Thelema, über Freud und Leid

Vor kurzem bekam ich eine Frage gestellt unter einer meiner Videos, worauf ich dann geantwortet habe.

Die Frage:
Die Stechfliege .. seit einigen Tagen beschäftige ich mich jetzt mit den Inhalten Ihrer Videos, erst einmal vielen herzlichen Dank für diese vielen klärenden Worte und Gedanken! Vor allem freut mich, dass Sie Crowley in ein, wie ich fühle, ihm zustehendes Licht rücken.
Ein Aspekt erscheint immer wieder und irgendwie habe ich das Bedürfnis nachzufragen … vielleicht liegt es daran, dass ich eine ganze Zeit lang den Pali-Kanon studiert habe und eine zu enge Sicht der Dinge habe … dennoch es schmerzt mich ein wenig, dass der Buddhismus und das Christentum im gleichen Atemzug der schwarzen Schule zugeordnet sind .. für mein Empfinden gibt es leider ein häufiges Missverständnis was das Wort “Leiden” im Zusammenhang mit dem Buddhismus betrifft. Es wird für mein Empfinden zu sehr aus unserem westlichen christlichen Kontext gedeutet. “Dukkha” (1. Edle Wahrheit) kann nicht einfach mit “Leiden” übersetzt werden, dass ist deutlich zu kurz gegriffen. ZBsp. https://anthrowiki.at/Vier_edle_Wahrheiten
Zudem hat doch diese “Frustration” einen deutlich anderen Hintergrund und Nährboden im Buddhismus als im
Christentum, wo wir mit der Urschuld konfrontiert sind….
Meine Frage ist also, aus welchem Aspekt heraus, kommt es zu dieser Gleichsetzung in die schwarze Schule? Es würde mich sehr freuen, wenn Sie darauf ein wenig näher eingehen können. Es ist viele Jahre her, dass ich mich mit Crowley beschäftigt habe und mir fällt auf, dass ich immer nur einen Teil des gesagten oder geschrieben erfassen kann, eben das was gerade in meine sich zwar ständig weitende aber dennoch sehr begrenzte Weltsicht so rein passt und sich zuordnen lässt .. 😊 vielleicht habe ich da etwas übersehen ..

Meine Antwort:
Hallo @Katharina,
zum einen: die schwarze Schule ist genauso wichtig wie die weiße oder gelbe Schule. Ebenso hat die schwarze Schule nichts mit schwarzer Magie oder ähnlichem zu tun. Die schwarze, als auch die weiße Schule stellen ein Gleichgewicht dar, während die gelbe Schule die Neutralität ausdrückt, in dem sie „nichts“ tut.
Die Welt wird immer aufgeteilt in Gut oder Böse, Leid oder Freude, schwarz oder weiß. Das mache ich so, das machst du so und das macht ein jeder so.
Der Mensch entscheidet dann für sich, wie er leben. Will er sich dem Leid widmen, weil er sich dadurch Erlösung erhofft, ist es natürlich sein Recht so zu leben. Ein anderer will aber lieber die Welt genießen in der er lebt und erfreut sich daran, auch so kann man zur Erlösung kommen.

Womit wir zu deiner Frage kommen. Dukkha (in der Summe drückt es schon Leid aus) drückt Unzufriedenheit aus und Buddha empfiehlt bestimmte Methoden, Regeln (die 4 edlen Wahrheiten), um aus diesem Dukkha raus zu kommen. Das Ziel ist Nirvana und das man nicht mehr auf diese Welt inkarnieren muss.
Das sagt eigentlich schon alles, hier ist alles scheiße, aber es gibt Möglichkeiten da raus zu kommen.
Bei den Gnostikern läuft es ähnlich, die Erde wird von Satan beherrscht und um aus dieser (materiellen) Welt raus zu kommen, sollte man in Askese leben, kein Fleisch essen, kein Sex etc.. Und wenn einer die Absicht hat, einen zu töten, so soll man sich nicht wehren, dann dadurch besteht die Möglicheit der Erlösung.
Diese Verneinung des Lebens auf diesem Planeten ist schwarz, sie lehnen alles ab was auch Freude bereiten könnte. Das Christentum lehrt es bis heute, aber hält sich selbstverständlich kaum daran.
Glaubensrichtungen mit (lebenslangen) Verboten sind schwarz.
Überhaupt ist es ein Wunder, dass man Lachen darf, wenn eh alles scheiße und schlecht ist. 😉

Thelema sagt dies nicht aus. Es lässt offen welchen Weg man einschlagen muss, es sagt lediglich aus, tue was du willst. Du musst entscheiden welcher Weg deiner ist und nichts ist verboten, außer es verletzt die Formel.
Es gibt 3 Punkte die man beachten sollte (aber nicht muss, eher will 😉 ): einem anderen das Recht abzusprechen, seinen Willen auszuüben, sich in seinem Tun zu beschränken und sich gegen das Werden zu wehren.

Crowley war jahrelang Buddhist und hat den Buddhismus intensiv studiert. Ich war jahrelang überzeugter Christ, von Kind auf, bis ich genug davon hatte, um mich dann mit Magie, Mystik und Okkultismus zu beschäftigen. Jeder Mensch geht seinen Weg und lernt die verschiedenen Glaubensrichtungen und versteht dann durch Erfahrungen wie seine Welt ist. Genau deswegen ist Thelema auch keine Religion, vielleicht eine Meta-Religion, aber sicher keine Religion im herkömmlichen Sinne. Es ist eine (göttliche) Lebenseinstellung, in dem man jedem Lebewesen das Recht zuspricht, seinen Weg zu gehen ohne es daran zu hindern. Thelema ist Freiheit und Freiheit drückt (für mich zumindest) Freude aus. Es ist weitaus angenehmer und freudvoller einen anderen Menschen in seinem Tun zu lassen, als ihm zu sagen, dass er falsch lebt oder das er doch dies so und so machen soll.

 


Die Stechfliege initiierte diesen Blog.

Autorenseite: Die Stechfliege

2 Kommentare zu „Thelema, über Freud und Leid

  1. „Es ist weitaus angenehmer und freudvoller einen anderen Menschen in seinem Tun zu lassen, als ihm zu sagen, dass er falsch lebt oder das er doch dies so und so machen soll.“

    Für diesen Satz könnt ich glatt „eine“ Stechfliege knutschen ;O)!

    Gefällt 1 Person

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