemit kann den Gott in sich selbst akzeptieren.

Er braucht ihm nicht ehrfürchtig am Boden kriechend entgegenzutreten, er muss ihn nicht in gewaltigen Sakralbauten suchen, er muss ihn nicht durch Taten beeindrucken, von denen er annimmt, sie geschähen im Einklang mit diesem „Überwesen“. Der Thelemit kann es akzeptieren, dass sein Universum ein kreativer Akt eigener Schöpfung ist, für den er nicht jemandem danken muss, der außerhalb von ihm existiert.

Ein Thelemit ist ein lebendiger Teil Gottes, nicht sein Diener, sein Untergebener, nicht der arme Sünder, der nur durch Gottes Vergebung zu innerem Frieden und Erlösung finden kann. Der Thelemit kann sich selbst vergeben, er kann sich selbst erziehen, er kann seinen ethischen Handlungsrahmen selbst definieren.

Aus diesem Grund ist das Liber Legis im Kern auch kein religiöser Codex, sondern eine apokalyptische Schrift, die dem Leser die unendliche Fülle seiner Möglichkeiten offenbart.

Es gäbe nun einzuwenden, dass im Liber Legis auch gewisse Handlungsanweisungen zu finden sind, die sich dogmatisch bzw. im liturgischen Sinne auslegen lassen. Doch sind diese Sentenzen auf einer subalternen Ebene angesiedelt, über ihnen steht in jeden Falle das höchste Gesetz:

TU WAS DU WILLST.

Thelema ist -wie bereits festgestellt- absolut individuell. Es gibt also keine allein selig machende Weisheit, keine Rechtfertigung für missionarischen Eifer, kein „Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein“. Thelemit werden, heißt nicht, einem Glauben abschwören. Thelemit werden heißt nicht, einen Glauben durch einen anderen ersetzen. Thelemit werden heißt, sich seiner Verantwortung vor sich selbst und dem Rest der Welt bewußt werden. Thelemit sein heißt, den Glauben des anderen respektieren, auch wenn man ihn nicht teilt.

Literatur:tips

Elberfelder Bibel“ – Brockhaus Verlag ISBN 3-417-25808

Der Koran“ – Voltmedia ISBN 978-3937229768

So entstand die Bibel” – Uitgave Evangelische Omroep, Hilversum 1979 ISBN: 3-89397-203-X

Archäologie und Bibel“ – Miriam Magall DuMont Vrelag 1986 ISBN: 3-7701-1644-5

Comperative Religion: Islam and Christianity” M.A.Schmidt Viademica Verlag 2006 ISBN 978-3-937494-28-9

Wie vorstehend ausgeführt, ist Thelema ja eine Willensethik, die einem monotheistischen Glaubenskonzept z.T. diametral entgegensteht. Doch es gibt nicht wenige Menschen, die Thelema im Sinne einer Religion, auf Glauben basierend, betrachten wollen. Insofern wollen wir hier in deren Sinne einmal versuchen, ein Modell vorzustellen, das einer thelemitischen Glaubenslehre nahekommen könnte, ohne den Anspruch auf dogmatische Richtigkeit und allseligmachende Vollständigkeit erheben zu wollen.

Wir leben in einer Welt, in der das vermeindliche WISSEN zum Gott erhoben ist. Der GLAUBE wird verdammt, verdrängt, als anachronistisch abgetan. Aber: Ist das richtig? Leben wir wirklich in einer Welt, die ohne Glaubensätze auskommt? Gedanken dazu:

  • Du glaubst, die Welt sei eine Kugel. Weißt Du es? Jemand hat Dir gesagt, sie sei eine Kugel. In der Tat hat sie wahrscheinlich eher die Form einer gnubbeligen Kartoffel mit abgeplatteten Polen. Dein „Wissen“ über die Kugelform der Erde basiert auf einem Glaubenssatz.
  • Du glaubst, dass ein Wassermolekül aus drei Atomen besteht. Gesehen hast Du diese Atome nie. Dein „Wissen“ um die chemische Zusammensetzung des Wassers basiert auf einem Glaubenssatz.
  • Du glaubst, dass die Werte, nach denen Du lebst, richtig und wichtig sind. Du fragst nicht, woher sie kommen. Dein „Wissen“ um die Richtigkeit Deiner Moral basiert auf einem Glaubenssatz.

Diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Wer weiß schon, ob es auf dem Mars Wasser gibt, ob es kleinere Teile als Quarks oder Bosonen gibt, ob dunkle Materie existiert, wohin schwarze Löcher zeigen, ob Liebe ein echtes Gefühl ist, ob Wasser naß macht, oder ob wir allein im All sind?

Fakt ist: In vielen, vielen Situationen des Lebens arbeitest Du mit Glaubenssätzen. Du glaubst, was Du gehört, gesehen, erfahren hast. Der Mensch kann nicht existieren ohne Glauben. Der Glaube bildet unsere natürliche Wahrnehmungs-Unschärfe, die unser Leben flexibel werden läßt.

Die Gebrüder Wright konnten nicht wissen, dass ihr erster Flug gelingen würde, aber sie glaubten es. Dieser Glaube gab ihnen die Kraft, es zu wagen. Wagemut ist eine direkte Folge des gefestigten Glaubens. „Der Glaube versetzt Berge“ heißt es. Diese Aussage birgt Wahrheit. Wenn Kolumbus nicht geglaubt hätte, wäre Amerika nicht von ihm wiederentdeckt worden. Wenn die großen Erfinder aller Zeiten nicht geglaubt hätten, würden wir noch heute in finstren, rußgeschwärzten Höhlen leben. Wenn Frater Perdurabo nicht den Mut gehabt hätte, zu glauben, wäre das Buch des Gesetzes nicht niedergeschrieben worden.

An etwas zu glauben kann ein gewaltiger Motor für Kreativität, Mut und Kraft sein. Der Glaube an uns selbst, der Glaube an ein Ziel läßt uns über uns selbst hinauswachsen, der Glaube ermöglicht Fortschritt, Evolution und das Erreichen ferner Ziele.

Es sind harte Zeiten, in denen wir leben. Die Äonen befinden sich im Umbruch, unsere gesellschaftlichen Werte verändern sich zusehends, die großen Religionen haben nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig zu zerfleischen. Von der Realität völlig losgelöste Gotteskrieger, die es in allen drei abrahamitischen Religionen gibt, gehen wie Kampfhunde aufeinander los, und Nationen wie die USA rufen die neuen Kreuzzüge aus. Die europäischen Machthaber folgen „Uncle Sam“ mehr oder weniger blind in seinen heiligen Krieg. Es geht längst nicht mehr nur ums Öl oder um neue Absatzmärkte für coffeinhaltige Erfrischungsgetränke und fleischgefüllte Weichbrötchen, es geht längst um mehr, nämlich um die Verbreitung einer altäonischen Religion, deren Zeit schon seit nunmehr einhundert Jahren abgelaufen ist.

Mit der Niederschrift des Liber Legis im Jahr 1904 ist ein neues Zeitalter angebrochen, das Äon des Horus, und Liebe ist das Gesetz; Liebe unter Willen. Neue Religionen werden kommen, und es ist unsere Aufgabe, in unserem Glauben mit der Zeit zu gehen. Das neue Äon hat zwei ethische Grundkonzepte, nämlich THELEMA (Wille) und AGAPE (Liebe). In der griechischen Gematria zählen beide Begriffe 93, was sie nicht nur zahlenmäßig gleichwertig macht. In der Kabbalah geht man davon aus, dass zwei Begriffe mit demselben Zahlwert sich auch in ihrer Bedeutung ergänzen. Liebe und Wille befähigen den Menschen, ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu führen, gleichzeitig Teil einer Gruppe und doch Individuum zu sein.

Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.“

Liber CCXX; i/57

Thelema und Agape sind Grundvoraussetzungen für ein geordnetes, konstruktives und erfülltes Zusammenleben der Menschen im Äon des Horus. Liebe unter Willen ermöglicht es uns, fair und respektvoll mit unseren Mitmenschen zu leben, im Einklang mit der Natur zu existieren und ein sinnvolles Leben zu führen. Wir Menschen müssen allmählich lernen, dass es möglich ist, auch ohne Vernichtungskriege, Genozide und Völkerschlachten miteinander auszukommen. Thelema braucht keinen Glauben, aber wahrer Glaube braucht Thelema und Agape.

Im neuen Äon kommen die Menschen nicht umhin, diese beiden Begriffe zu verinnerlichen und ihr gesamtes Handeln daran auszurichten. Tun sie es nicht, droht uns eine globale Katastrophe, in der unser Überleben als Spezies alles andere als gesichert ist. Nicht jeder Thelemit muss zwangsläufig ein Gläubiger sein, aber jeder Gläubige sollte besser ein Thelemit sein. Nur Thelema und Agape sind in der Lage, das kollektive Bewußtsein derart zu verändern, dass wir als Menschen uns der Bezeichnung als Gottes Ebenbild“ auch würdig erweisen. Ein neäonisches Glaubensbekenntnis sollte sich eng an den Gesetzen Thelemas orientieren, es soll nicht moralisch, aber auf jeden Fall ethisch sein. Zum Beispiel könnte es von dieser Art sein:

Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.“

-Liber CCXX; I/3-

Ich glaube,

  • dass ich als denkendes, fühlendes Wesen individuell bin, niemandes Eigentum, selbstbestimmt in Denken und Handeln. Ich mache niemand anderen für meine Taten verantwortlich.
  • dass ich ein unsterbliches geistiges Wesen bin, und dass der inkarnierte Teil meines Bewußtseins nach dem Tode meines Körpers zum Ursprung zurückkehren wird. Der Ursprung des Seins ist das „ICH BIN“ jenseits der körperlich wahrnehmbaren Welt.
  • dass alle Männer und Frauen dem Ursprung entstammen und mit denselben Rechten inkarniert sind. Jeder Mann und jede Frau hat das Recht, sich frei nach dem eigenen Willen zu entwickeln und zu betätigen, so dadurch nicht der Wille anderer Sterne unterdrückt wird.

Tu was Du willst soll das Ganze von dem Gesetz sein.“

-Liber CCXX; I/40-

Ich glaube,

  • dass der freie Wille das höchste zu erringende Gut ist, und dass es nicht nur erlaubt, sondern auch geboten ist, ihn gegen jede Unterdrückung zu verteidigen. Der freie Wille ist die oberste Direktive für meine Entscheidungen.
  • dass kein von Menschen gemachtes Gesetz den freien Willen einschränken kann und darf. Gleichwohl sei es dem Menschen eine ethische Pflicht, mit Seinesgleichen nach vernünftigen Regeln in kooperativer Gemeinschaft zu leben.
  • dass der freie Wille es mir ermöglicht, über den physischen Tod hinaus als wahrnehmungs- und empfindungsfähiges Wesen zu existieren, bis zu dem Zeitpunkt, an dem alle Dinge zum Ursprung zurückkehren. Die Rückkehr zum Ursprung (das Re-Ligio) ist mein Ziel.

Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.“

-Liber CCXX; I/57-

Ich glaube,

  • dass wahrhaft und aufrecht empfundene Liebe das einzige ist, das Getrenntes verbinden kann. Die Liebe, die dem wahren Willen folgt, ist vollkommen und kann nicht falsch sein.
  • dass die universelle Liebe und der individuelle Wille untrennbar miteinander verbunden sind. Die Zurschaustellung von Unschuld sowie falsches Mitleid lehne ich ab. Der Mensch muss seinem Willen folgen und das, was er tut, muss er lieben können.
  • dass alle Wesen Ausdruck eines kollektiven Bewußtseins sind, dieses ist der Ursprung. Wir alle kehren eines Tages am Ende der Zeiten zum Ursprung zurück und werden ins sein. Denn wir sind geteilt um der Liebe willen.

Da ist kein Gesetz jenseits von Tu was du willst.“

-Liber CCXX; III/60-

Eine auf einem solcherart fundiertem Credo fußende Gemeinschaft im Glauben hat gute Chancen, auch im Äon des Horus die Gläubigen zu einer großen Familie zusammenzuschweißen, die ihren Mitgliedern Halt, Geborgenheit und Liebe zu geben vermag.

Aus dem thelemitisch-ethischen Kontext eines solchen Credos heraus lassen sich bei Bedarf für die Gläubigen natürlich auch moralische Richtlinien (Gebote) ableiten, die z.B.: so aussehen könnten:

  • Beachtet die thelemitischen Gesetze, wie sie im Buch des Gesetzes (Liber CCXX) niedergeschrieben sind, denn die sind die Landmarken auf Eurem Weg zum Ursprung. Das heilige Buch muss nicht verstanden werden, es reicht völlig, die 220 Verse zu lesen und ihnen Zugang zum inneren Selbst zu gewähren. Dort in Eurem Inneren werden sie sich zu voller Größe und Wirksamkeit entfalten und sie werden Eure alten Konditionierungen hinwegfegen um Platz zu schaffen für Euren wahren Willen.
  • Folgt nicht den Versuchungen des alten Äons, es wird Euch stets locken mit Schlagworten wie Stabilität, Sicherheit, Versorgung, Fürsorge, Macht usw.. lasst Euch nicht davon blenden, Geschwister, denn es ist ein Sklavenlohn, den das System Dir bietet. Es ist stets einfach, in das System des alten Äons zurückzukehren, und das System belohnt die Rückkehrer. Doch dieser Lohn ist trügerisch und von kurzer Dauer.
  • Ihr sollt stolz sein und stark, Euren Glauben sollt Ihr verteidigen, den darf Euch niemand nehmen. Kein Mensch hat das Recht, Euch vorzuschreiben, was ihr zu glauben oder nicht zu glauben habt. Darüber entscheidet nur Ihr selbst. Wer Euch zwingen will, Eurem Glauben abzuschwören, dem sollt Ihr geeigneten Mitteln entgegentreten. Ihr habt das Recht, Euch selbst und Euren Glauben zu verteidigen.
  • Seid wachsam, aufmerksam, hilfsbereit und mitfühlend. Ihr sollt kein Mitleid empfinden, denn Mitleid ist ein schwerer Stein an Euren Füßen, der Euch am Fortkommen hindern wird. Nichts desto trotz könnt Ihr für andere Wesen Mitgefühl entwickeln, Ihr könnt Dinge mit Bedauern sehen, Ihr könnt helfen, Leid zu mindern. Barmherzigkeit ist eine edle Tugend, wer sie entwickelt, kann stolz darauf sein.
  • Arbeitet hart an Euch selbst. Ihr sollt von anderen nichts verlangen, dass Ihr nicht selbst bereit und in der Lage seid, zu geben. Mit Stolz könnt Ihr auf Eure Leistungen, die Ihr erbracht habt, zurück blicken und andere ermutigen, es Euch gleich zu tun.
  • Ihr sollt dazu beitragen, dass der Glaube in der Welt verbreitet wird. Dabei sollt Ihr nicht aufdringlich missionieren, sondern überzeugen. Man kann Menschen nicht von etwas gegen ihren Willen überzeugen, sondern nur dadurch, dass man ihnen Bilder gibt, anhand derer sie sich selbst überzeugen können. Seid Beispiele, gute Beispiele für eine positive Lebenseinstellung.
  • Beleidigt nicht andere Konfessionen. Wohl sollt Ihr die Schwächen und Widersprüche der anderen Religionen aufzeigen, aber dies soll geschehen, um den Gläubigen die Möglichkeit zu geben, einen Irrtum zu erkennen.
  • There is no law; beyond: Do what thou wiltEs gibt kein Gesetz; jenseits von: Tu was Du willst. Was bedeutet dies? Nun, dieser Vers aus dem Liber CCXX sagt, dass der freie und wahre Wille des Menschen stets seine höchste Entscheidungsinstanz sein muss, noch über dem geschriebenen Gesetz. Das bedeutet nicht, dass Ihr Euch nicht an das Gesetz des Landes, in dem Ihr lebt, halten müßt. Aber es ist sinnvoll, sich an die Gesetze des Landes, in dem man in einer Gemeinschaft lebt, zu halten. Nichtsdestotrotz dürfen diese Gesetze nicht Euren freien Willen einschränken. Tun sie es doch, müßt Ihr entweder dafür sorgen, dass diese Gesetze unwirksam werden, oder Ihr müßt weichen. Aber Euer heiliger Wille, das Fundament Eures Glaubens, darf nicht unterdrückt werden, weder von Menschen, noch von ihren Gesetzen, noch von Gewalt.

Im Großen und Ganzen jedoch eignet sich Thelema selbst eher nicht zum religiösen Leitbild. Es unterschiedet sich erheblich z.B. vom christlich-religiösen Komplex, der hauptsächlich auf der Wechselwirkung von Schuld und Sühne basiert, und dessen spirituelle Energie zumindest seit dem Konzil von Nicäa aus Empfindungen wie Leid und Mitleid gebildet wird. Das kann soweit gehen, dass, wie im Falle des Opus Dei, der Außenstehende bei der Betrachtung der Selbstgeißelungsriten den Eindruck gewinnt, es handele sich um ein katholisches SM-Studio, und nicht um eine religiöse Gruppierung.

Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es der Wille eines Menschen sein kann, religiös zu empfinden, z.B. in Form liebevoller Hinwendung zur Schöpferentität, aber thelemitisch-religiöse Menschen wird man in den Kirchen der abrahamitischen Religionskomplexe nicht finden.

 


Olaf Francke initiierte den Orden F.C.A., ist Autor und beschäftigt sich seit Jahren u.a. mit Thelema und der Kabbalah.

Autorenseite: Olaf Francke

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