Die Gefahren der Mystik – 1911

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(Text aus dem Englischen (hier gefunden) und übersetzt von mir, mit Hilfe von deepl.)

Liebevoll gewidmet an Arthur Edward Waite.

Eine kuriose Idee wird eifrig verbreitet und scheint an Boden zu gewinnen, dass die Mystik der „sichere“ Weg zum Höchsten und die Magie der gefährliche Weg zum Niedrigsten sei.

Zu dieser Behauptung werde ich einige Anmerkungen machen.

Man mag bezweifeln ob irgendetwas frei von Gefahren ist, wenn man etwas tut was einem wert ist und man kann sich fragen, welche Gefahren auf einen zukommen, wenn das Ziel sein eigener Untergang ist. Man kann auch ein wenig grimmig über die Integrität derjenigen lächeln, die versuchen jegliche Form der Magie als Schwarze Magie zu bezeichnen, wie es der gegenwärtige Trick von mystischen Militanten hier auf Erden ist.

Nun, als jemand der vertraut ist mit der Literatur beider Pfade und persönlich von den Adepten beider Pfade geehrt wurde, glaube ich, dass ich es vielleicht richtig ins Gleichgewicht bringen kann.

Dies ist die magische Theorie, dass ein Abweichen im Universum ausgeglichen und so korrigiert werden muss. So muss sich der „große Magier“ gegen den Mayan, den Erschaffer der Illusion, den Schöpfer, kämpfen, denn, wenn der Satan gegen Satan kämpft, wie soll dann sein Königreich weiterhin bestehen bleiben?

Beide verschwinden: Die Illusion ist vorbei. Mathematisch gesehen heißt das 1 + (-1) = 0. Und dieser Weg wird im Tarot unter der Figur des Magier symbolisiert, die Karte mit der Zahl 1, die Zahl nach der 0, aber auf den hebräischen Buchstaben Beth bezogen, also die Zahl 2, der Merkur, der Gott der Weisheit, der Magie und der Wahrheit.

Und dieser Magier hat den doppelten Aspekt des Magiers selbst, das im Liber 418 geschrieben steht. (The Vision and the Voice, 7th Æthyr.)

Die Formel des Mystikers ist viel einfacher. Mathematisch gesehen ist es 1 – 1 = 0. Er ist wie ein Salzkorn, das ins Meer geworfen wird. Der Prozess der Auflösung ist für ihn offensichtlich einfacher als ein Magier zu sein, welcher die Erschütterungen der Welten betrachtet. „Setz dich hin und fühle dich als Staub in der Gegenwart Gottes; nein, noch weniger als Staub, als nichts“, ist die völlige ausreichende Einfachheit seiner Methode. Unglücklicherweise können viele Menschen dies nicht tun. Und wenn du einem Mystiker auf deine eigene Unfähigkeit hinweist, ist es nur allzu wahrscheinlich, dass der Mystiker mit den Schultern zuckt und dich stehen lässt.

Dieser Weg wird durch den „Narren“ des Tarot symbolisiert, der dem Mystischen und dem Unendlichen gleicht.

Aber abgesehen von dieser Frage ist es keineswegs sicher, dass die Formel so einfach ist wie sie scheint. Wie kann der Mystiker sicher sein, dass „Gott“ wirklich „Gott“ ist und nicht irgendein Dämon, der sich nach deinem Bild verkleidet? Wir finden Gerson, der Huss seinem „Gott“ opfert; wir finden einen modernen Journalisten, der sich mehr als nur mit der Mystik beschäftigt hat und meinte Dieses mystische Leben in seiner höchsten Form ist unbestreitbar egoistisch“. Wir finden eine andere Schrift wie die der alten Dame, welche ihre Kritik am Universum geendet hat mit den Worten Es gibt nur Jock und ich werde gerettet werden; aber ich bin nicht so sicher ob es Jock ist“. Wir finden einen anderen, der im Alter von 99 Jahren wegen einer angeblichen Verletzung seines angeblichen Urheberrechtes mit dem Mund schäumte und so empfindlich ist, dass die Erwähnung seines Namens durch den jetzigen Schriftsteller einen Anfall epileptischer Manie hervorruft. Wenn solche wirklich mit Gott „vereint“ oder „in ihm vertieft“ sind, was ist das dann für ein Gott?

In den Galatern wird uns gesagt, dass die Früchte des Geistes Friede, Liebe, Freude, Leiden, Güte, Glaube, Sanftmut, Mäßigkeit sind (Galater 5, 22 ) und anderswo steht: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“. (Matthäus 7,16)

Von diesen Übeltätern müssen wir dann entweder denken, dass sie unehrlich sind und nie etwas erreicht haben, oder dass sie sich mit einem Teufel vereinigt haben.

Das sind die „Brüder des linken Pfades“, welche im Liber 418 so ausführlich beschrieben werden. (The Vision and the Voice, 3th Æthyr)

Das charakteristischste Merkmal ist ihre Exklusivität. „Wir sind die Männer.“ „Unseres ist der einzige Weg.“ Alle Buddhisten sind böse“, das ist ihr Wahnsinn des geistigen Stolzes.

Der Magier fällt nicht annähernd so leicht in diesen schrecklichen Schlamm des Stolzes wie der Mystiker. Er beschäftigt sich mit Dingen außerhalb seines selbst und kann seinen Stolz korrigieren. Tatsächlich wird er ständig von der Natur korrigiert, so kann Er, der Erhabene, nicht eine Meile in vier Minuten laufen!

Der Mystiker ist einsam und verschlossen, es fehlt ihm an einem gesunden Kampf. Wir sind alle Schuljungen, und das Fußballfeld ist eine perfekte Prophylaxe des angeschwollenen Kopfes. Wenn der Mystiker auf ein Hindernis stößt, „glaubt“ er daran und sagt es sei „nur Illusion“. Er hat das Gefühl von Wohlbefinden eines Morphiumsüchtigen und eine Wahnvorstellungen des allgemeinen Paralytikers. Er verliert die Kraft irgendeine Tatsache ins Gesicht zu sehen. Er ernährt sich von seiner eigenen Phantasie, er überzeugt sich von seiner eigenen Leistung. Wenn man ihm in diesem Punkt widerspricht, ist er boshaft und verleumderisch. Wenn ich Herrn X kritisiere, schreit er und versucht mich hinter meinem Rücken zu verletzen, wenn ich sage, dass Madame Y nicht gerade die heilige Teresa ist, schreibt sie ein Buch, um zu beweisen, dass sie es ist.

Solche Personen „ziehen einen Nebel der inneren Verrottung nach sich und eine üble Ansteckung breitet sich aus“, wie Milton über weniger gefährlicher spiritueller Führer schrieb.

Für ihre unglücklichen Anhänger und Nachahmer reichen keine Worte des Mitleids aus. Das ganze Universum ist für sie, nur „der Spiegel ihres Narrengesichtes“; aber im Gegensatz zu Sir Palamedes bewundern sie es. Sie sind moralische und spirituelle Narzissten. Sie sterben in den Gewässern der Illusion. Ein Freund von mir, ein Anwalt aus Neapel, hat mir merkwürdige Geschichten erzählt, wie solche Selbstbeweihräucherung enden.

Und die Subtilität des Teufels zeigt sich vor allem in der Methode wie Neophyten von den Schwarzen Brüdern gefangen werden. Es gibt eine übertriebene Ehrfurcht, eine Feierlichkeit der Ausdrucksweise, eine Eitelkeit archaischer Phrasen, einen falschen Schleier der Heiligkeit auf dem unreinen Schrein. Stilisierte Affektiertheit maskiert sich als Würde; ein Flickenteppich von Mediävalismus-Affen, die Tiefe des Fachjargon geht in die Literatur über; Behälter mit magischen Schutzmittel und Reliquien sammeln sich um den Saum der vollkommenen Eingebildeten, Prüden und Pharisäers an.

Die Folge dieser Haltung ist das Fehlen jeglicher menschlicher Tugend. Der größte Magier, wenn er in seiner menschlichen Eigenschaft handelt, handelt so, wie es ein Mensch tun sollte. Insbesondere hat er Herzlichkeit und Sympathie erlernt. Selbstlosigkeit ist sehr oft eine besondere Fähigkeit von ihm. Aber das fehlt dem Mystiker. Beim Versuch, die niedrigeren Ebenen in die höheren Ebenen zu absorbieren, vernachlässigt er aber dadurch die niedrigeren Ebenen, ein Fehler den kein Magier begehen würde.

Die Nonne Gertrude , war an der Reihe das Geschirr zu spülen und obwohl es ihr schlecht ging, tat sie es. Und in diesem Moment war sie mit dem Erlöser verheiratet und der volle Chordienst war dabei.

Hunderte von Mystikern verschließen sich völlig und für immer. Nicht nur ihre Fähigkeit, Wohlergehen für die Gesellschaft zu erzeugen, geht verloren, sondern auch ihre Liebe und ihr guter Wille und das Schlimmste von allem ist ihr Leitbild und ihr Gebot.

Christus, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, fand Zeit seinen Jüngern die Füße zu waschen. Jeder Meister der dies nicht auf jeder Ebene tut ist ein Schwarzer Bruder. Die Hindus ehren keinen Mann, der „Sannyasi“ (ähnlich unserem „Einsiedler“ aus dem Tarot) wird, bis er alle seine Pflichten als Mensch und Bürger treu erfüllt hat. Das Zölibat ist unmoralisch und darum ist das Zölibat eine der größten Schwierigkeiten dieses Pfades.

Hüten Sie sich vor all denen, die sich vor kleineren Schwierigkeiten entziehen: Man kann darauf wetten, dass sie sich auch den größeren Schwierigkeiten entziehen.

Von den besonderen Gefahren des Weges gibt es hier keinen Platz zum Schreiben. Jeder Schüler findet bei jedem Schritt Versuchungen, die seine eigene besondere Schwäche widerspiegeln. Ich habe mich daher ausschließlich mit den Gefahren beschäftigt die untrennbar mit dem Weg selbst verbunden sind, den Gefahren die seiner Natur innewohnen.

Nicht für einen Moment würde ich die Schwächsten bitten, sich von diesem Weg abzuwenden oder umzukehren und ich würde die Stärksten bitten, die folgenden Richtlinien anzuwenden:

  1. Die skeptische oder wissenschaftliche Haltung, sowohl in Bezug auf die Sichtweise als auch auf die Methode einzunehmen;
  2. Ein gesundes Leben führen, das bedeutet was allgemein Sportler oder Forscher empfehlen.
  3. Eine herzliche menschliche Hingabe an das Leben, der Gesellschaft, der Arbeit und der Pflicht.

Lasst uns daran erinnern, dass eine Unze ehrlichen Stolzes besser ist als eine Tonne falscher Demut, und eine Unze wahrer Demut ist genau soviel Wert wie eine Unze ehrlichen Stolzes. Der Mann der arbeitet, hat keine Zeit sich mit beiden zu beschäftigen. Und er soll sich an die Aussage Christi über das Gesetz erinnern, „Gott von ganzem Herzen zu lieben, ebenso deinen Nächsten wie dich selbst“.

Aleister Crowley, 1911


Aleister Crowley initiierte Thelema und den Orden A∴A∴ und war bis zu seinem Tod Oberhaupt des Ordens O.T.O. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Schriften und gilt im Mainstream als der „böseste Mensch des 20. Jahrhundert“.

Autorenseite: Aleister Crowley

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