Petri Heil! (v. Olaf Francke)

Mit freundlicher Erlaubnis von  Olaf Francke

Dieser Artikel ist ein Text für Angler, oder die, die es werden wollen. OK, ich rede nicht von dicken Karpfen und Sportfischern, das wird sich jeder Leser, der unser Magazin (Anm: die AHA ist gemeint, siehe Schriften: Sonstige thelemische Schriften
Olaf Francke: Alle AHA-Zeitschriften (ca 250MB, Zip-Format) kennt, denken können. Nein, vielmehr geht es um die Art des Fischens, wie sie einst Simon Petrus betrieb, das „Menschenfischen“. Ein paar Gedanken dazu…

Dieser Vorgang des „Menschenfischens“ lässt sich eigentlich recht wertneutral sehen, jede Bewegung, die etwas auf sich hält, betreibt das. Die frühen Christen waren nicht die ersten, die so etwas taten, aber aus ihren Geschichten stammt der Begriff letztlich. Gemeint ist hier nicht das Einbringen einer Beute, eines Fanges im negativen Sinne, sondern das Sammeln von Menschen um ein zentrales Thema, in diesem Fall ein Glaube bzw. eine spätere Religion.

Auch heute noch gehen Gruppen, Kulte, Religionen „Menschen fischen“, um sich zu verbreiten und Anhänger zu gewinnen. Aktuell sehen wir das jetzt gerade in den afrikanischen Ländern, in denen die sog. „Evangelikalen“, also christliche Sekten, ihre Netze auswerfen und in atemberaubendem Tempo anwachsen. Amerikanische Prediger mit wohlklingenden Namen wie „das Maschinengewehr Gottes“ oder „der Mähdrescher Gottes“ ziehen durch die USA und füllen locker die XXL-Stadien. Auch in Deutschland und ganz Europa haben solche Gruppen regen Zulauf, ein Umstand, der wohl maßgeblich dazu beiträgt, dass die „Sektenbeauftragten“ der protestantischen Religionsmacht inzwischen handfest mit dem eigenen Mitgliederschwund und damit gegen die neuchristlichen Gruppen zu kämpfen haben. Die Thelemiten hingegen bleiben derzeit relativ unbehelligt von den Wächtern des Glaubens und der Moral.

Seit der „Vorzeige-kriminelle-satanistische“ Thelemit MDE nicht mehr unter den Lebenden weilt und sich damit nicht mehr zur Medienvorführung eignet, ist es eh still geworden um Thelema, zumindest in der Öffentlichkeit. Das muss uns ja nicht zum Nachteile gereichen, immerhin haben wir die Möglichkeit, uns nunmehr relativ frei von gewissen Ressentiments als Schöpfer eines neuen Äons zu profilieren. Wir: damit meine ich alle, die sich als Thelemiten sehen und auch in einer solchen Art zu leben verstehen; Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen aufgrund ihrer eigenen ethischen Rahmenbedingungen zu treffen in der Lage sind.

Thelema, das ist die Freiheit des Geistes, die Unabhängigkeit des Bewußtseins, die Hinwendung zum Prinzip Leben an sich.

Ein Thelemit muss nicht Kriege führen, er muss nicht „Feindesland erobern“, er muss nicht unterdrücken, um herrschen zu können. Wun-der-bar. Das ist toll. Freiheit. Liebe unter Willen. Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern. Es gibt kein Gesetz; jenseits von: Tu was Du willst. Das klingt toll. Echt toll. Im Grunde ist Thelema so toll, dass es das Zeug hätte, im Sinne einer Metareligion alle existenten Religionen in der Funktion einer Verantwortungsethik zu ergänzen. Thelema müsste eine Bewegung sein, kein Kult oder verschrobener Eso-Spleen. Thelema hat das Zeug, die wahre Brücke zur Freiheit zu sein.

In diesem Sinne treten seit über 100 Jahren weltweit viele enthusiastische Thelemiten an, um vernünftige und durchführbare Konzepte für thelemitisches Zusammenleben zu kreieren. Angefangen hat es in nennenswerter Ernsthaftigkeit mit Aleister Crowley, der das Liber Legis schrieb und von 1904 an versuchte, Thelema als Weltanschauung zu etablieren. Er verkündete den Beginn eines „neuen Zeitalters“, das Äon des Horus. Seine Bemühungen, thelemitische Gesellschaftsstrukturen zu etablieren, darf man getrost als komplett gescheitert betrachten. Weder der Versuch, Thelema innerhalb des OTO & AA zu manifestieren, noch das Projekt „Thelema-WG“ in Cefalu waren von Erfolg gekrönt. Die Versuche gingen nicht über die Dimensionen eines „persönlichen Freundeskreises“ hinaus. Der OTO stagnierte und zersplitterte unmittelbar nach Crowleys Tod, und nachfolgende Diadochenkriege gaben ihm den Rest. Auch andere Strukturen, die auf Crowleys „magischem Thelema“ fußten (z.B. die „Fraternitas Saturni“) konnten keine entscheidende Wende in punkto Akzeptanz Thelemas in der Öffentlichkeit herbeiführen. Sämtliche okkulten und esoterischen Versuche, Thelema zu manifestieren, sind nie über den Status von Wohnstuben- und Kellertempeln hinausgewachsen.
Auch in der Kunst manifestiert sich Thelema, aber es ist nicht zentrales Thema oder gar eine explizite Kunstrichtung („thelemitische Kunst“). In der Kunst wird Thelema zwar manchmal transportiert, aber es steht nie im Mittelpunkt, zumindest ist so etwas nicht in der öffentlichen Wahrnehmung feststellbar. Thelemitische Inhalte in der Kunst sind subtil, versteckt, dieses großartige Konzept kommt daher wie ein Dieb in der Nacht, verkleidet, verborgen, irgendwie arkan.

Es gab und gibt auch andere Projekte, die versuchen, eine Art entmystifiertes Thelema zu offererieren (z.B. call4will) oder die versuchen, Thelema als kompatiblen Bestandteil religiöser Systeme aufzustellen (z.B. „das Legat“). Und es gibt andere Projekte, die thelemitisch agieren, aber dies nicht gesondert erklären. All diese Projekte, Gruppen, Gemeinschaften haben ein gemeinsames Ziel, nämlich die Errichtung eines neuen Äons, eines Zeitalters, in dem die ethischen Gesetze Thelemas von den Menschen als richtig und wichtig anerkannt und entsprechend im Alltag umgesetzt werden.

Was haben all diese Versuche nun gemeinsam, außer ihrer sinngebenden Herkunft? Richtig. Sie sind, was die massenwirksame Verbreitung angeht, völlig erfolglos. Erfolglos in dem Sinne, dass es scheinbar niemandem in den letzten einhundert Jahren gelungen ist, Thelema massenkompatibel zu verbreiten.

Woran liegt das nun?

  • Ist Thelema so schlecht, niedrig, unpraktikabel, dass es nicht lohnt, sich diesem Konzept gedanklich zu nähern?

Eigentlich kann das nicht angehen. Thelema ist gratis, einfach, schnell zu erfassen und auch ohne allzu großen Bildungsschatz kann man die Richtigkeit Thelemas begreifen.

  • Ist Thelema so schwach, so unlogisch, dass es sich nicht durchsetzen kann?

Normalerweise nicht. Thelema ist die stärkste Kraft, die dem menschlichen Geist innewohnt, sie läßt uns bisweilen weit über unsere eigentlichen Grenzen hinauswachsen.

  • Ist Thelema so anders, so grundsätzlich verschieden von der menschlichen Natur, dass so viele es nicht annehmen können?

Hmmmm… ich vermute, hier nähern wir uns dem Nexus, dem Kern des Problems. Thelema ist ANDERS.

Unser Ziel ist es, Menschen zu fischen. Gruppen zu bilden, eine Bewegung zu schaffen. Darum gehen wir, die Thelemiten, raus in die Welt und -wenn man so will- predigen Thelema. Ich weiß, dass dieser Begriff einigen Leuten nicht recht schmecken mag, aber de facto ist es nunmal so. Wir beglücken die Welt mit unserer frohen Botschaft, die da lautet: Du musst nichts, aber Du kannst. Alles, was Du willst. Das ist ein tolles Angebot, ist es nicht? Ich finde eine Botschaft, die mir Freiheit in Aussicht stellt, ist sehr verlockend. Und trotzdem gelingt es uns nicht, viele Menschen von diesem an sich erfreulichen Umstand (dass es Freiheit gibt) zu überzeugen. Was ist der Grund für unser offensichtliches Versagen als Missionare eines neuen Äons?
In der Redaktion AHA haben wir oft über dieses Thema gesprochen, haben uns gefragt, was wir verkehrt machen, warum es uns nicht gelingt, wie z.B. ein Prediger der „Wiedergeborenen“ zigtausende von Anhängern hinter unseren Thesen zu versammeln.

Wie der Zufall es so will, kam ich im Gespräch mit einem Geschäftsfreund, bei dem es um die Optimierung unserer Produkte ging, der Sache näher. Der besagte Geschäftsfreund ist passionierter Angler und gab mir folgende Weisheit mit auf den Weg:

„Noch lange nicht schmeckt
dem Fisch der Köder,
den der Angler mag!“
-Anglerlatein-

Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Der Köder ist es. Darin unterscheiden wir uns von allen Religionen, Kulten und Konzepten, die Menschen in Massen zusammenführen. Wir benutzen einen anderen Köder.

Der Köder, den Thelemiten benutzen, heißt Freiheit. Verantwortung. Liebe. Wille.

Der Köder, den andere benutzen, heißt Unterdrückung. Verantwortungsabgabe. Haß. Befindlichkeit.

Thelema setzt voraus, dass sich der Mensch aus freier Entscheidung mit freiem Willen einer Sache zuwendet, die Welt annimmt und akzeptiert, Toleranz pflegt, denn „jeder Mann und jede Frau ist ein Stern“ und „alle Propheten sind wahr…“

Die großen Religionen und ihre Sekten machen es anders. Sie predigen zwar oft Barmherzigkeit und Liebe, aber die Massen bewegen sie mit dem Haß ihrer Anhänger. Jede dieser altäonischen Gruppen hat eines oder mehrere Feindbilder. Bei den Einen sind es die „Ungläubigen“, bei den anderen die „Schwulen“ oder die „Juden“, die „Neger“, die „Weißen“, die „Kapitalisten“, die „Umweltsünder“, die „Tierquäler“, die „Konsumenten, die „Spießer“, das „Establishment“, die was-weiß-ich-nicht-alles…

Man predigt gegen Abtreibung, Homosexualität, Drogen, Farbige, Andersgläubige, ethnische Minderheiten, moralische Anderswertigkeit, gegen vermeindliche Sittenwidrigkeit und alles mögliche…

Es wird immer nur ein Bündnis GEGEN etwas geschlossen, viel zu selten verbündet man sich FÜR eine Sache. Eine Gruppe FÜR Umweltschutz definiert sich GEGEN Umweltverschmutzung, man ist GEGEN Atomkraft, GEGEN Verbrennungsmotoren, GEGEN bestehende rechtliche Bestimmungen. Damit schafft man ein Feindbild, nämlich das des Umweltverschmutzers. Ein mehr oder weniger konkretes Feindbild, gegen das man zu Felde zieht. Ein Bild, von dem man sich distanzieren kann und muss, um zur Gruppe zu gehören.

„Gemeinsame Feinde schaffen Freunde“

Über das gemeinsame Feindbild definiert sich die Gruppe, der gemeinsame Kampf schweißt alle zusammen. Das ist nicht nur bei Umweltschützern so, sondern auch bei Katholiken, Protestanten, Baptisten, Evangelikalen, Wiedergeborenen, Muslimen, Satanisten, Kommunisten, Faschisten, usw. usf. Selbst bei den als gemäßigt geltenden Buddhisten gibt es diese Art der Gruppenbildung, die sich durch Abgrenzung auszeichnet.

Thelema ist da ganz anders. Thelema ist nicht grundsätzlich GEGEN irgendetwas, Thelemiten definieren sich durch Hinwendung. Da diese jedoch unglaublich individuell gestaltet ist, fällt die Gruppenbildung verständlicherweise nicht leicht. Wenn wir also Thelemiten für eine Bewegung gewinnen wollen, versuchen wir sie FÜR sich selbst, FÜR die Welt in ihrer unendlichen Vielfalt und FÜR Freiheit und Liebe unter Willen zu begeistern. Ich schätze, diese Vorgehensweise ist den meisten Menschen suspekt. Sind sie es doch gewohnt, sich stets GEGEN etwas abzugrenzen (Nachbargrundstücke, Arbeitskollegen, Konkurrenten, Andere), so wird nun von ihnen das genaue Gegenteil erwartet, nämlich die Öffnung dem Unbekannten, dem Unberechenbaren gegenüber.

Um zu hassen, Feindbilder aufzubauen und zu pflegen, bedarf es nur einiger Emotiönchen, welche die Haßprediger zielsicher zu bedienen in der Lage sind. Und *zack* ist der Fisch im Netz! Aber um zu lieben, bedarf es mehr. Es bedarf eines großen Herzens, es bedarf eines klaren Verstandes, und es bedarf eines festen Willens, um hierin nicht zu fehlen. Wieviel einfacher ist es da, dem Drang, der Befindlichkeit nachzugeben und zu hassen, wie es die Prediger uns erlauben.

Das ist m.E.n. Der Grund, warum wir Thelemiten so verdammt lausige „Menschenfischer“ sind, und warum die Menschen zu Hundertausenden in die Hallen der Haßprediger, Politiker, Aktivisten strömen. Darum ist Thelema vergleichsweise klein und unbedeutend, darum strömen uns nicht die Massen zu, um in Thelema ihre Erleuchtung zu erfahren. Wir benutzen einfach den falschen Köder.

Die Frage, die aus dieser Erkenntnis resultiert, ist klar und deutlich. Sollten wir, um erfolgreicher „Menschen zu fischen“, unseren Köder ändern? Soll der Angler den Köder wählen, der dem Fische schmeckt, auch wenn der Angler ihn nicht mag? Die Verlockung ist groß. Ich könnte mir zum Beispiel flugs die Worte der Gewaltigen zu eigen machen, mit ihrer Zunge reden, in klischeereichen Brandreden den Haß auf das, was „anders“ ist, predigen. Das wäre mir ein leichtes.

Aber … will ich das? Will ich das, was ich für Recht erachte, wirklich aufgeben, nur um einen größeren „Fang“ zu machen? Nur um meine Hallen zu füllen, Anhänger um mich zu scharen? Nein. Das will ich nicht.

Und ich denke, das sollte kein Thelemit wollen. Ich will ICH sein, nicht so, wie die anderen. Für mich steht nicht im Vordergrund, wie groß mein Publikum ist. Ich freue mich über jeden Menschen, der sich aus freien Stücken FÜR Thelema entscheidet, nicht GEGEN etwas, nur, um dazu zu gehören. Ich will hier auch keinesfalls die Gruppen, die ich ansprach, schlecht reden, das ist nicht meine Absicht. Aber ich plädiere leidenschaftlich dafür, einen neuen Weg auszuprobieren, einen Weg, der sich nicht durch Abgrenzung definiert, sonder der sich durch Toleranz und Akzeptanz des Anderen auszeichnet.

Wenn jemand Christus oder Mohammed, JHVH oder ALLAH wirklich liebt, so soll er dies tun. Er soll sich daran erfreuen, aus freien Stücken mit ganzem Herzen. Und er soll diese Freude mit anderen teilen. Wenn aber die Prediger seines Kultes, seiner Kirche, seiner Gruppe stets und ständig von ihm verlangen, GEGEN irgendetwas zu Felde zu ziehen, Haß zu empfinden, so sollte er sich überlegen, ob dies Eigenschaften eines barmherzigen und liebenden Gottes sein können. Gott haßt keine Schwulen und Lesben. Allah haßt keine Menschen, die nicht dem Propheten nachreden. Wer solche Dinge behauptet, der fischt nicht nach Menschen, der wildert im See, dem sind die Fische egal.

Wir alle sollten uns bemühen, die Feindbilder abzubauen, die man uns über Generationen eingeimpft hat. Wenn unsere moralischen und religiösen Codices oder Führer Feindbilder aufbauen, dann sollten wir, jeder für sich selbst, darüber entscheiden, ob wir diesen Wegen folgen möchten, oder ob wir einen eigenen Weg gehen wollen, einen Weg, der uns zum freien Willen HIN führt, und uns nicht von ihm entfernt.

„…fürchte nicht, dass irgendein Gott
dich hierfür abweise.“
-Liber CCXX II/22-

 

Siehe auch: AMISA, wo der Beitrag zuerst erschienen ist.


Olaf Francke initiierte den Orden F.C.A., ist Autor und beschäftigt sich seit Jahren u.a. mit Thelema und der Kabbalah.

Autorenseite: Olaf Francke

Ein Kommentar zu „Petri Heil! (v. Olaf Francke)

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